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„Wie definierst Du Liebe?“

28. Juni 2013

Die Frage hat NerdbyNature* im Thementread gestellt.

„Wie definierst du…“, das ist, so meine Erfahrung, eine typische Frageweise von Autisten, und für die schreibe ich ja hier. Eine wunderbare Frageweise, wie ich finde. Gerade zu Themen, wo man so lange meint, es zu wissen, bis jemand nachfragt und es ganz genau wissen will.  😉  Und dann weiß man plötzlich nur noch das Eine: „Nun wird es ganz schwer!“  😀

Eine Definition für „Liebe“ zu haben, wäre wirklich schön. Definitionen, das sind diese kurzen, präzisen Sätze, um die ich im Schulheft oder in den Vorlesungsmitschriften einen Rahmen gemalt habe. Sätze, die einen komplizierten Sachverhalt griffig machten. Zumindest so weit, dass man irgendwie damit weiterarbeiten kann. Also so was wie:

„Der ‚Boden‘ ist der Bereich der oberen Pedosphäre, in dem sich Lithosphäre, Biosphäre, Atmosphäre und Hydrosphäre durchdringen.“

Oder:

„Glaube ist das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht.“ (Paul Tillich)

Wenn man denn weiß, was die „Pedosphäre“ ist oder „was einen unbedingt angeht“, dann ist alles klar. Und so etwas soll ich nun für den Begriff „Liebe“ abliefern? Nein, daraus wird nichts. Und ein enziklopädischer Artikel wird es erst recht nicht. Eher eine vorsichtige Annäherung an das, was ich unter Liebe verstehe bzw. nicht darunter verstehe. Ich hoffe, NerdbyNature kann was damit anfangen, wenn ich das versuche.  Allerdings begleitet mich bei diesem Unterfangen der Verdacht, ich würde bei einem Großteil der Leserschaft entweder ein süffisantes Grinsen oder ein mitleidiges Lächeln auslösen. Aber egal, ich sehe das ja nicht. 😉

Ich selbst benutze den Begriff „Liebe“ fast gar nicht. Nur sehr sparsam dosiert für Liebeserklärungen an meine Frau. Er wird mir allgemein zu leichtfertig und fast schon inflationär oft benutzt. Und dann auch noch für die verschiedensten Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Da ist es nachvollziehbar, dass NerdbyNature eine feste Definition haben möchte.

Da redet jemand von „käuflicher Liebe“ wenn er Prostitution meint. „Liebe“ meint hier „Sex“, und zwar dessen beliebige und flüchtige Sorte. Jemand anders beschreibt Gott als die „absolute Liebe“. Welch ein Bedeutungsspektrum! Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die griechische Sprache allein fünf verschiedene Begriffe für das hätte, was wir alles mit Liebe bezeichnen.

„Ich liebe Mozart,“ sagt jemand meint damit, dass er die von Mozart komponierte Musik mag, sie gerne hört oder auch selbst musiziert. Das würde ich als etwas „wertschätzen“, „mögen“ oder „gern haben“ bezeichnen. Das ist dann aber noch nicht unbedingt Liebe.

Wenn man einen Menschen sympathisch findet, ihn wertschätzt,  gerne mit ihm zusammen ist und wenn diese Empfindung auf Gegenseitigkeit beruht, kann sich eine Freundschaft daraus entwickeln. Aber als gebürtiger Hanseat benutze ich auch den Begriff „Freund“ bzw. „Freundschaft“ eher sparsam. Nicht jeder nette Mensch, mit dem man öfters Umgang hat, ist deswegen gleich ein Freund. „Nennen Sie ihre zehn besten Freunde,“ so wird manchmal bei einem Bewerbungsgespräch gefragt (wohl um etwas über die Beziehungsfähigkeit des Kanditaten zu erfahren). Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt zehn Freunde habe, geschweige zehn „beste“ Freunde.

Einmal warnte ich eine Teenagerin davor, ihre intimen Sehnsüchte all zu offen auf Facebook zu posten, schließlich könnten 378 Leute das lesen. „Das sind doch alles meine Freunde, die kenne ich ja alle,“ meinte sie darufhin treuherzig. Gleich ganze Jahrgänge ihrer Schule als „Freunde“ zu bezeichnen, ist sicherlich verfehlt. Der englische Begriff „friend“ wird in der deutschen Version von Facebook zwar mit „Freund“ übersetzt, meint aber auch „Bekannter“. Und das ist was anderes.

Zu einer Freundschaft gehören also Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Trotzdem muss Freundschaft nicht unbedingt Liebe beinhalten. (Liebe nach meinem Verständnis meine ich, wonach NerdbyNature ja gefragt hatte.) Auch dann, wenn sich zwei befreundete Menschen erotisch attraktiv finden, würde ich nicht gleich von Liebe sprechen. Vielleicht ist es nur ein Verliebt-Sein oder eine Romanze.

Aber natürlich kann sich aus einer tiefen Freundschaft oder einer Romanze wahre Liebe werden. Nämlich dann, wenn die Beziehung einen wesentlichen Stellenwert im Leben bekommt. Ähnliches gilt auch für unseren oben erwähnten Mozartliebhaber. Wenn ihn die Leidenschaft für Mozart dazu bringt, Musiker oder Musikhistoriker zu werden bzw. wenn er viel Zeit und Geld in Konzertbesuche und eine Plattensammlung investiert, dann ist es Liebe!

Der Stellenwert im Leben lässt sich an zwei Dingen erkennen. Ein Kriterium ist die Frage, ob und wie es sich auswirkt, wenn die geliebte Person oder Sache nicht da ist. Kommt dann Sehnsucht auf? Abschiedsschmerz? Oder, wenn es endgültig ist, Trauer? Die Teenagerin mit ihren 378 „Freunden“ auf Facebook wird es dagegen nicht einmal merken, wenn sich ein Dutzend von denen aus ihrer Freundesliste rausklickt.

Dass die Liebe einen wesentlichen Stellenwert im Leben hat, wenn sie nicht nur Liebhaberei ist, macht die eingangs zitierte Definition Paul Tillichs über den Glauben auch für die Liebe anwendbar.

Die Bindung von Liebenden kann so weit gehen, dass sie einander gar nicht mehr loslassen wollen, dass sie wie Kletten aneinander hängen. Dann fragt sich, ob das wirklich noch Liebe ist, oder eher das den Anderen Besitzen-Wollen. Damit kommen wir zu dem zweiten Punkt.

Der besteht nämlich in der Bereitschaft, für den geliebten Menschen (oder die Sache) Opfer zu bringen. Wenn liebende Menschen z. B. die Ehe eingehen, dann geben sie eine Menge auf: viele Freiheiten, das Elternhaus, eventuell den Wohnort und die Arbeitsstelle. Wer seine Kinder liebt, investiert Zeit und Mühe in ihre Erziehung und geht z. B. Abends nicht mehr so oft aus. Und für die eben erwähnten „Kletten“ bedeutet das, dem Partner Freiräume zuzubilligen und ihn auch mal in Ruhe zu lassen.

Am deutlichsten wird das Wesen der Liebe in der Treue und aufopferungsvollen Pflege behinderter und gebrechlicher Angehöriger. Besonders dann, wenn man selbst von ihnen nichts mehr erwarten kann, vielleicht nicht einmal ein dankbares Lächeln.

Daran zeigt sich, dass das Wort von der  „käufliche Liebe“ ein Paradoxon ist. In Liebe kann man investieren, man kann Opfer dafür bringen, man kann um sie werben. Aber mann kann sie nicht kaufen. Weder für Geld, für Geschenke, für Zärtlichkeit, für Hilfeleistungen und auch nicht für die eigene Liebe, die man dem Anderen entgegenbringt. Liebe gibt es immer nur geschenkt. Und mit nichts auf der Welt kann man sie erzwingen.

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NerdbyNature schreibt ein eigenes Weblog mit dem Titel „DieWeltdurchmeineAugen – Sichtweise einer Autistin“.

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15 Kommentare
  1. Liebe ist, wenn ich mich freue, also richtig in mir drin freue – als Gefühl, nicht als Gedanke – wenn ich jemanden sehe, wenn ich ihn anlächeln kann und es auch so meine und wenn ich etwas aus meiner Innenwelt mit ihm teilen möchte.

    Ich glaube für mich ist „Liebe“ etwas weniger intensiv, wie es allgemein propagiert wird. Losgelöst von Sexualität oder dem Wunsch nach einer Beziehung. Oft – und das unterscheidet meine Liebe vielleicht von der anderer Menschen – bezieht sich diese „Liebe“ auch auf „Dinge“: Knöpfe oder das Glitzern auf dem Wasser z.B. Auch sie lösen dieses Gefühl in mir aus. Ein Gefühl von Glück, von Dankbarkeit, innerer Ruhe und ein inneres Lächeln.

