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Schau mir nicht so in die Augen, Kleines!

1. November 2013

Eben erschien ein Blogpost von Gerhard Gaudard zum Thema Blickkontakt. Auch in diesem sehr lesenswerten Artikel von girlfromouterspace wird das kurz angesprochen.

Ich meine, ganz so dramatisch ist das aus Sicht neurotypischer Menschen nun doch nicht. Auch wenn der Blickkontakt in Bewerbungsratgebern und Rhetorikursen immer wieder gefordert wird.

Zunächst: Auch neurotypische Menschen schauen einander selten direkt in die Augen. Ich kenne nur zwei Situationen, in denen das vorkommt.

Die eine Situation ist Liebe. Die andere ist der Hass. Wenn sich die Blicke zweier Menschen rein zufällig begegnen, ohne dass eine dieser Emotionen da ist, dann wenden sie den Blick sofort ab. Schon eine Viertelsekunde in die Augen schauen bedeutet entweder das eine oder das andere. Und es wird sofort bemerkt.

Wenn zwei Menschen (ich rede jetzt von NTs) sich attraktiv finden, dann ist es dieser Blickkontakt, der ein paar Zehntelsekunden „zu lange“ dauert, das erste, das sie von einander als Zeichen von Sympathie wahrnehmen. Aber auch dann wenden sie die Augen schnell ab und lächeln. Später werden sie es vielleicht als „Funken, der in diesem Augenblick(!) übersprang“ beschreiben. Jetzt kann das Spiel des Flirts beginnen, in dem sie versuchen, den Blickkontakt erneut herzustellen. Z. B. in dem sie „scheu“ den Blick senken, also scheinbar nach unten gucken, aber dann doch bei immer noch etwas gesenktem Gesicht nach oben zu ihrem Gegenüber schauen. Dabei werden die Lider und Brauen etwas nach oben gezogen. Und sie werden verlegen lächeln.

Ein weiterer Schritt könnte sein, einen bewussten, längeren Blick in die Augen des potentiellen Partners zu wagen. Aber wieder mit einer „Entschärfung“, nämlich dem leichten seitlichen Schräglegen des Kopfes, so dass die Blickachsen beider auch dann nicht vollkommen übereinstimmen. Erst in einer tiefen Beziehung werden sich beide lange und direkt in die Augen schauen, dann auch ohne Lächeln. Aber auf jeden Fall mit groß geweiteten Pupillen!

😀 Meine Güte, ich beschreibe das wie eine Bastelanleitung für’s Verlieben! 😀 Aber es geht ganz instinktiv so. Wenn solches Verhalten bewusst inszeniert wird, dann wirkt das wie plumpe Anmache. Und so was kommt in der Regel ganz übel an.

„Wasgugsdu!“ Wenn dieser Spruch kommt, wurde ein Blick als Aggression empfunden. Besonders pubertierende Jungs mit Macho-Mentalität scheinen da besonders empfindlich zu sein. Jemanden zu beobachten, kann an sich schon etwas von „belauern“ an sich haben. Direktes Anstarren mit zusammengezogenen Brauen und schlitzförmig verengten Lidern ist bereits ein Machtkampf. Entweder einer senkt den Blick und nimmt damit eine Demutsgebärde ein oder es kommt zum Kampf, sei es mit Worten oder mit Fäusten.

Der gut gemeinte Rat „Suchen Sie Blickkontakt“ in Gesprächsratgebern stimmt also nicht immer. Jedenfalls darf man sich nicht dazu zwingen. Also auf keinen Fall seinem Gegenüber in die Augen glotzen, er könnte dann schnell zu Gegner werden.  Noch mal: Auch neurotypische Menschen starren einander normaler Weise nicht in die Pupille! Viel mehr beobachten sie das Umfeld der Augen: die Brauen, die Lieder, ob Lachfältchen in den Augenwinkeln sind usw.

Jemand, dem das nicht liegt, sollte auf das weitere Umfeld ausweichen: Nasenwurzel, Stirn, das Kinn. Wenn auch das nicht geht, bietet der Krawattenknoten vielleicht ein interessantes Meditationsobjekt.

Natürlich ist es richtig, dass „Zugewandheit“ (wörtlich) in einem Dialog Aufmerksamkeit signalisiert. Und jemandem „die kalte Schulter zeigen“, sich also halb oder ganz abwenden, bedeutet das Gegenteil. Aber auch der Blick auf den Bleistift auf dem Konferenztisch oder sogar an die Decke kann Nachdenklichkeit und damit Aufmerksamkeit bedeuten. Nur verträumt aus dem Fenster schauen oder gar auf die Tür, durch die man gerne entschwinden würde, – das wäre dann schon auffällig. 😉

Ach so, bevor ich das vergesse, ein Vorschlag für ein Experiment: Wenn ihr Autisten einem Menschen, den ihr liebt, nicht in die Augen schauen mögt, – dann versucht doch mal, euch einfach nur das Muster seiner Iris einzuprägen! 😉 Bin gespannt, ob das geht!

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Nachtrag: Gestern erschien auf Youtube dieser erstklassige Beitrag von Amythest Schaber, den ich allen, Autisten wie Nichtautisten, sehr ans Herz lege (RW):

 

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From → Verhaltensweisen

2 Kommentare
  1. mhh, also meine Erziehung ziehlte nur darauf ab anderen Menschen besonders beim reden in die Augen zu sehen. Auch heute noch passiert es mir ab und zu das Leute zu mir sagen, schau mir gefälligst in die Augen wenn du mit mir redest. Resultat: ich rede mit denen einfach nicht mehr. Aber es mus ja was abstossendes drann sein wenn ein gegenüber sich dadurch so gestört fühlt. Ich fühl mich da eher gestört wenn man versucht im Gespräch meine Augen förmlich zu suchen, das hasse ich wie die pest und fange dann auch an wild mit dem Kopf hin und her zu schlagen, nur um seinem Blick entkommen zu können.
    Für mich (nicht für alle Autisten) bedeutet das i die Augen schauen Angriff, ich fühle mich sehr angegriffen und mein ganzer Körper bereitet sich dabei auf flucht vor, soll heißen das sogenannte Urhirn übernimmt die kontrolle und schaltet das Großhirn nahezu komplett aus. Das heißt keine Konzentration mehr, Haare sträuben sich auf (nackenhaare), die Beine werden auf Flucht vorbereitet und das Gehirn fängt an wie blöde Befehle an die Beine zu versvchicken, los zu laufen. Das will man natürlich nicht und hat alle hände voll damit zu tun, diese Impulse zu kontrolieren und ruhig zu halten. Das ist zumindest bei mir so

  2. Du schreibst: „Aber es mus ja was abstossendes drann sein wenn ein gegenüber sich dadurch so gestört fühlt.“

    „Abstoßend“ ist wohl nicht das treffende Wort. Wenn man sein Gegenüber beim Gespräch nicht anschaut, wirkt das desinteressiert. Als wäre man mit seinen Gedanken ganz woanders. Oder als würde man Selbstgespräche fühen oder sich mit der Kaffeetasse unterhalten und nicht mit dem, der da noch am Tisch sitzt.

    Um das Problem zu lösen, müssten Zeichen der Aufmerksamkeit gefunden und verabredet werden, die nicht im Anschauen bestehen.
    Unter Freunden und vertrauten Gesprächspartnern sollte das möglich sein, finde ich.

    Was meint ihr?

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