Skip to content

Nonverbale Kommunikation 1: Das gewisse „Etwas“.

18. Juni 2013

Gestern schrieb mir eine Freundin:

Du hast gefragt worüber Du schreiben könntest: Wie wäre es mit Gestik und Mimik?

Ich dachte, es wäre vieleicht mal interessant, das einfach aus der Sicht eines NTs zu lesen.

Meine spontane Reaktion: „Das ist schwer! Wie über etwas schreiben, worüber ich als NT kaum nachdenke, weil es so selbstverständlich ist?“

Ich möchte trotzdem gern darüber schreiben, aber keinen Fachvortrag halten. Dafür gibt es entsprechende Literatur. Sowohl für Grundlagenforschung über menschliches Verhalten wie auch diverse „Lehrbücher“, wo genau drinsteht, was es angeblich bedeutet, wenn jemand die Hände im Nacken verschränkt oder die Beine übereinander schlägt. Speziell über Körpersprache hat SAMY MOLCHO geschrieben. Ich belasse es aber bei zwei Literaturhinweisen zur Verhaltensforschung des Menschen:

IRENÄUS EIBL-EIBESFELD, Der vorprogrammierte Mensch: Das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten. (Wien 1973: Molden)

ders.: Menschenforschung auf neuen Wegen. (Wien 1976: Molden)

Leider sind beide Bücher nicht mehr im Handel.  Sie behandeln, was am (neurotypischen!) Verhalten des Menschen angeboren und was kulturell geprägt ist. Als diese Bücher erschienen, passte es überhaupt nicht in die politische Landschaft, irgendetwas als „genetisch programmiert“ zu bezeichenen. Solche Behauptungen standen schnell im Ruf, rassistisch zu sein und ungerechte Gesellschaftsformen biologisch legitimieren zu wollen. Der Mensch galt seinerzeit, kurz nach den 68er Aufbrüchen, als beliebig formbar und als reines Produkt seiner Sozialisation. Heute sieht man das differenzierter, aber damals haben wir in der Schule heiß darüber diskutiert.

Darüber möchte ich also nicht referieren, sondern lieber ganz subjektiv einige Eindrücke schildern. Erlebnisse, bei denen ich mich selbst frage, wie nonverbale Kommunikation funktioniert und welche Bedeutung sie für mich hat. Es wird mehrere Folgen geben. Hier ist Nr. 1.:

Zu Beginn ein Beispiel, bei dem ich das Geheimnis beim besten Willen nicht lüften konnte:

R. , ein Kommilitone von mir, war in seinen Leistungen herausragend. Und er war uns allen außerordentlich sympathisch. Sogar die griesgrämige alte Büroangestellte, die sonst an allem und jedem herumzunörgeln hatte, mochte ihn, so wie alle im Institut. Ganz im Gegensatz zu einem anderen Studenten, der ebenfalls sehr intelligent und lerneifrig war, den wir aber im Umgang für eine Nervensäge hielten. R. jedoch hatte „ein gewisses Etwas“, was ihn bei uns so beliebt machte. Was aber war dieses „gewisse Etwas“?

Sicher war R. ein freundlicher Mensch, aber das waren andere auch. Man unterhielt sich gern mit ihm, aber er war kein Vielredner. Er war sehr umgänglich, aber keiner von diesen Sunnyboys, die auf Grund ihrer Eloquenz, ihres Charmes oder ihres Humors die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nein, er stand überhaupt nicht im Mittelpunkt. R. war kein „Hans Dampf in allen Gassen“ oder sonstwie besonders Umtriebig. Man mochte ihn einfach.

Aber warum? Ich bin nicht dahinter gekommen. Es muss etwas gewesen sein, was sich innerhalb weniger hunderstel Sekunden abspielte, wenn man in die Bibliothek kam, er kurz aufschaute und das in den Raum geworfene „Hallo“ erwiderte. Etwas, was so fein und unauffällig war, dass man nicht erkennen konnte, was es war. Auf jeden Fall etwas, was mit Mimik, seiner Körperhaltung und seiner Stimmmodulation zu tun hatte.

