Skip to content

Warum ich keine Zahlen mag.

9. Juli 2013

„Oft wünschte ich, die Menschen wären nummeriert,“  so titelt ein Beitrag von Spiegel-Online, in dem Autisten von sich selbst erzählen.

Mir geht es umgekehrt. Oft wünschte ich, Zahlen hätten Gesichter. Und sie hätten Charaktäre. Charaktäre, die darüber hinausgehen, dass sie nun gerade oder ungerade, Primzahl oder teilbar  sind.

Ich komme mit Zahlen nicht klar. Rechnen ist Quälerei. Die Welt der Mathematik ist mir verschlossen. Ich beneide alle, die sich darin auskennen und dort so virtuos mit Formeln jonglieren. Ich glaube, mit Mathe geht es mir so, wie Autisten mit den Geheimnissen sozialer Interaktion in großer Gesellschaft: Es ist eine fremde Welt!

Aber fangen wir mal ganz am Anfang an. Da waren die Zahlen noch bunt und freundlich. Ich war gerade in die Schule gekommen. Die Lehrerin hatte große graue Papierbögen ausgeteilt. (Seltsam, warum man uns auf grauem Papier malen lies, aber wahrscheinlich war es das billigste.) Und wir Kleinen malten mit Buntstiften Zahlen. Schwungvoll und riesengroß. Wir folgten der Linienführumg immer wieder mit anderen Farben, mit allem, was unser Buntstiftkasten her gab. Jeden Tag kam eine neue Zahl dran. Die 2 hatte unten eine Welle. Bei der 7 war die Welle oben. Wie lang sollte der Hals der 5 sein? Die 8 wurde oben mit einem kleinen Kringel zugeknotet. Schön war das!

Aber dann verloren die Zahlen ihre Farben. Wir schrieben sie nur noch mit Bleistift. Und wir mussten sie in die Kästchen unseres Rechenheftes einsperren. Keine durfte über die Quadrate des karierten Papiers hinausragen. Meine Finger verkrampften sich um den Bleistift. Ich drückte auf das Papier, bis die Mine abbrach. Aber auch mit diesem Kraftakt konnte ich den graphitgrauen Zeichen kein Leben verleihen. Es begann die Mathematik.

Die Aufgaben im Rechenbuch waren zu Türmen aufgestapelt. Türme wie die von feindseligen Festungen, sie flößten mir Furcht ein.

Am Lösen der Rechenaufgaben konnte ich keinen Geschmack finden. Wörtlich. Zahlen schmecken nach nichts. Sie riechen nach nichts. Sie flattern nicht im Wind. Sie haben keine Blüten und sie stimmen keinen Gesang an. Sie vertrocknen nicht einmal, wenn man sie nicht begießt. In ihren wesentlichen Eigenschaften sind alle Zahlen gleich. Nämlich darin, dass sie keine Eigenschaften haben.

Zahlen haben einen Zahlenwert, das ist schon klar. Aber den sieht man ihrer Form nicht an. Eine 6 sieht eben aus wie eine 9, nur dass die Ziffer auf dem Kopf steht. Um aus einer 6 eine 9 zu machen, könnte man also auch das Blatt umdrehen, statt 3 zu addieren. Nur die 0 ist ein „Kreis mit nichts drin“ und die 1 hat noch etwas von dem einfachen Strich auf der Strichliste, der sie ursprünglich mal war. Aber davon hat uns damals niemand erzählt.

Im Gegenteil: Man verbot uns, Zahlenwerte zu visualisieren, also mit den Fingern zu rechnen oder jene „Rechenmaschinen“ zu benutzen, bei denen 100 Perlen zu je zehn auf Drähten eines kleinen Gestells aufgezogen sind. Mathematik durfte offensichtlich nichts Sinnenhaftes haben. Und alles Sinnenlose war für mich sinnlos.

Ganz anders war es in Heimat- und Sachkunde. Da gab es etwas zu sehen, zu beobachten und zu zeichnen. Und in Deutsch, wo wir es auch mit seltsamen kleinen Zeichenauf weißem Papier (und mit undurchschaubaren Regeln)  zu tun hatten, da entstanden aus den Wörtern Geschichten. Das war etwas anderes.

Natürlich ist mir klar, dass Zahlen ihren Sinn haben, und dass alles Sinnenhafte sich in Zahlen beschreiben lässt. Temperaturen durch °C oder Kelvin, Farben durch Wellenlängen des Lichtes, Klänge durch Frequenzen.  Und 9999 € Guthaben auf dem Konto sind mir auch lieber als 6666 €, obwohl ich mit 6666 € auch schon zufrieden wäre, wenn ich sie denn hätte.

Ich war auch immer froh über Sachaufgaben in Mathe. Aber die standen immer am Ende der Arbeiten, und dazu kam ich dann gar nicht mehr. Die normale Rechnerei laugte mich schon genug aus. Die rote Tinte, mit denen der Lehrer seine Korrekturen machte, gab den Seiten das Aussehen eines winterlichen Schlachtfeldes nach einem grausigen Gemetzel. Wieder mal hatte ich eine Niederlage erlitten.

Geometrie war dann Erholung, denn da gab es etwas zu sehen. Keine Ahnung, warum meine Mitschüler das nicht mochten.

