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Vielredner

10. Juni 2013

Delfin brachte unter „Ihre Themenvorschläge“ dieses Thema auf:

Ich finde es manchmal grausam wenn NT s etwas erzählen,sich permanent wiederholen und alles in die Länge ziehen zu müssen.
Sie reden so lange bis man gar nichts mehr versteht. Am Ende müssen wir dann noch zwischen den Zeilen lesen. Anstrengend.

Es wird nicht so ganz deutlich, was Delfin da genau erlebt hat. Aber ich will mal versuchen, verschiedene Vielredner zu charakterisieren. Ganz subjektiv aus meinem eigenen Erleben, ohne Anspruch auf  Vollständigkeit oder gar Wissenschaftlichkeit. (Letzteres darf man von mir in diesem Blog sowieso nicht erwarten! 😉 )

Der Geschichtenerzähler

Dazu fällt mir spontan ein Arbeiter ein, mit dem ich auf einer abgelegenen Einsatzstelle auf dem Lande zu tun hatte. Er hatte ein unerschöpfliches Repertoire an Geschichten zu erzählen. Erlebnisse, Anekdoten, Dorfnachrichten, Witze, machmal auch Zoten. Wenn er bei einer seiner Erzählungen die Formulierung „kurz und gut“ gebrauchte, dann wusste ich schon, dass er „lang und breit“ meinte und dass er gerade mal die Einleitung seiner Schilderung abgeschlossen hatte.

Geschichtenerzähler sind die Künstler unter den Vielrednern. Sie sind eloquent, ihre Schilderungen sind farbig, unterhaltsam und oft auch informativ. Ich erfuhr viel über das Leben im Schützenverein, die Hilfsbereitschaft unter den Bauern, betrügerische Autohändler, wie sich Volkssturmgefechte in den letzten Kriegstagen abspielten (In welchem Geschichtsbuch ist so was zu lesen?!) und warum dem reichen Unternehmer im Ort von der Polizei die Waffen abgenommen wurden.

Mein Tip: erzählen lassen! Aber nicht alles glauben. Vieles ist übertrieben, fast alles subjektiv gefärbt. Manche Erzählung ist auch erfunden. Einmal erwischte ich einen anderen Geschichtenerzähler dabei, wie er eine Passage aus einem Roman (Die Caine war ihr Schicksal) als ein eigenes Erlebnis zum Besten gab! 😉 😀

Der Narzist

Der typische Geschichtenerzähler ist ein extrovertierter Mensch, der in der Regel seine Mitmenschen als gleichwertige Gesprächspartner wertschätzt und auch gerne mal ihrem Döntjes zuhört. Das ist beim Narzisten nicht der Fall. Für ihn ist das ganze Leben ein Theater, mit ihm selbst als Alleinunterhalter auf der Bühne. Alle anderen Menschen sind entweder Publikum, die ihm zu applaudieren haben oder als Nebendarsteller die Hauptperson in Szene setzen sollen. Ein typisches Beispiel ist der Schriftsteller Bruce Chatwin (1940 – 1989), der sogar seine AIDS-Erkrankung zu einer skurrilen Geschichte machte. Aber ich könnte auch eine Frau aus meiner Gemeinde mit ähnlichen Qualitäten nennen.

Den Narzisten erkennt man daran, dass er selbst immer der Held seiner eigenen Geschichten ist. Andere zählen nicht. Höchstens, wenn sie irgendwelche Wohltaten des jovialen Wichtigtuers empfangen.

Wenn einem solch Auftritte auf die Nerven gehen,  muss man Narzisten den Beifall verweigern. Man sollte sie nicht aufmerksam anschauen oder gar anlächeln oder loben. Ein gleichgültiges „hm“ zu ihrer Darbietung reicht vollkommen. Problematisch ist es, wenn man nicht einfach weggehen kann, um sich andere Gesprächspartner oder Beschäftigungen zu suchen. Bei einer Tischgesellschaft wäre es unhöflich, einfach aufzustehen und wegzugehen. Man kann Narzisten aber auflaufen lassen, in dem man sagt, dass man  dazu gerne mal die Sichtweise von xy hören würde.

Der Aggresive

Der Narzist ist normalerweise redegewandt und intelligent. Und seine Intelligenz nutzt er zur geschickten Selbstinszenierung. Es gibt aber noch eine ander Sorte von Leuten, die sich selbst gern reden hören, aber über solche Kunstfertigkeit nicht verfügen. Diese Defizite machen sie durch Aggressivität und Lautstärke wett. Ihre Rede ist voll von Angriffen und Vorwürfen. Und aus einem Meter Abstand donnern sie los, als hätten sie einen Theatersaal mit ihrer Stimme zu füllen. Ich kenne da jemanden… Aber ich will jetzt nicht persönlich werden. 😉

Deutlicher als beim Narzisten, der mit vielen z. T. subtilen Mitteln arbeitet, wird beim Aggressiven deutlich, worum es eigentlich geht: um Macht! Sie versuchen einen <redewendung> an die Wand zu reden </>! Das ist, wenn es gelingt, ein Akt der Unterwerfung des Zuhörers.