  2. Vielen Dank für Deine ausführliche Erklärung. Ich denke manchmal darüber nach, in wiefern sich die Liebe meines NT-Partners zu mir von meiner Art zu lieben unterscheidet.
    Ich würde die Liebe zu meinem Partner etwa so beschreiben. Mein Partner hat viele verschiedene Eigenschaften. Die Meisten davon finde ich gut. Er tut mir gut, wir teilen Interessen. Ich kenne aber das Gefühl des Vermissens nicht, so wie Du das beschreibst. Wenn jemand nicht bei mir ist dann vermisse ich maximal eine Eigenschaft von ihm. Aber nicht den Menschen, also seine Hülle. Ich habe meinen Partner im Internet kennen gelernt. Ich wusste zuerst gar nicht wie er aussieht. Das spielt für mich auch nicht die erste Rolle, wie es wohl bei NT’s oft der Fall ist. Würde ich gefragt, was ich an meinem Partner liebe, so würde ich Eigenschaften benennen, aber keine Aussehensmerkmale. Liebe ist das Gefühl, dass ich mich auf meinen Partner verlassen kann, dass er versucht mich zu verstehen, dass er mein Sein akzeptiert, dass wir gemeinsame Interessen haben, dass wir gerne zusammen sind.
    Ich werde weiter darüber nachdenken- eigentlich eine gute Idee für einen Blogeintrag….

    • Ich finde diesen Austausch hier unglaublich spannend! Deshalb herzlichen Dank für deine so persönliche Antwort!

      Wenn du beschreibst, dass du deinen Partner aufgrund seiner Eigenschaften liebst und, wenn er nicht da ist, diese seine Eigenschaften, aber weniger seine Person als solche vermisst, dann würde ich das wohl als Freundschaft bezeichnen. Darin liegt aber keine Wertung, sondern nur eine andere Begrifflichkeit.

      Aber vielleicht liegen wir gar nich so weit auseinander.

      Ist es nicht so, dass ihr Autisten dazu tendiert, die Einzelheiten, also z. B. die Eigenschaften einer Person wahrzunehmen, während wir Neurotypischen uns eher auf etwas konzentrieren, das wir für das Wesentliche halten? Das „Wesentliche“ einer Person ist dann sein „Wesen“, sein Charakter. Und in diesem „Wesen“ nehmen wir NTs den Menschen ganzheitlich wahr und lieben ihn auch so.

      Oder? Nur so als Gedankenanstoß… 🙂

      • Ist das, was ein NT als ‚Wesen‘ wahrnimmt nicht vielmehr oftmals oberflächlich? Aussehen, sozialer Stand etc? All das spielt für mich keine primäre Rolle. Und nein, es ist nicht nur Freundschaft für meinen Partner. Es ist vielmehr so- wenn sich eine Situation ändert muss ich mich erst an diese Änderung gewöhnen. Dann wird sie zur Normalität. Sollte also mein Partner einige Zeit verreisen müssen so wird die Zeit ohne ihn zur Gewohnheit und damit gut. Kommt er wieder zurück muss ich mich erst wieder neu einfinden. Menschen, die Du vermutlich als Freunde bezeichnen würdest können diese Veränderung gar nicht herbeiführen. Sie dürften niemals so nahe an mich herankommen und mich kennenlernen.

      • Aussehen, soziale Herkunft usw. sind zunächst mal etwas Oberflächliches, da stimme ich dir zu. Also gehören sie nicht zum Wesen(tlichen). Es sei denn, sie prägen die Persönlichkeit. Z. B. wenn jemand besonders eitel bezüglich seines Äußeren ist oder auf Grund seiner Herkunft besondere Standesdünkel hat.

        Mit wesentlichen (das Wesen ausmachenden) Merkmalen meine ich eher Eigenschaften wie Introvertiertheit oder Extrovertiertheit, Herzlichkeit, Verlässlichkeit, Streitsucht, Fleiß oder Faulheit, bestimmte Begabungen, Häuslichkeit, Abenteuerlust, Arroganz usw. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Solche Merkmale ergeben für mich ein Gesamtbild der Persönlichkeit. Manche dieser Merkmale sind ausschlaggebend für mein Bild der Persönlichkeit als Ganzes. Andere weniger oder gar nicht. Dabei nehme ich die Details in der Regel kaum bewusst war.

        Deine Schilderung dessen, was für dich Liebe ist, also über Freundschaft hinausgeht, finde ich sehr gut nachvollziehbar! Herzlichen Dank!