Eine Teil meiner Probleme schiebe ich auf einen miserablen Lehrer in der vierten Klasse, der keine Ordnung auf der Tafel halten konnte. Eine weitere Schwierigkeit war, dass wenig später meine beginnende Kurzsichtigkeit lange nicht bemerkt wurde, auch von mir selbst nicht. Viel vom Unterricht an der Tafel muss an mir vorbei gegangen sein, auch in anderen Fächern.

Aber es kann auch sein, dass ich an Dyskalkulie leide. Wie auch immer: Ich merke es oft nicht, wenn mir eine Kommastelle verrutscht. Und ich neige zu Zahlendrehern. Schon, wenn mir jemand eine Telefonnummer diktiert, raste ich aus.

„Nullneunundachtzig-siebenhundertdreiundneunzig-fünfzehn-siebenundsechtzig…“

„MOMENT!!! Noch mal! Null-neun-acht…? Wie weiter?“

„Nein. NULL-ACHT-NEUN, sieben-neun-acht…“

„Na also, warum nicht gleich richtig?!“

Klar, dass ich weder zum Kaufmann noch zum Finanzbeamten oder zum Versicherungsberater tauge. Schlimmer für mich ist jedoch, dass sich die Naturwissenschaften für mich verschließen. Denn überall wird gerechnet. Dabei fasziniert mich die Natur. Ich mochte z. B. Physik und Chemie. Aber nur so lange es dort ohne Formeln abging. Und das war eine kurze Zeit.

Ich bewundere all die Genies, die solche Dinge wie die Relativitätstheorie oder Schwarze Löcher mathematisch beschrieben haben, bevor man überhaupt empirische Beobachtungen dazu hatte. Beneidenswert!

Eine Welt, die mir verschlossen ist. Leider. Ich wäre gerne Astronom geworden.

Advertisements
4 Kommentare
  1. Aspiepapa permalink

    Danke für diesen Blog!

    Du schreibst unter anderem: “ Oft wünschte ich, Zahlen hätten Gesichter. Und sie hätten Charaktäre“
    Gesichter sind aber für viele Autisten eine undefinierbare hautfarbene Ansammlung von Einzelmerkmalen! Da sind Augen, da sind Brauen, Wangenknochen, Nase, Poren, vielleicht ein Muttermal das die Aufmerksamkeit auf sich zieht. sprich, es ist zuviel auf einmal!

    Und was ist denn ein Charakter? Nach meiner Einschätzung auch nur eine Ansammlung vieler Einzelteile. Und gerade diese Teilstücke, ja Details eines Bildes, machen es ungreifbar!
    In einem früheren Blog über Liebe, hast du in einem Kommentar es recht gut als Wesen beschrieben, auch das ist ein Oberbegriff in meinen Augen, der aber der Sache an sich deutlich näher kommt um die Einzelmerkmale zusammenzufassen.

    Zahlen dagegen sind klar definiert, logisch, unveränderlich, ja ich möchte behaupten rein. Da gibt es keine Auslegung oder Deutung, sie sind einfach das was sie sind und eine 5 bleibt eine 5.
    Man kann Zahlen nicht interpretieren, sie nur sachlich und unbeugbar behandeln und vor allem verstehen. Das ist es was sie so toll macht.
    Ich versteh kein Wort von der Relativitätstheorie, von Quantenphysik und was weiß ich alles, aber Zahlen, ja die mag ich.

    LG und bitte weitere Blogs 😀

  2. Heute bekam ich ein Buch in die Hände:

    Daniel Tammet, Elf ist freundlich und fünf ist laut: Ein genialer Autist erklärt seine Welt.
    (7. Aufl. München 2008: Heyne)

    Zitat:

    Zahlen sind meine Freunde und sie sind ständig um mich. Jede ist einzigartig und hat ihre ganz eigene „Persönlichkeit“. Elf ist freundlich und Fünf ist laut, während Vier still und schüchtern ist – sie ist meine Lieblingszahl, vielleicht weil sie mich an mich selbst erinnert. Einige zahlen sind groß, wie 23, 667, 1179, andere klein, wie 6, 13, 581. Einige sind schön, wie 333, und einige sind hässlich, wie 289. Für mich ist jede Zahl etwas Besonderes.
    […]
    Die Wissenschaft bezeichnet meine visuell-emotionale Wahrnehmung von Zahlen als Synästhesie, eine seltene neurologische Vermischung der sinne, die in den meisten Fällen dazu führt, dass man die Buchstaben des Alphabetes und/oder zahlen in Farbe sieht […]

    Welch ein Gegensatz! 😀

  3. Raziel permalink

    Autismus und Dyskalkulie schließen einander nicht aus – obgleich das Rechnen mit Zahlen mich irr macht, liebte ich Mathe und liebe noch heute Prozentzangaben u. Wahrscheinlichkeiten.

    Aber ein Autist der nicht ein Zahlengenie ist und einmal die Woche Blumenkohl zu einem bestimmten Tag verputzen muss ist nicht gerne gesehen und wird als “ Fehldiagnostiziert “ und somit als nicht existend erklärt…..

    Dieser Blog ist für mich sehr Hilfreich! Und die Intention gefällt mir sehr .
    Und es ist befreiend hier ohne das ständige Einfügen von Smilies zeigen zu müssen das es freundlich o.s gemeint ist.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Warum ich keine Zahlen mag. | theolounge.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: