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Ein halbstarker Möchtegernobermandrill. (NT-Freilandbeobachtung.)

16. Juli 2013

Wenn ich auf dem Bahnhof warten muss, dann analysiere ich entweder die Reklame (die ich in der Regel schlecht gemacht oder nervig oder beides finde, aber interessante Studien kann man daran trotzdem treiben) oder ich beobachte Menschen. Leute beobachten, das ist manchmal richtig großes Theater. Oder es ist wie im Zoo. Ob man sich nun für Verhaltensstudien zum Paviangehege oder auf den Bahnsteig begibt, – unterhaltsam ist beides!

Letztens hatte ich wieder Gelegenheit dazu. Ich wartete auf die S-Bahn. Ein Stück weiter standen vier Jugendliche. Alles Jungs, so im spätpubertären Alter, vielleicht 15 oder gerade mal 16. Der Beobachtungsabstand betrug ca. vier Meter. Damit war ich etwas außerhalb jener Distanz, bei der sie mich zur Kenntnis genommen hätten. Wäre ich näher herangekommen, hätten sich mich wahrgenommen, aber so wurde ich wie die anderen Leute auf dem Bahnhof ignoriert.

Einer der Vier war etwas auffälliger gekleidet als die anderen. Sein billiger schlabberiger Trainingsanzug war etwas bunter als die Klamotten seiner Kumpanen. Und nur er hatte eine Baseballkappe auf, locker und mit dem Schirm nach hinten. Aha, dachte ich, der Bunte ist also der Obermandrill. Wobei ich den Angehörigen der Gattung Mandrillus natürlich unrecht tue, denn die machen einen würdevollen Eindruck. Diese Figur wirkte aber irgendwie albern. Jedenfalls auf mich.

Bemerkenswert war nun sein Verhalten. Er stand mit leicht vorgebeugten Oberkörper da und redete mit großen Gesten auf die Anderen ein. Vorgebeugt nicht wie bei enttäuschen oder gedemütigten Menschen, die in ihrer Niedergeschlagenheit die Schultern hängen lassen und zu Boden schauen. Seine Haltung war dabei straff, der Kopf aufrecht. Also eher wie ein Sportler, der auf den Start wartet.

Was er redete, habe ich nicht mitbekommen. Es kann nichts Informatives oder Argumentatives gewesen sein, denn ein längerer Text war es nicht. Nur impulsive Wörter oder Satzfetzen, wahrscheinlich ohne wirklichen Inhalt. Seine Gesten, die er mit den Armen machte, waren nach vorne auf seine Begleiter zu gerichtet, die Hände in einer Greifhaltung, mit den Handflächen mit den leicht gespreizten Fingern schalenförmig nach oben. Was ihn auf mich penetrant unangenehm wirken ließ: Er drang mit seinen Armbewegungen immer wieder in den intimen  Distanzbereich seiner Kumpanen ein. Das ist etwa der Abstand, in dem man seinem Gegenüber die Hand auf die Schulter legen könnte. In diesen engen Distanzbereich lassen wir normalerwiese nur engere Familienangehörige und gute Freunde hinein. Wird uns solche Nähe mit Fremden aufgezwungen, z. B. im Gedränge – ich konnte das vorher beim Aussteigen aus dem Zug erleben – oder im Fahrstuhl, dann verhalten wir uns normalerweise besonders reserviert.

Aber dieser Mandrill mit der Baseballkappe zwang den Anderen seine Nähe absichtlich auf, ohne dass Anzeichen für ein wirklich vertrautes Gespräch unter Busenfreunden zu erkennen waren. Seine Bewegungen schienen so etwas wie „gib endlich her!“ zu symbolisieren. Nur hatten die nichts herzugeben. Jedenfalls nichts Gegenständliches. Aber was war es denn, was der Typ einforderte?

Zunächst mal war es wohl Aufmerksamkeit, die er haben wollte. Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen, denn spannende Informationen hatte er offensichtlich nicht zu bieten. Das heißt, er wollte die Dominanz in der Gruppe. Diesen Anspruch zeigte er durch sein penetrantes Eindringen in die intime Distanzzone. Er demonstrierte damit, dass er die Eigenständigkeit der Anderen nicht respektieren wollte. Es ging bei dem ganzen Theater um die Rangordnung in dieser Clique, um nichts sonst. Und die Dominanz bekam der Wichtigtuer nicht durch irgendwelche Kompetenzen, seien das nun Intelligenz, Sportlichkeit, Wissen, Kreativität oder dergleichen, sondern schlichtweg durch Aufdringlichkeit.

Fragt sich natürlich, warum sich die Anderen das gefallen ließen. Wobei es freilich nicht ganz einfach ist, solchen Typen loszuwerden. Wären sie weggegangen, wäre er ihnen nachgekommen. Sie hätten also betont gelangweilt an ihm vorbeigucken müssen, wozu man ein gehöriges Maß an Sturheit braucht. Wahrscheinlich hätte er sie dann angefasst, geschubst oder dergleichen, um die Aufmerksamkeit zu erzwingen. Reden, ihn zurechtweisen nützt bei solchen Typen nichts. Wenn sie Format gehabt hätten, dann hätten sie ihn nachäffen und voreinander lächerlich machen können, aber dazu hätte es Konsens unter den übrigen Drei, in praxi  eine andere Führungspersönlichkeit gebraucht.

Vielleicht waren sie aber auch beeindruckt von seiner Aggressivität (oder verblüfft und deshalb nicht reaktionsfähig) und akzeptierten ihn als big man der Gruppe. Wobei ich ihm nicht zutrauen würde, die Clique wirklich konstruktiv anzuführen oder gar gegen andere zu verteidigen.

Wie dem auch sei, es war mal wieder ein Beispiel dafür, welchen Stellenwert die Rangordnung – denn um nichts anderes ging es hier – für neurotypische Jungs hat. Und das ganz speziell für die pubertierende Sorte.

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