Die Unterwerfung besteht nicht unbedingt daraus, dass der Aggressive seinen Willen durchsetzt, sondern schon darin, dass er die „akustische Lufthoheit“ im Raum beansprucht und niemand anderen zu Wort kommen lässt.

Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten, dem zu begegnen. Die eine ist, der lautstarken Persönlichkeit den Mund zu verbieten, also eine offene Konfrontation zu riskieren. Klar, dass das nur geht, wenn man selbst über die nötige Autorität verfügt, sei es von Amts wegen (z. B. als Diskussionsleiter), durch Solidarisierung mit anderen Zuhörern oder durch die eigene Stentorstimme, sofern man diese hat. Wenn nicht, bleibt nur, den Ort zu verlassen.

Den Aggressiven durch rhetorische Kunstgriffe, also geschickte Argumentation oder witzige Bemerkungen „mundtot“ zu machen, gelingt meistens nicht. Er ist einfach zu dumm, um das zu verstehen.

Der Detailverliebte

Eigentlich ist er ein liebenswerter Mensch. Übertriebenen Geltungsdrang wie beim Narzisten oder Aggressiven kann man ihm nicht unterstellen.  Aber diese Sorte von Quasselstrippe merkt es einfach nicht, dass sie ohne Punkt und Komma redet.

Ein Freund rief mich an. Ich fragte „Wie geht’s?“ Die Antwort hätte lauten können: „Ich bin über eine Abspannung  gestürzt und habe mir das Handgelenk verstaucht.“ Statt dessen bekam ich einen endlosen Vortrag über die Befestigungweise von Drahtseilen und die genaue Position der Häringe auf dem Vorplatz der Firma…

Das wollte ich aber gar nicht wissen. Was mich interessierte, war, ob er noch Schmerzen hatte und ob ich ihm mit irgendeiner Handreichung behilflich sein könnte, solange der Arm in Gips war. Das kann der Detailverliebte nicht wahrnehmen. Er ist zu sehr in seinem eigenen Erleben gefangen.

Da hilft nur, den Detailverliebten freundlich, aber bestimmt auf das Wesentliche zurückzuführen. Also: Warum erzählt er mir das? Was ist jetzt wirklich wichtig? Was muss jetzt als nächster Schritt geschehen?

Die Quasselstrippe

Sie redet dauernd. Nur ist oft nicht klar, worüber. Sie springt gern von einem Thema zum anderen. Und man hat nicht den Eindruck, dass sie etwas Wichtiges zu berichten hätte. Im Zweifelsfalle ist es Tratsch, also etwas aus dem Privatleben anderer, was einen gar nichts angeht. Es scheint, als seien alle Gedankengänge untrennbar mit dem auf „autoexe“ geschalteten Sprachzentrum des Gehirns verbunden.

Und das sollte man dann auch offen sagen. Auch, dass das die Geräuschkulisse permanenten belanglosen Geplappers nervt. Das ist zwar nicht freundlich, das zu sagen, aber man kann nun mal nicht immer freundlich sein.

Die Sorgenentnsorgerin

Dieses mal ganz bewusst die feminine Form. Denn es ist ein typischer Kommunikationskonflikt zwischen Mann und Frau:

„Sie“ erzählt „ihm“ etwas, sagen wir, von einem Zickenkrieg im Betrieb. Er gibt ihr einen Rat, wie sie sich dort konkret verhalten sollte und wendet sich der Zeitung zu.

Sie: „Du hörst mir überhaupt nicht zu!“

Er: „Wieso? Ich habe dir doch gesagt, was du da machen könntest!“

Sie: “ Ständig, wenn ich was erzähle, würgst du mich mit deinen dämlichen Ratschlägen ab.“

Er: „Was sollte ich denn tun? Warum erzählst du mir das alles, wenn ich dir nicht mal einen Rat geben darf?“

Sie, erbost: „Du sollst mir einfach nur zuhören. EINFACH NUR ZUHÖREN!“

Was ist da los? Klar: Sie redet, um durch Reden ihre Erlebnisse gedanklich zu verarbeiten. Er redet, wie die meisten Männer, um ein Problem zu lösen. Also reden sie aneinander vorbei.

Da hilft wohl nur, sich der unterschiedlichen Kommunikationsprinzipien bewusst zu werden. Und dazu Spielregeln zu vereinbaren. Konkret: auszusprechen, ob man nur „was loswerden“ will, einen Rat oder Hilfe braucht, lediglich über einen Sachverhalt informieren möchte oder was auch immer.

Und: Man sollte sagen, wenn man einfach mal seine Ruhe braucht! 😉

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From → Kommunikation

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