  3. Dann wäre es für Dich auch denkbar einen Partner beispielsweise im Internet kennen zu lernen, ohne über sein Aussehen Bescheid zu wissen? Bei mir und meinem Partner war es so. Allerdings ist dies glaube ich nicht üblich. NT’s achten schon mehr auf äußere Merkmale, oder?

    • Wenn ich nicht schon verheiratet wäre, könnte ich mir das durchaus vorstellen. Ich habe schon mehrere wundervolle Menschen per Internet kennengelernt, wo es zutreffend wäre, von Liebe zu reden. (Ich formuliere das so umständlich, weil ich mit dem Begriff „Liebe“ aus o. g. Gründen sehr vorsichtig umgehen möchte.) Dabei ging es zwar nicht um Lebenspartnerschaften, sondern um sehr tiefe Freundschaften, aber ich könnte es mir durchaus vorstellen, dass aus einer Chatpartnerschaft der Bund fürs Leben wird. So etwas passiert ja gar nicht mal so selten. Und die Ehen, die so geschlossen wurden, sollen keineswegs brüchiger sein als andere.

      Und ich habe schon öfter Menschen kennengelernt, die es vom Äußeren niemals auf die Titelseiten der Hochglanzmagazine schaffen würden, wo ich aber dachte, „Was für ein wunderbarer Mensch! Was muss es für ein Glück sein, mit dieser Frau* durchs Leben zu gehen!“
      _________
      *ich schreibe hier einfach mal aus der Sicht eines Mannes. 😉

  4. Bist Du sicher, dass Du so durch und durch ein NT bist? 😉

    Das was Du beschreibst definiere ich als schön. Es gibt hübsche Menschen, die aber irgendwie leer sind. Nur eine Hülle. Und es gibt Menschen, die meinen Lebensweg kreuzen oder auch eine Zeitspanne begleiten, die haben offensichtliche Makel- aber sie sind schön in ihrer Gesamtheit. Stimmig. Und dieses ’stimmig‘ macht für mich einen wertvollen, wunderbaren Menschen aus. Da sind die herkömmlichen Schönheitsideale egal.
    Meist sind dies sehr introperspektive, reflektierte Menschen die eine Grundgelassenheit ausstrahlen und offen und neugierig sind. Mit solchen Menschen bin ich auch gerne zusammen.

  5. Nur zu- es gibt viel zu wenige Menschen, die die Schönheit anderer erkennen.

    Ein Beispiel: ich war mit meinem Sohn (Rollikind) in der Stadt unterwegs. Schöne Pflastersteine, nur für gangunsichere Mitmenschen, Stöckelschuhe und Rollis ungeeignet….
    Da saß ein Obdachloser Mann mit seinem Hund. Ich sprach ihn an ob er was zum essen und trinken möchte. Er bejahte und als ich ihm das Gewünschte brachte schaute er den Rolli an und meinte „der muss auch neu eingestellt werden“. Wir kämen ins Gespräch. Er war Rehatechniker, und ganz böse ganz schnell abgestürzt. Ein wunderbarer Mann. Seither freuen wir uns immer, wenn wir uns sehen. Zu Weihnachten habe ich ihm ein Paket an ein Wohnheim geschickt. Gleichzeitig kam bei uns ein Paket an- ein kleines Motorikspielzeug für meinen Sohn, Lebkuchen für uns und eine wunderbare kleine Krippe. Das hatte er selbst geschenkt bekommen. Es war das schönste Geschenk, das ich jemals erhalten habe. Dieser Mann ist toll, hat in seiner Einsamkeit eine Würde behalten und ist ein wahres Geschenk für jeden, der sich einlässt nicht nur von oben herab eine Münze in die Büchse zu werfen sondern den Menschen hinter den einfachen Kleidungsstücken kennen lernt. Das ist ein schöner, wunderbarer Mensch ich bin sehr froh, dass ich ihn kennen gelernt habe.

  6. NerdbyNature hat das Thema auch hier in ihrem eigenen Blog aufgegriffen. 🙂

Trackbacks & Pingbacks

  1. “Wie definierst Du Liebe?” | theolounge.de
  2. Nonverbale Kommunikation 2: Der Zauber des Lächelns. | Erdlingskunde
  3. Nonverbale Kommunikation 2: Der Zauber des Lächelns. | theolounge.de
  4. Freundschaften pflegen. | Erdlingskunde

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