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Warum man den Teufel nicht an die Wand malen soll.

20. Juni 2013

Gerade erreicht mich der Vorschlag, über Redewendungen zu schreiben. ich bat um eine Konkretisierung der Frage. Darauf die Antwort:

Generell über diese „Notwendigkeit“ sie zu verwenden, die eigentlich keine ist, weil man bedeutend schneller Informationen ausstauschen könnte, wenn die Menschen sich mal angewöhnen würde zu sagen, was sie meinen und zu meinen was sie sagen, ohne das erstmal in irgendwelche absurden Bilder zu codieren, die mit dem eigentlich Thema absolut überhaupt nichts zu tun haben.
Ich zum Beispiel habe noch nie einen Pinsel in die Hand genommen und einen Teufel an die Wand gemalt, wärend ich über irgendwelche Konsequenzen – die im übrigen nicht geringer werden, wenn ich nicht darüber nachdenke – nachdenke. Und überhaupt wieso malt man dann keinen Engel an die Wand, wenn etwas positiv ist?
Was haben Teufel und Engel eigentlich mit Konsequenzen zu tun?

Ich möchte mit einer Begebenheit anfangen, die zunächst nichts mit dem Teufel und nichts mit Wandmalerei zu tun hat, wohl aber mit einem Ungeheuer und dessen bildlicher Darstellung.

In einige Städten meiner norddeutschen Heimat gibt es gegossene Bronzeskulpturen eines Löwen. Sie erinnern an den Welfenfürsten Heinrich den Löwen, der die jeweiligen Stadte gefördert hat. Auch die Domgemeinde in Ratzeburg hat so ein Stück. Eine Zeit lang stand die herrschaftliche Raubkatze im Vorraum der Domkirche. Alle Gottesdienstbesucher mussten an ihr vorbei.

„Dat Beest mut hier rut!“ forderte irgendwann ein alter Kirchgänger. (Das Untier muss hier raus!)
„Warum denn?“ fragte der angeredete Dompropst zurück.
„Dat will unsen Herrgott nich hebben!“ (Das will unser Herrgott nicht haben) war die wenig konkrete Antwort des frommen Mannes.
Er wusste es nicht genauer auszudrücken, aber er spürte es intuitiv: Der Löwe machte Angst. Obwohl er nur aus Bronze war und sich nicht vom Fleck rühren konnte. Trotzdem löste er die Empfindungen aus, die man naturgemäß beim Anblick eines Löwen hat. Bei vielen Menschen unterschwellig, bei Kindern ganz offen. Sie weinten und wollten nicht in die Kirche gehen.

Also bekam das Herrschaftssymbol des Welfengeschlechtes einen neuen Ort zugewiesen, hoch oben auf einem Steinsockel auf dem Kirchplatz, weit genug weg, um niemanden mehr zu erschrecken.

Bilder, egal ob gemalt, gegossen, im Film oder in welcher Form auch immer, haben eine ungeheure Wirkung auf die Psyche des Menschen. Jedenfalls bei neurotypischen Menschen, für die ich hier spreche. Bei mir waren es gruselige Bilder in Märchenbüchern oder der Fuchs in der „Hasenschule“ (ein bekanntes Kinderbuch), die mir Angst machten, als ich klein war. Mein eigener Sprössling hatte schlimme Träume, als in einem Videoshop auf dem Schulweg Filmplakate mit Horrorgestalten ausgehängt waren.

Dass Bilder ganz bewusst in den Medien eingesetzt werden, ist ja bekannt. Das war auch schon im Mittelalter und in der Renaissance so. Und da wurden tatsächlich Engel und auch Teufel an die Wände der Kirchen gemalt. Mitunter sehr drastisch.

Bilder von Teufeln, die Menschen in ihre Gewalt brachten, lösten Ängste aus, und zwar mit Absicht: Man wollte die Menschen zur Bußfertigkeit bewegen. Es konnte so weit gehen, dass psychisch labile Menschen die Teufels- und Höllenszenarien, die sich auf den Fresken in ihren Kirchen sahen, visualisierten, dass sie davon träumten oder dass bei psychotisch veranlagten Personen sogar Wahnvorstellungen dadurch ausgelöst wurden.

