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Kaffeetrinken, Krähenschwärme und Spiegelneurone

7. Juni 2013

Beobachten Sie mal eine Gruppe von Menschen bei einer Mahlzeit. Oder besser: bei einer Zusammenkunft, bei der Getränke und Knabberzeug auf dem Tisch stehen, dabei kann man es besser erkennen. Und achten Sie darauf, wann genau die Leute zur Kaffeetasse (oder was auch immer da für Getränke sind) greifen und trinken. Oder wann sie sich einen Keks nehmen.

Ich habe bemerkt, dass sie es mehr oder weniger gleichzeitig tun. Und ich habe es auch bei mir selbst festgestellt. Das Seltsame: Wenn die Anderen einen Schluck nehmen, mache ich es ihnen nicht „einfach so“ nach. Und auch nicht aus irgendeinem Gemeinschaftsgefühl heraus. Ich habe in diesem Augenblick tatsächlich Durst!

Auffällig ist auch, das Gähnen „ansteckend“ ist. Da macht sich wirklich Müdigkeit breit, wenn einer damit anfängt.

Richtig fies wird es dann, wenn sich so ein Lümmel direkt vor einer Blaskapelle plaziert und, nachdem er sich gestenreich der Aufmerksamkeit der Musikanten versichert hat, in eine Zitrone beißt! Da zieht sich bei den Blechbläsern der Mund so zusammen, dass sie keinen geraden Ton mehr aus der Trompete bringen. Dabei haben sie doch gar nichts von der Säure schmecken können!

Verantwortlich dafür sind, so habe ich gelesen, sogenannte Spiegelneuronen. Beim Menschen liegen sie innerhalb der Großhirnrinde, dort wohl zumindest teilweise im Broca-Zentrum, das auch das Sprechen maßgeblich steuert. Wie das im Einzelnen aussieht und funktioniert, mögen die Neurologen diskutieren. Mir geht es um die mitunter sonderbaren Auswirkungen im Alltag.

Natürlich muss das irgendeinen evolutionsbiologischen Sinn haben. Einer ist das Lernen in der Gruppe. Wenn einer in eine Zitrone beißt und dabei ein „saures Gesicht“ zieht, dann wissen alle anderen: „Aha, Zitronen sind sauer!“ Oder, bei Ekel: „Aha, Nacktschnecken sind ungenießbar!“ Und dieses Wissen wird als persönliche Erfahrung im Gehirn abgespeichert, denn es wurden die gleichen Hirnareale aktiviert, als wenn man das Experiment einer Wegschneckengustation höchstselbst unternommen hätte.

Und wie ist das mit dem Kaffeesynchrontrinken und den Keksen? Ich stelle mal die These auf, dass es hier um die gleichmäßige Verteilung von Nahrung in der Gruppe geht, also darum, dass nicht einer die Kanne leerschlabbert und die anderen leer ausgehen. In der Zeit, als unsere Altvorderen, also Leute wie Lucy und Mrs. Ples, durch die afrikanische Savanne streiften, war so ein genetisch programmiertes Solidarverhalten sicher lebenswichtig für die ganze Sippschaft. Zumindest bei Hordentieren wie den Hominiden, die nur in einem Sozialverband überleben können. Geier denken da anders.

Natürlich ist das Synchrontrinken – ich bin immer noch beim Kaffee –  nicht absolut synchron. Einer fängt immer an. Aber wer? Meine These: der Ranghöchste.  Das setzt voraus, das es eine Rangordnung gibt. Darin unterscheidet sich die Horde (oder das Rudel)  vom Schwarm. Bei formalen Anlässen bei Menschen ist das sogar ritualisiert: Der Gastgeber, auf seinem Territorium das offiziell ranghöchste Tier, sagt „Guten Appetit“, dann dürfen alle essen. Oder das Alphatier sagt „Zum Wohle,“ dann dürfen die anderen mit einstimmen und trinken. Es gilt als Fauxpas, wenn sich ein anderer das anmaßt. Es sei denn, er wäre darum gebeten worden, z. B. einen Toast auszubringen.

