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„Hm?“ Wieviel Worte brauchen wir?

24. Juni 2013

Ich erinnere mich gern an einen kleinen Dialog, der sich vor vielen Jahren im Frühstücksraum einer niederländischen Jugendherberge abspielte. Er ging so:

„Hm?“

„Mm.“

Der Ausdruck vollendeter Harmonie. Lange war das für mich die Idealform eines Gespräches. Aber ich sollte für alle Leserinnen und Leser, denen der Inhalt jener Konversation verborgen geblieben ist – und das dürften wohl alle sein 😉 – , eine Erläuterung hinzufügen:

„Möchtest du noch eine Tasse Kaffee?“ hatte ich mit jenem „hm?“ die Studentin neben mir gefragt und die Kanne angehoben, um zu zeigen, dass ich sie gerne bedienen würde. Und ihr „mm“, bei dem sie mir ihre Tasse hinschob, bedeutete: „Ja, gerne!“.

So, dachte ich, müsste es in einer guten, harmonischen Partnerschaft sein. Man würde, so dachte ich, so sensibel für den Partner sein und ihn im Laufe der Zeit so gut kennen, dass man ohne viele Worte auskäme. Blicke und wenige Gesten müssten ausreichen, um sich zu verständigen. Statt zu plappern, hätte man Zeit, die Sonne zu genießen, die durchs Fenster scheint und den zarten Dampfwolken über der Kaffeetasse zuzuschauen, so wie wir damals in der Jugendherberge.

Es gibt Orte, an denen das tatsächlich so gepflegt wird. In einigen Klöstern kontemplativer Ordensgemeinschaften kann man Schweigeexerzitien machen. Ein oder zwei Wochen lebt man dann zusammen mit den Ordensleuten, ohne zu sprechen. Ausgenommen vielleicht ein tägliches zwanzigminütiges Gespräch mit einem Seelsorger. Auch bei den Mahlzeiten wird geschwiegen. Das heißt, man muss dann von sich aus auf seine Tischnachbarn achten, um zu sehen, was die gerade brauchen, um ihnen z. B. die Butter anzureichen, wenn die sich ein Brot streichen wollen. Menschen (NTs), die an Schweigeexerzitien teilgenommen haben, berichten, wie sehr sich ihre Aufmerksamkeit für ihre Mitmenschen in dieser Zeit entwickelt hat. Sie hätten nicht nur gespürt, ob der andere noch ein Brötchen möchte, sondern auch wie es ihm seelisch geht. Vor allem aber dienen diese Besinnungszeiten dazu, die Sensibilität für sich selbst zu bekommen.

Nun ist das Leben, erst recht eine Partnerschaft, keine meditative Einkehr. Es sei denn, man tritt auf Dauer ins Kloster ein oder man entscheidet sich, auch im Alltag als Eremit zu leben. Wenn man aber mit Menschen zusammen lebt, muss man reden. Und man muss viel reden. Leider! Mir persönlich ist das lästig. Und ich war damals, als Student während der Exkursion in den Niederlanden, in meinen Vorstellungen von guter Partnerschaft hoffnungslos naiv!

Reden ist die Quelle von Missverständnissen, also sollte man es lassen, so dachte ich damals. Nun ist Schweigen aber genau so missverständlich und nonverbale Kommunikation ist es auch.

Eigentlich ist das einander Missverstehen das Normale in zwischenmenschlicher Kommunikation. Es ist zwischen Menschen eben nicht wo wie bei einem Computer, dem ich per Tastatur oder Mausklick bestimmte Signale gebe, die von der Software verstanden und eins zu eins umgesetzt werden. (Nebenbei: Auch mein PC versteht mich oft nicht! 😦 ) Die Hauptarbeit bei der Kommunikation besteht im Ausräumen von Missverständnissen. Deswegen dauern Gespräche so lange, sie sind manchmal zäh und frustrierend.

Zwischen meiner autistischen Bekannten und mir ist die Sache klar: Wir beide haben völlig unterschiedliche Wahrnehmungsweisen und Ausdrucksformen. Deswegen bringen wir beide sehr viel Geduld auf, um einander unsere Gedanken zu erklären und wir fragen immer wieder nach, wie der andere etwas gemeint hat oder wie etwas zu verstehen ist.

„Was verstehst du unter dem Begriff xy?“

„Wie meinst du das konkret?“

„Worauf bezieht sich deine Aussage?“

„Kannst du ein Beispiel für … schildern?“

Solche Rückfragen kommen in unserer Konversation dauernd vor. Und inzwischen ist dieses geduldige, wertfreie Fragen und „nichts für selbstverständlich Halten“ mein Ideal von Kommunikation, auch zwischen neurotypischen Menschen, wenn diese unter sich sind.

Nicht nur Autisten und NTs haben grundverschiedene Wahrnehmungs- und Ausdrucksweisen, sondern auch neurotypische Menschen untereinander. Männer und Frauen kommunizieren so unterschiedlich, dass ab und zu die Frage auftaucht, ob sie überhaupt zusammenpassen. Bei manchen Völkern leben deswegen Männer und Frauen in getrennten Häusern und treffen sich nur gelegentlich. 😀

Biographien sind unterschiedlich und prägen in ihrer Unterschiedlichkeit das Verhalten, also auch die Kommunikation. Ich meine sogar sagen zu können, dass auch Ehepartner in langjähriger Ehe einander nicht wirklich „kennen“. Sie haben Wesenszüge von einander wahrgenommen. Hoffentlich sind es viele und die wesentlichen. Aber dass sich beide total, wirklich „durch und durch“ kennen, dürfte wohl selten sein. Allein schon deshalb, weil unser Leben weiter geht und wir uns permanent verändern. Wäre es anders, dann wäre das Leben sicher langweilig und es gäbe aneinander nichts mehr zu entdecken.

Also müssen wir reden, um einander zu verstehen. Auch wenn es mühsam ist.

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From → Kommunikation

2 Kommentare
  1. Hat dies auf wasdunichtwillstdassmandirtu rebloggt und kommentierte:
    jepp! aber wer nicht will, der hat schon! 🙂

Trackbacks & Pingbacks

  1. “Hm?” Wieviel Worte brauchen wir? | theolounge.de

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