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Wozu Sprichwörter und Redensarten?

21. Juni 2013

„Morgenstund hat Gold im Mund,“ so lautet ein Sprichwort.

„Mama, warum sagt man das? Eine Morgenstunde hat doch gar keinen Mund!“

Mit solchen Fragen konnte ich meine Mutter zur Verzweiflung treiben. Natürlich konnte sie mir sagen, wofür dieses Sprichwort steht. Also dafür, dass die Arbeit am frühen Vormittag besonders effektiv ist, weil man da in der Regel besonders munter bei der Sache ist. Aber warum „Gold im Mund“? Zahngold war jedenfalls nicht gemeint. Und ich Knirps war im Fragealter und wollte alles ganz genau wissen. Nur ist es dummerweise unmöglich, genaue Antworten zu ungenauen Angelegenheiten zu bekommen. Zumindest, was dieses Sprichwort betrifft. Es reimt sich halt, und das wars.

In der Volkskunde (Europäische Ethnologie) und in der Germanistik gibt es einen eigenen Forschungszweig (Parömiologie), der sich mit Sprichwörtern, Redensarten, Metaphern usw. befasst. Dazu gehören der geschichtliche Hintergrund, die Form (z. B. Reim und Versmaß) und die Funktion.

Manche Sprichwörter und Redensarten sind nur schwer oder gar nicht verständlich, weil sie unter geschichtlichen Umständen entstanden sind, die wir nicht mehr kennen. Ein Beispiel hatte ich hier schon genannt. Interessant ist, dass sie immer noch verwendet werden, auch wenn ihr Sinnzusammenhang nur noch durch die Arbeit von Kulturhistorikern erschlossen werden kann!

Wesentlicher ist aber wohl die Thematik, über die Sternenglas mich zu schreiben bat:

Generell […] diese “Notwendigkeit” sie [Sprichwörter und Redensarten] zu verwenden, die eigentlich keine ist, weil man bedeutend schneller Informationen ausstauschen könnte, wenn die Menschen sich mal angewöhnen würde zu sagen, was sie meinen und zu meinen was sie sagen, ohne das erstmal in irgendwelche absurden Bilder zu codieren, die mit dem eigentlich Thema absolut überhaupt nichts zu tun haben.

Ich möchte versuchen, mich mit einem Beispiel an diese Frage heranzutasten.

Wir können sagen: „Das Problem ist noch nicht gelöst.“ Eine sachliche oder zumindest sachlich wirkende Aussage. Es besteht aber die Möglichkeit, dass eine solche schlichte und nüchterne Formulierung in einem Text, beispielsweise in einer Rede, untergeht und gar nicht wahrgenommen wird.

Man kann aber auch sagen: „Die Gefahr ist noch nicht gebannt.“ Hier ist eine Dramatisierung zu erkennen. Aus dem Problem ist eine Gefahr geworden. Ein weiteres: Etwas „bannen“ ist eine magische Handlung. Früher versuchte man Geister mit Zaubersprüchen zu bannen, also von sich fernzuhalten. Wenn also eine Gefahr „gebannt“ werden soll, dann hat sie einen dämonischen Charakter. Besser gesagt, sie wird sprachlich so charakterisiert, denn in Wirklichkeit glaubt ja niemand mehr, dass ein Hochwasser oder eine Finanzkrise durch dämonische Mächte verursacht wird. Der dem magischen Denken entlehnte Begriff „bannen“ wird so zu einem rhetorischen Stilmittel. Nur ist uns das normalerweise nicht bewusst, die Redewendung ist dazu schon zu geläufig geworden.

Eine dritte Möglichkeit wäre, zu sagen: „Die Kuh ist noch nicht vom Eis!“ Da drängt sich das tragikomische Bild geradezu auf: eine verängstigte, hilflose Kuh, die auf einem zugefrorenen Teich herumschlittert und dauernd hinzufallen oder gar einzubrechen droht. Darum herum ebenfalls hilflose Bauern, die sie mit rufen, locken, schieben zund ziehen in eine Richtung bringen wollen, damit sie wieder festen Boden unter die Hufe bekommt. Eine Situation, die auf dem Lande bestens bekannt war und die sich auch Städter gut vorstellen konnten, wenn sie nur über ein Minimum an Phantasie verfügten.

Warum nun erwähnen wir NTs so ein speziell bäuerliches und lächerlich wirkendes Problem, an statt die eigentliche Sache, meinetwegen die Euro-Finanzkrise, konkret zu beschreiben?

Der eine Grund ist, das solche plastischen Bilder von Hörern und Lesern besser wahrgenommen werden. Eben, weil diese Slapstick-Szene inmitten eines nüchternen Textes besonders auffällt.

Die „Kuh, die noch nicht vom Eis ist“, steht stellvertretend für ein Problem, das sich Länge hinzieht, dessen Lösung von Misserfolgen begeitet ist und bei dem die Helfer selbst oft hilflos wirken. Das müsste man ohne so eine Redensart erst mühsam beschreiben. Dabei muss die Angelegenheit gar nicht mühsam in das Bildwort übersetzt und vom Hörer oder Leser wieder dechiffriert werden. Die Chiffre liegt als fertiges Requisit bereits im Sprachschatz von uns NTs vor und kann beliebig eingesetzt werden.

Der andere Grund für die Verwendung von Redensarten ist, dass das Reden mit solchen Bildern und sprachlichen Figuren einfach mehr Spaß macht. Besonders, wenn die Sachverhalte, um die es geht, an sich schon nüchtern und langweilig sind.

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3 Kommentare
  1. Ein interessanter Beitrag! Danke dafür!
    Sprichwörter…tja…sie schaffen es immer wieder, mich zu verwirren. 😉
    Ich denke gerade noch auf deinem letzten Absatz herum…du würdest also sagen, Sprichwörter machen gerade schwierige oder öde Texte ein bisschen leichter verdaulich, das Lesen angenehmer? Hm…wenn es für die meisten tatsächlich so ist, halte ich es prinzipiell natürlich für eine gute Sache. Nur schade, dass es für mich schwierig bleibt. Insbesondere in einer Unterhaltung finde ich Redensarten und Sprichwörter knifflig, weil das Gegenüber oft sofort eine Reaktion erwartet. Aber eine Reaktion auf „Kuh vom Eis“, wenn man erstmal wirklich nur „Kuh vom Eis“ im Kopf hat, ist dann manchmal etwas, das mich in komische Zwickmühlen bringt. Grins.
    Liebe Grüße!

    • Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied – und damit das Problem in der Kommunikation zwischen Autisten und NTs – darin, dass wir NTs die Redewendung als „Dekoration“ am oder auch neben dem eigentlichen Thema betrachten können, ohne den zentralen Inhalt des Textes aus dem Blick zu verlieren.

      Ihr schaltet dagegen ganz auf den Inhalt der Redewendung bzw. das darin suggerierte Bild um und denkt darüber nach, oder?

      • Ja…das stimmt, da hast du recht… Zumindest geht es mir so. Ich KANN irgendwie nicht anders, als den Inhalt bzw. das direkt entstehende Bild zu analysieren / zu verwerten.

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