Sicher ist, dass seine Art sich positiv auf seine Karriere auswirkte. So jemand hat es leicht. Jemand, den man mag, dem mag man auch helfen. Dessen Anfragen werden beantwortet, dem gewährt man Zuritt zu Archiven, die anderen verschlossen bleiben, den möchte man als Kollegen im Team haben. Und solche kleinen und großen Erfolgserlebnisse, so ist zu vermuten, gaben R. viel Zuversicht und Mut, etwas anzupacken. Jedenfalls hatte er nicht zu befürchten, dass man ihn irgendwo abservierte oder gar heruntermachte.

Bei mir ist das anders. Ich bilde mir ein, ein freundlicher, wohlwollender, humorvoller, hilfsbereiter und zuverlässiger Mensch zu sein. Nur kommt das bei mir nicht so rüber. Ich lächle wenig, auf Fotos fast nie. Ich gucke da immer ziemlich verkniffen aus der Wäsche. Meine Körperhaltung ist nicht ganz aufrecht (wieso eigentlich?!), was mich unsicher erscheinen lässt. Mein Sportlehrer beschrieb meine Bewegungsweise als steif und marionettenhaft. Also ist es Arbeit, andere Menschen von mir und meinen Fähigkeiten zu überzeugen. Ich muss dazu viel reden und erklären. Das ist mühsam. Ich gebe zu, dass ich R. beneide!

Auch C. ist ein Mensch, den viele schnell ins Herz schließen. Das Mädchen ist  der Sonnenschein in unserer Straße. Man freut sich einfach, wenn man ihr begegnet. Und ich freue mich schon, wenn ich morgens ihre Schritte auf dem Gehweg höre (wegen einer Behinderung zieht sie ein Bein etwas nach) und denke, „wie schön, dass C. hier im Nachbarhaus wohnt!“ Dabei habe ich gar nichts mit ihr zu tun. In den letzten zehn Jahren haben wir gerade mal zwei oder drei Mal ein wenig geplaudert, mehr nicht.

Im Gegensatz zum Studenten R. (inzwischen C-4 Professor) kann ich bei C. erkennen, was sie mir so sympathisch macht. Sicher, sie ist ein hübsches Mädel, aber davon gibt es ja noch mehr. Und längst nicht alle, die im ästhetischen Sinne schön aussehen, wirken auch sympathisch oder attraktiv.

C. hat ein offenes und ehrliches Lächeln. Und damit geht sie großzügig um! Das signalisiert Herzlichkeit und Freude, mit der sie einen begrüßt. Sie scheint sich also ganz offensichtlich zu freuen, mich und die anderen zu sehen, wenn wir einander begegnen.

Aber was ist ein offenes und herzliches Lächeln, im Gegensatz zu einem erzwungenen und unehrlichen Lächeln?

Ich meine, dafür zwei Kriterien ausmachen zu können. Das eine ist die Dauer. Ein von Herzen kommendes Lächeln beginnt spontan, also früher, als wenn jemand erst willentlich die Freundlichkeit anschalten muss. Und es endet nicht sofort, wenn der Blickkontakt vorbei zu sein scheint. Der Lächelnde freut sich ja wirklich über die Begegnung, und das hält etwas an. Und wenn auch nur für einen Augenblick.

Das andere Kriterium ist, dass die Augen mitlächeln und nicht nur der Mund verzogen wird. Man kann zwar auch die Lider willentlich aufreißen, aber dabei weiten sich die Pupillen nicht. Und die Muskeln in den Augenwinkeln bleiben beim gewollten Lächeln unbeteiligt. Eine minimale Veränderung, aber doch für NTs bemerkbar. Jedenfalls bei C.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: