Skip to content

Helden, Häuptlinge, Gefolgsleute, Stars und Fans.

12. Juni 2013

Warum suchen neurotypische Menschen nach Vorbildern und eifern ihnen nach?

Das, und vieles, was damit zusammenhängt, lässt sich leicht erklären. Man muss sich nur die Funktionsweise archaischer Gesellschaften verstehen. Sagen wir, eine Gruppe von Wildbeutern, irgendwann in der Altsteinzeit. Und nehmen wir an, einer der Jäger in dieser Gruppe sei besonders erfolgreich. Dann war es für die jugendlichen Nachwuchsjäger, vielleicht auch für die schon etwas älteren, sinnvoll, sich ihm anzuschließen. Sie konnten von ihm lernen und von seiner Erfahrung profitieren. Er wurde ihr Vorbild, sie eiferten ihm nach. Auch für ihn selbst war das ein Vorteil. Wenn sich ihm mehrere anschlossen, war es im Team möglich, Großwild zu erlegen, das für einen Einzelnen zu stark war: Mammute, Bisons oder Walrösser. Oder es war besser möglich, Feinde abzuwehren: Bären, Löwen oder den benachbarten Clan, der auf Frauenraub aus war. Insgesamt ein ein Überlebensvorteil für die Gruppe.

Um ein erfolgreicher Jäger zu sein, brauchte man körperliche Fitness, Mut, Klugheit und Erfahrung. Um ein Big Man, der Anführer der Gruppe zu werden, mussten sich diese Fähigkeiten herumsprechen, mann musste damit bekannt und anerkannt werden. Und es brauchte Weiteres, nämlich gute Menschenführung: Autorität, die mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft verbunden war.

Funktionieren konnte das nur, so lange die Qualitäten des Anführers und die Loyalität seiner Folgsleute Vorteile für die ganze Gruppe hatten. Das heißt zum Beispiel, dass die Jagdbeute geteilt wird und nicht der Anführer seinen Einfluss dazu ausnutzt, sinnloser Weise Reichtümer anzuhäufen. Auch durfte der Mut nicht in Kriegslust umschlagen, die das Volk in den Untergang führt.

Ich habe das jetzt aus männlicher Sicht geschildert. Unter Männern sind die Autoritätsstrukturen deutlicher. Wer Elefanten angreift, kann nicht zwischendurch eine Strategiedebatte führen. Da muss klar sein, wer den ersten Speer wirft und wer das Zeichen dafür gibt. Deshalb sind Männer meistens in ihrem Verhalten hierarchieorientierter als Frauen. Die dazugehörige Damengesellschaft, die plaudernd von Busch zu Busch zieht, um Nüsse zu sammeln, hat auch ihre Leitbilder und Strukturen. Nur sind die anders ausgeprägt.

Das hat über Jahrtausende so funktioniert. Oder, wo es nicht funktionierte, ging die Gruppe unter. Natürlich gab es eine vielfältige Dynamik dabei. Anführer wurden entmachtet und andere setzten sich an die Spitze, Gruppen teilten sich im Streit oder sie fügten sich zusammen. Aber das Prinzip blieb doch gleich. Jedenfalls in vorstaatlichen Gesellschaften, in Jäger- und Sammlerkulturen, bei Nomadenvölkern und auch lose strukturierten Ackerbaugesellschaften. In Europa vielleicht bis zu den Germanenstämmen der Völkerwanderungszeit.

In einem großen Staatsgebilde sind die postiven Mechanismen von Leistung, Vorbildfunktion und Anerkennung nur noch in kleinem Rahmen erkennbar.

Für mich waren meine Ausbilder im Betrieb Vorbilder, denen ich nacheiferte. Ich bekam von ihnen Anerkennung, sie förderten mich und sie konnten sich auf mich verlassen. So mag es auch in der Gemeindejugend, bei der freiwilligen Feuerwehr oder beim Fußballverein sein.

Aber im größeren Zusammenhang der modernen Industriegesellschaft funktioniern diese Mechnismen nicht mehr so richtig. Aber sie sind immer noch da, denn sie sind durch die Evolution über Jahrtausende genetisch progammiert.

Ein erfolgreicher Formel-1 Rennfahrer erwirbt durch seine Siege Ruhm. Und wenn er charakterlich nicht ein vollkommenes Ekel ist, berschert ihm sein Ruhm viele Fans. Aber er kann seinen Fans nicht den Kühlschrank füllen, denn einen gewonnenen Pokal kann man nicht essen wie ein gemeinsam erlegtes Mammut. Er kann seine Fans auch nicht gegen Feinde verteidigen, es sei denn, man betrachtet das gegnerische Team also so einen Feind. Und er bringt, so nehme ich an, keinem einzigen seiner Anhänger das Autofahren bei. Die Mechanismen Erfolg-Ruhm-Anhängerschaft haben sich verselbstständigt. Sie mögen einen Fanclub am Leben erhalten, leisten aber nichts für die Gesellschaft als Ganzes.

Die Bevölkerung huldigt trotzdem immer noch den Erfolgreichen. Das sind heutzutage  Filmstars, Popsänger, Hochleistungssportler und sonstigen Prominente. Die sind Vorbilder. Aber in welcher Hinsicht? Der „Großfänger“ auf einer Bärenjagd konnte einem zeigen, wie man sich anpirscht. Aber wir leben nun mal nicht mehr in der Zeit der Neandertaler.  Okay, dann eifert man den Idolen eben anders nach: in der Mode, bei Kosmetik oder sonstigen Äußerlichkeiten. Oder man besucht ihre Konzerte, kauft  ihre Platten oder wählt Produkte, für die sie werben,  als würde das den Fortbestand der Sippe sichern.

„Der Oberaffe in Paris [Napoléon III.] setzt eine Reisemütze auf, und alle Affen in Amerika tun das gleiche,“ so lästerte schon Henry David Thoreau 1854. Rational ist das nicht. Aber immerhin ist es erklärbar, wie wir nun gesehen haben.

Advertisements
One Comment

Trackbacks & Pingbacks

  1. Wirre Texte. | Erdlingskunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: