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Wozu Freunde treffen, reden, Kaffee trinken?

23. August 2013

In diesem Blogpost hat Aljosha folgende Frage gestellt:

„Es ist für mich sehr schwierig andere Menschen zu lesen und Ihre Absichten abzuschätzen. Für mich ist häufig einfach nicht erkennbar, was Freunde sind und was diese Beziehungen auszeichnet. Auch wenn sich Leute mit mir zum Kaffee verabreden wollen, ergibt sich für mich immer eine Frage: “Welcher Sinn steckt dahinter?” Gerade beim weiblichen Geschlecht fällt mir immer wieder auf, dass ich mir Gedanken darüber mache, was sie nun damit Bezwecken.

Und wieso wollen mich Leute treffen, wenn sie im Grunde gar nichts weiter von mir wollen? Gerade bei den weiblichen Mitmenschen, beobachte ich dies häufig. Manche kommen einem sogar etwas näher, als man eigentlich will. Fast so zum Küssen nahe, obwohl es noch genug Platz neben mir hätte. Aber warum tun sie das, wenn sie trotz allem kein weiteres Interesse haben an einer Beziehung? Oft ist es Ihnen unheimlich wichtig mir mehrmals mitzuteilen: “Wir sind nur gute Freunde.”

Ich zerbrösle mir häufig den Kopf über sogenannte “Freundschaften” und deren Bedeutung. Denn für einen oberflächlichen Smalltalk muss man sich doch nicht gleich treffen? Einer meiner guten Freunde wollte mich früher jede Woche treffen, sogar 2-3 mal pro Woche. Das könnte man doch genauso gut übers Telefon oder per SMS / Facebook regeln.

Ich denke immer mal wieder über solche Situationen nach und kann letztendlich einfach nicht mit ihnen umgehen. Darum bin ich auch eher der Eigenbrötler. Mir gibt dieses ganze “bla… bla…” einfach nichts. Zumal es manchmal sehr stressig ist, sich auf Smalltalk Gespräche vorzubereiten und jedes Mal wieder über alles nach denken zu müssen. Alles Analysieren zu müssen. Das Verhalten des gegenüber zu deuten. Erahnen was das alles zu bedeuten hatte. […]

Wo ist der Sinn, warum macht ihr Menschen das?“

Hmm, darüber denke ich selbst auch nach, seit dem ich mit Autisten zu tun habe. Ich versuche mal eine Kurzantwort, so als Arbeitshypothese:

Neurotypische Menschen sind Hordentiere. Das ist evolutionär bedingt. Rein körperlich ist der Mensch ein schwaches Tier. Er ist relativ langsam, hat keine Reißzähne und keine Krallen (nur relativ weiche Fingernägel). Sein Gesichtssinn (also das Sehen) ist eher mittelmäßig. Der Geruchssinn, zumindest bei neurotypischen Menschen, ist auch schlechter ausgeprägt als bei vielen anderen Säugetieren.

Diese Schwäche muss der Mensch durch den Sozialverband kompensieren. In der Horde wurde die Hetzjagd möglich. In der Gruppe konnten Menschen  sogar Mammuts zur Strecke birngen.
Der Zusammenhalt in der Horde, also die Kameradschaft und, wenn es intensiver ist, die Freundschaft, musste aber immer wieder bestätigt und gefestigt werden. Es reichte nicht, das einfach festzustellen wie eine Staatsbürgerschaft. Und dazu dient das viele Gerede. Dabei werden kaum Informationen ausgetauscht, sondern die Spiegelneuronen im Gehirn aktiviert. Die Spiegelneuronen regeln einen Großteil des Sozalverhaltens. Wenn Menschen gackern könnten wie die Hühner oder heulen wie die Wölfe, dann würde das dazu eigentlich auch reichen.

Diese Mechanismen sind auch heute in unserem (neurotypischen) Sozialverhalten wirksam.

Tja, und Autisten sind nun mal keine Hordentiere. Wobei es dabei, wie auch bei den NTs, jede Menge Abstufungen gibt.

Wenn dir die Mädels nahe kommen, sagen wir: näher als einen Meter, für längere Zeit (also nicht nur zufällig oder weil es gerade eng ist) und bevorzugt in Situationen, wo ihr nur zu zweit seid, dann ist es sehr wahrscheinlich Balzverhalten. Oder Flirt, wir sind ja nicht unter Vögeln ;-). Auch dann, wenn sie das nicht sagen oder von „nur Freunde sein“ reden.  Dieses Flirten ist ein dynamischer Prozess. Ein versuchsweises sich näher kommen und dabei ausprobieren, wie der potentielle Partner reagiert. Wobei auch das Abbrechen der Versuche zunächst mit einkalkuliert ist. Deswegen gibt es zunächst keine Festlegeung, deshalb das „nur Freunde Sein“. Freilich auch mit der Möglichkeit, dass eine Liebesbeziehung daraus wird. 😉

Ich nehme an, dass es dir als Autist schwer fallen wird, aber versuche in solchen Situationen mal drauf zu achten, ob die Dame dann besonders oft lächelt, den Blickkontakt sucht, dich scheinbar „zufällig“ berührt oder ob ihre Pupillen besonders geweitet sind. Das wären Indizien für Flirtversuche.

So weit mein Versuch einer Erklärung. Ist das so halbwegs plausibel? Was meint ihr?

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8 Kommentare
  1. Hat eben ein Vorteil, wenn man gar keine Menschen kennt, die dies Vorschlagen…

    • Hat aber auch den Nachteil, dass man dann keinen kennt, der einem hilft, wenn’s nötig ist. Das muss ja nicht gleich eine Mammutjagd sein. 😉

  2. Ich hab das Glück, ein paar Freunde zu haben, die verstehen, dass ich das „Treffen um des Treffens Willen“ nicht wirklich brauche und trotzdem da wären, wenns bei mir brennt. Dafür versuche ich aber auch, Interesse zu zeigen, wenn sie mir (aus meiner Perspektive) belanglose Sachen erzählen. Zu einer Freundschaft gehören schließlich zwei, und eben auch ein Entgegenkommen auf beiden Seiten, das hab ich gelernt. Auch wenn ich dann halt Dinge hören muss, die mich überhaupt nicht interessieren.

    • Gute Einstellung! 🙂
      Im übrigen ist es auch unter NTs nicht immer so, dass einen alles wirklich interessiert, was die Leute da erzählen. 😉

  3. Geralt permalink

    Hallo Ismael,

    Ich habe heute deine Blog Seite entdeckt, und den Beitrag „Autisten sind anders“ sehr interessant gefunden.

    Bei diesem Beitrag bin ich an dem Wort/Begriff „Hordentiere“ „hängengeblieben“.
    Ich kannte den Begriff eher als „Herdentiere“.

    Eine Horde bedeutet für mich eher etwas aggressiv/militärisches (= Bande/Rotte).
    Ich kenne das eher aus dem militärischen oder geschichtlichen Zusammenhang.

    Eine Herde hingegen, kenne ich als sozialen Verband aus der Soziologie/Biologie.
    (=Rudel/Schwarm)

    Was ich wissen möchte:
    Hast du bewusst, den Begriff „Horde“ gewählt, um auch den aggressiven „Unterton“ in deinen Beitrag zu bringen. (Quasi als versteckten „Witz“, dass AS Menschen meist friedlicher sind, als NT Menschen)
    Oder nur als Synonym für den Begriff „Herde“ ?

    Ich frage dies aus reiner Neugier, weil ich meist solche Begriffe und Bedeutungen ganz genau wissen möchte.

    Vielen Dank für deine Beiträge
    Gruss Geralt

    • Hallo Geralt,
      nein, ich habe den Begriff „Horde“ ohne eine Konnotation im Sinne von Aggressivität gebraucht. Obwohl eine Horde dazu in der Lage ist, etwa bei der Jagd oder bei Überfällen. Der Terminus wird in der Ethnologie für einen kleinen Verband von Menschen (oder anderen Hominiden) verwendet. Die Horde ist weit weniger organisiert als das der Stamm, das Häuptlingstum oder der Staat. Allerdings gibt es durchaus sozale Strukturen und Hirarchien, nur sind diese nicht institutionalisiert. Die Analogie im Tierreich wäre das Rudel.

      Schwärme im Tierreich sind dagegen oft nur „Ansammlungen“ von Individuen (Heringe, Stare).

      Herden haben manchmal Leittiere, die z. B. die Wanderrichtungen vorgeben. Es gibt oft auch Rangordnungen, was sich in der Partnerwahl auswirkt. Aber eine Herde geht nicht gezielt vor wie zum Beispiel ein Löwenrudel bei der Jagd oder eine Horde von Steinzeitmenschen auf einem Streifzug..

      • Geralt permalink

        Dankeschön für deine Antwort.
        Gruss Geralt

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  1. Gackern, Schnattern, Kläffen, Heulen: die Funktionen neurotypischer Lautäußerungen. | Erdlingskunde

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