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Anerkennung, Wertschätzung, Aufmerksamkeit. Oder: Warum das Selbstwertgefühl gar keines ist.

15. Juni 2013

Ein Jurastudent absolvierte sein Examen mit Bravour. Aus seinem Jahrgang war er der Viertbeste von einigen Hundert Prüflingen. Das machte ihn depressiv.

Warum? Weil seine Mutter ihm gesagt hatte: „Entweder du bist der Beste, oder du bist eine Null!“ Nun war er aber nicht der Beste, sondern der Vierte. „Blech“, wie man bei den Olympischen Spielen sagt, wenn ein Sportler knapp den Sprung aufs Siegertreppchen verpasst. Für unseren Juraabsolventen hieß das: Null! Absolute Niete! Seine Mutter hatte es so gesagt, und so galt es auch für ihn selbst. Erzählt hat es mir ein befreundeter Psychologiestudent.

Klar: Das ist nicht normal. Das ist krank! Der junge Jurist war ein Fall für die Psychotherapie. Aber dieses Extrembeispiel macht eines deutlich: Das Selbstwertgefühl dieses Menschen war gar kein „Selbst“-Wertgefühl. In diesem Falle war es ein „Mutter“-Wertgefühl. Er hätte sich statt dessen auch sagen können: „Super! Das habe ich prima hinbekommen! Jetzt kann ich mich froh und selbstbewusst bewerben. Einen Job zu bekommen, ist mit diesem Zeugnis auch kein Problem mehr!“ Es war aber die Bewertung seiner Mutter, die er sich zu eigen gemacht hatte. Vollkommen unsachgerecht, irrational, für ihn aber gültig.

In abgemilderter, gemäßigter Form gilt Ähnliches für wohl alle neurotypischen Menschen. Was wir von uns selbst halten, hängt zu einem großen Teil davon ab, was die Anderen über uns denken. Ich kann noch so geistreiche Gedanken in meinen Blogs äußern, wenn das nicht von irgendjemandem bestätigt wird, durch einen Klick auf „gefällt mir“, durch viele gelbe Sternchen, Diskussionsbeiträge, Verknüpfungen auf andere Websites oder sonswie, dann ist es doch irgendwie umsonst.

Warum ist das so? Warum wollen wir diese Anerkennung? Warum fühlen wir Neurotypischen uns wohl, wenn wir Wertschätzung erfahren oder sie anderen entgegenbringen können? Es ist uns angeboren, also genetisch bedingt. Und alle genetischen Anlagen, die sich im Laufe der Evolution durchsetzen, haben einen Sinn.

In diesem Falle schaffen sie Beziehungen und festigen den Zusammenhalt im Sozialverband: der Familie, der Sippe, dem Stamm, dem Verein oder der Firma. Gerade aktuell: Die Einsatzkräfte bem Elbhochwasser betonen immer wieder, wie sehr es sie motiviert, wenn plötzlich irgendjemand mit geschmierten Brötchen oder einer Kühlbox mit Eis auftaucht, oder wenn Anwohner eine Pappe mit der Aufschrift „Danke“ ins Fenster stellt.

Umgekehrt: In Firmen, wo es keine Anerkennung der Mitarbeiter und ihrer Leistung gibt, lässt die Arbeitsmoral schnell nach. Wo Menschen wie Maschinen behandelt werden und nur zu „funktionieren“ haben, macht sich Frustration breit. Auch dann, wenn die Arbeitsabläufe an sich reibungslos vor sich gehen. Aber es kann passieren, dass dann irgendwann nur noch Dienst nach Vorschrift gemacht wird und persönliches Engagement bei besonderen Herausforderungen ausbleibt.

Um das zu vermeiden, ist ein ehrliches Lob, ein aufmunterndes Wort oder auch schon eine freundliche Begrüßung durch Kollegen und Vorgesetzte oft wichtiger als eine Gehaltserhöhung. Rein äußerlich mag das wie ein Handel erscheinen: Leistung gegen Anerkennung. Aber die Sache geht tiefer, und das ist nicht so einfach zu erklären.

Ich fühle mich einfach wohl, wenn ich die Wertschätzung anderer erfahre. Umgekehrt macht es mich glücklich, wenn ich anderen Wertschätzung entgegenbringen kann. Auch dann, wenn ich keine „Leistungen“ oder sonst irgendwelche Vorteile von ihnen erwarten kann. Ich lobe andere gern. Oder ich zeige  ihnen, dass ich sie mag, auch wenn es keinen erkennbaren „Grund“ dafür gibt. Tadeln fällt mir dagenen schwer. Wenn es doch nötig ist, dauert es oft eine Weile, bis ich mit meiner Kritik herauskomme. Ich muss gewissermaßen „Anlauf nehmen“ und auch meine Formulierungen gedanklich vorbereiten. Wenn mich jemand gezielt missachtet oder geringschätzt, dann knickt mich das. Auch dann, wenn es aus meiner Sicht keinen Grund dafür gibt. Dabei könnte es mir doch egal sein, wenn jemand ein falsches Bild von mir hat.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Ich nehme an, es liegt mal wieder an den Spiegelneuronen. Wenn jemand leidet, z. B. weil ich oder jemand anders ihn tadelt, dann leide ich auch. Wenn jemand in meinem Umfeld glücklich ist, dann macht mich das auch froh. Mit-Leid, Mit-Freude, das sind letztlich neuronale Vorgänge im Gehirn, die  Solidarität in der Gesellschaft möglich machen.

Und wenn sie nicht funktionieren, dann kommt es zur  Krise, wie bei dem eingangs geschilderten Juraabsolventen, der die Geringschätzung durch seine Mutter zu seiner eigenen machte.

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