James Cook hat im 18. Jhdt. diesen Mechanismus ganz gezielt eingesetzt. Auf seinen Entdeckungsfahrten wurde tonnenweise Sauerkraut mitgeführt. Damit wollte Cook dem Skorbut vorbeugen. Allerdings kannten die britischen Seeleute das bayerische Zeug nicht und wollten es nicht essen. Deshalb ordnete Cook an, dass das Kraut zunächst nur an die Offiziere ausgegeben wurde, die es an Deck mit zur Schau gestelltem Wohlbehagen zu verspeisen hatten. Die Umkehrung des oben geschilderten Schnecken-sind-ekelhaft-Effektes zeigte Wirkung, nun wollten auch die einfachen Mannschaften von der deutschen Delikatesse haben!

Bei weniger formellen Gelegenheiten bzw. in Situationen, wo Rangordnungen nicht so deutlich sind, habe ich darauf noch nicht geachtet, wie das abläuft. Es wird aber mein Forschungsprojekt sein. 😉

Möglich ist auch, dass es in einigermaßen egalitären Gesellschaften so eine Art „Schwarmdemokratie“ gibt. Situation: einige hundert Krähen sitzen auf den Bäumen im Park. Eine Krähe fliegt auf, ein paar andere schließen sich an. Sie drehen eine kleine Runde über dem Wipfel und setzen sich wieder. Eine Weile später wiederholt sich das Ganze, diesmal mit ein paar mehr Teilnehmern und etwas mehr Geschrei. Und wieder und wieder, nach und nach werden es immer mehr Flugwillige, bis sich nach einer Dreiviertelstunde endlich die Aufbruchstimmung auf den ganzen Schwarm ausbreitet. Aber auch, wenn sich das ganze Federvieh mit großem Lärm in die Lüfte erhoben hat, ist noch lange nicht klar, wohin die Reise gehen soll. Immer wieder geht es hin und her, es setzt sich ein Grüppchen in eine bestimmte Richtung ab, kehrt zurück, wenn sich die anderen nicht anschließen, wieder geht es durcheinander und im Kreis herum. Es dauert lange, bis schließlich der ganze Schwarm in gleicher Richtung unterwegs ist. Ich habe mich immer gewundert, warum Vögel so einen Aufwand mit dem zunächst ziellosen herumkreisen machen. Aber es muss sich wohl lohnen, aus den vielen Einzelimpulsen und Einzelwahrnehmungen einen Konsens zu machen.

Gibt es so was auch bei Menschen? Immer wieder ist auch bei Menschen vom „Herdentrieb“ die Rede. Also das Bedürfnis, etwas so zu machen wie die anderen, „die da ganz vorne werden schon richtig erkannt haben, was zielführend ist!“ Aber richtig auffällig wird das erst, wenn das Gegenteil eintritt und es zur Katastrophe kommt. Wie bei der Loveparade in Duisburg 2010. Die Masse zwängte sich durch einen viel zu engen Tunnel. Warum blieben die Leute nicht einfach stehen, als sie merkten, dass es nicht weiter geht? Warum drängten sie nach und traten einander zu Tode, statt abzuwarten oder auf den Platz zurückzugehen? Warum wurde die Information „Da vorne gehts nicht weiter!“ nicht nach hinten weitergegeben? Vielleicht, weil Massenbewegung in sich schon eine Information enthält, in diesem Falle eine falsche: Die Masse bewegt sich nach vorn, demnach liegt die Gefahr hinten! Also ein Instinkt, der hilfreich war, so lange wir es mit Säbelzahntigern und Höhlenbären zu tun hatten und nicht mit überforderten Polizeibeamten auf desorganisierten Großveranstaltungen.

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5 Kommentare
  1. zumindest zum phänomen der massen panik gibt es seit 2010 schon eine einleuchtende erklärung: menschen können angst nämlich bei anderen riechen und die wirkt anscheinend ansteckend, fatalerweise ist der vorgang unbewußt : http://www.sueddeutsche.de/wissen/gefuehle-der-geruch-der-angst-1.384584

    • Ein interessanter Gesichtspunkt!
      Dass Hunde die Angst von Menschen riechen können, hatte ich gewusst. Auch in manchen Kriegserlebnissen von Soldaten ist so was schon angedeutet worden. Aber dass es Untersuchungen dazu gibt, wusste ich noch nicht.
      Danke für den Beitrag!

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