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Kaputzen, Schleier und was sie (möglicherweise nicht) bedeuten.

29. Juli 2013

In der mittelitalienischen Landschaft Umbrien liegt Assisi, die Heimatstadt des Heiligen Franziskus. Durch sein Wirken wurde das malerische Städchen zum Zentrum der vom ihm gegründeten Franziskanischen Bewegung, Nach seinem Tod wurde es zu einem vielbesuchten Wallfahrtsort.

In einer der vielen Kirchen dort beobachtete ich einen Franziskanermönch, der sich zum Beten in die Kirchenbank setzte. Da wäre nichts besonderes dran zu bemerken. Was mir jedoch auffiel, war, dass er dazu die Kaputze seines braunen Ordenshabits über den Kopf zog. Dabei ist es eigentlich üblich, bei Betreten einer Kirche die Kopfbedeckung abzunehmen. Den Jugendlichen, mit denen ich damals in Assisi unterwegs war, hatte ich es eingebläut: In der Kirche Käppi ab! Das gehört sich so in einem Gotteshaus!

Was es mit der Kaputze jenes Ordensmannes auf sich hatte, erfuhren wir, als uns ein anderer Franziskaner die Fresken in einer der Kirchen erläuterte und dabei aus dem Alltag der mittelalterlichen Mönche erzählte. Die waren als Wanderprediger unterwegs und lebten, wenn sie irgendwo Station machten, in einfachsten Unterkünften auf engem Raum beieinander. Große Klöster, wo jeder eine eigene Zelle hatte, gab es damals für die Franziskaner noch nicht. Also gab es auch keinen privaten Rückzugsraum. Wenn nun einer der Brüder ganz für sich beten oder meditieren wollte, zog er also seine Kaputze über den Kopf und signalisierte den anderen damit: „Bitte sprecht mich nicht an, lasst mich jetzt ganz allein mit Gott mir selbst!“

Und so hielt es auch Jahrhunderte später dieser Mönch in der von vielen Pilgern und Touristen rege besuchten Wallfahrtskirche.

Ein jugendlicher Schnösel, der in der Schule die Kaputze seines Kapuzen-T-shirts auf hat, signalisiert etwas ähnliches, wenn auch ohne jede Frömmigkeit. Seine Botschaft an die Lehrkraft ist: „Lass mich in Ruhe! Der Unterricht ist mir egal, ich mach ‚dicht‘!“ Vielleicht unterstreicht er diese provokante Haltung auch noch durch seine übrige Kleidung: einen schlabberig-lässigen Trainigsanzug, der nicht etwa „Training“ symbolisiert, sondern „Freizeit“ und „Sich-ja-nicht-anstrengen“.  Dazu gehört dann eine lässig-hingeflegelte Körperhaltung und teilnahmslos aus em Fenster gucken oder mit dem Handy rumdaddeln.

Die Botschaft ist klar. Eine bewusste Provokation an den Lehrer.

Problematisch wird es auch dann, wenn solche Zeichen missverstanden werden, wenn „Sender“ und „Empfänger“ verschiedenen Kulturen angehören. Ein typische Beispiel ist mir in den 70er Jahren von einer Bekannten erzählt worden. Die war fast ausgerastet, als die türkische Schulkameradin ihrer Tochter bei ihr zu Hause ankam und sich die Hausaufgaben erklären lassen wollte. Das wäre für sie auch ganz in Ordnung gewesen. Nur trug das muslimische Mädchen ein Kopftuch und legte es auch bei ihr in der Wohnung nicht ab. Als es mit den Erklärungsversuchen nicht klappen wollte, wurde meine Bekannte ärgerlich: „Du kannst ja auch nichts verstehen, wenn du dir die Ohren zubindest!“

Die junge Muslima hatte qasi widersprüchliche Signale gesendet. Das eine hatte sie in Worten ausgedrückt, nämlich dass sie Hilfe wegen der Schule bräuchte. Das andere hatte sie durch das Kopftuch gezeigt, und das bedeutete genau das Gegenteil: „Lass mich in Ruhe, sprich mich nicht an, ich will nichts mit dir zu tun haben!“ Jedenfalls deutete meine Bekannte das damals so.

Ursprünglich hatte das Gebot des Koran, dass Frauen in der Öffentlichkeit (d. h. auf der Straße und dem Markt)  einen Überwurf über dem im 7. Jahrhundert weit geschlitzten Gewand tragen sollten, ja genau diese Bedeutung. Die Kleidung sollte sagen „Ich bin kein Freudenmädchen und nicht zu haben. Finger weg, Männer!“ (Von einem Shador oder gar von einer Burka war da übrigens nirgendwo die Rede!)

Das Kopftuch und Schleier bei muslimischen Frauen heutzutage ein Zeichen ihrer Religiösität sein sollen, braucht informierten Zeitgenossen nicht erklärt zu werden. Allerdings schwingt die andere Symbolik, sei es nun gewollt oder ungewollt, immer noch mit. Und so kommt es zu Missverständnissen. Der Ausdruck einer bestimmten Frömmigkeit und der damit verbundenen Haltung wird immer noch verstanden als „Rede nicht mit mir! => Integriere mich nicht! => Ich akzeptiere dich und deine westliche Lebenseinstellung nicht!“

Mich würde interessieren, wie heute in Schulen damit umgegangen wird.

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One Comment
  1. Ein gut geschriebener Blog über Missverständnisse, die sich bei Nachfragen aus dem Weg räumen ließen.

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