Die psychologischen Zusammenhänge wird man im 15. Jhdt. nicht durchschaut haben. Aber die Erfahrung zeigte den Leuten schon damals einen Zusammenhang zwischen Bild (Fresko) und dem Gefühl, der Teufel sei im Leben präsent. Die all zu intensive Beschäftigung mit dem dämonischen Widersacher Gottes konnte zu einer beherrschenden Kraft für die Phantasie werden und Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Das hat man magisch gedeutet: Das Malen des Teufels oder seine sprachliche Erwähnung („Wenn man den Teufel nennt, kommt er gerennt“), bewirkt, dass er kommt. Also sollte man es lieber lassen. Sowohl die bildliche Darstellung wie auch seine Nennung, die als „Herbeirufen“ verstanden wurde.

Die Redewendung „man soll den Teufel nicht an die Wand malen“ steht heute im weiteren Sinne dafür, dass man sich nicht düsteren Phantasien und pessimistischen Zukunftsvorstellungen hingeben soll, weil sie dann eher eintreten. Psychologen reden dann von der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“. Das ist auch schon wieder zu einer Redewendung geworden.

So eine apodiktische Redewendung wie „Man soll den Teufel nicht an die Wand malen“ ersätzt in der Alltagssprache eine lange Erklärung. Und sie ist einprägsamer als ein nüchterner, sachlicher Satz wie „Man soll nicht durch destruktive  Phantasien die psychische Befindlichkeit und Zukunftserwartung beeinträchtigen.“

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4 Kommentare
  1. Raziel permalink

    Tut mir leid, aber scheinbar bin ich zu blöde, aber ich verstehe nicht warum das Aussprechen von Besorgnis und Befürchtung eben dies auslösen soll.
    Ich verstehe das eine Fixierung auf etwas das eingene Verhalten beeinflussen kann und man sich gegebenfalls dadurch in eine ähnliche Situation bringen kann , auf welche man fixiert war . Aber wieso eine Besorgnis allein dies auslösen kann ist mir unklar.

    Ich hoffe es war halbwegs verständlich. Seid ich erkrankte, fällt es mir noch schwerer mich auszudrücken. Weshalb ich eigentlich ausserhalb meines engsten Kreises und schon gar nicht öffentlich mich mitteile…. Auch die Sätze halbwegs richtig hinzubekommen ist mittlerweile eine Anstrengung

    • Danke für die Nachfrage!
      Der Grund ist die Funktionsweise des Gehirns. Wenn wir an etwas denken, was uns Angst macht, dann werden die Hirnareale aktiv, die auch Aktiv werden, wenn ein realer Auslöser von Angst da ist. Das ist auch der Fall, wenn wir davon reden und hören oder wenn wir entsprechende Bilder sehen. Die dabei beteiligten Nervenbahen wenden dadurch „trainiert“. Sie reagieren, je öfter das vorkommt, sensibler. Das ist neurophysiologisch messbar!

      Ich greife mal das Beispiel von dem Löwen aus dem Artikel oben auf und führe es etwas weiter aus.:

      Wenn jemand in der freien Wildbahn schutzlos einem Löwen begegnet, dan löst das Angst aus. Das ist normal. Es ist auch gut, dass der Körper dann durch Ausschüttung von Adrenalin in den Alarmzustand versetzt wird und durch Endorphine kampf- oder fluchtbereit wird.

      Wenn nun aber beispielsweise einem Kind dauernd erzählt wird, dass ein Löwe um das Haus schleicht, dann geschieht das gleiche. Die Angst wird trainiert, die zuständigen Nervenverbindungen entwickeln sich. Das Kind wird nach einer Weile bei jedem Knacken im Haus aufschrecken und sich nicht mehr vor die Tür wagen.

      Auch bei imaginären Gefahrenherden, z. B. wenn dauernd vom Teufel oder von Dämonen geredet wird (bzw. Bilder davon an Kirchenwände gemalt sind), geht das auf die gleiche Weise. Das Gehirn wird gewissermaßen auf Angst programmiert. Es entstehen Gedankenschleifen im Kopf: immer wieder tauchen die gleichen Horrorvorstellungen auf.

      Jedenfalls dann, wenn das Problem nicht geklärt wird. Es ist natürlich sinnvoll, Sorgen auszusprechen. Aber dann sollte man sie auch konstruktiv klären und das Problem lösen.

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