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CHEEEEEESE!!! Die Tücken beim Grimassentest.

8. November 2013

In Reportagen über Autismus und beim Herumsurfen im Web bin ich auf Tests gestoßen, bei denen Fotos von Gesichtern bestimmten Emotionen zugeordnet werden sollen. Sei es nun als Teil eines diagnostischen Tests bei Autismusverdacht oder auch zum Erlernen des Gesichterlesens. Spaßeshalber hab ich auch selber den einen oder anderen mitgemacht. Allerdings mit einem sehr unguten Gefühl!

Obwohl ich im Erkennen von Emotionen im Minenspiel oder der Gestik nicht schlecht bin, hatte ich Probleme, die Portraits den vorgeschlagenen Begriffen zuzuordnen. Meistens hätte ich andere Ausdrücke für die Gesichtsausdrücke gewählt, als im Test standen. Und oft sogar mehrere. Statt mich mit einem schnellen Klick zu entscheiden, begann ich die Situationen ausführlich zu beschreiben. Da war in einem Fall „Angst“ anzuklicken, ich hätte aber „Schreck, spontanes Entsetzen, aber gleichzeitig Neugier“ hinschreiben wollen. Manchmal waren meine Einschätzungen auch total anders.

Dieses Gesicht ist mit „Angst“ beschrieben. Ich hätte „hochaufmerksam, sehr distanziert“ gesagt. Es zeigt nach meinem Empfinden eine Frau, die etwas Dramatisches beobachtet. Das könnte etwas Gefährliches sein, ober genau so gut etwas anderes Faszinierendes.

Dieses Gesicht kann, wie dort steht, Ekel ausdrücken, aber auch so etwas wie „Au weia, das geht schief!“ Wenn die gleiche Dame hier Freude zeigt, dann ist es aber wohl eine sehr verhaltene Freude. Das hier soll Entäuschung darstellen, dieses dagegen Zorn. Da scheinen mir entweder die Bilder oder die Zuordnungen vertauscht zu sein.

Das Portrait hier ist der Emotion „Entrüstung“ zugeordnet. Für mich zeigt es eher Skepsis, aber mehr noch eine gehörige Portion Nachdenklichkeit (Blick nach oben). Die Dame wird gleich ihre wohlmeinenden (zur Seite geneigter Kopf!) Überlegungen zu einer Sache äußern, während von diesem Herrn eine klare Zurechtweisung zu erwarten ist (gerade auf das Gegenüber ausgerichtet, angehobener Kopf). Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Sicher spielt dabei die eigene Subjektivität eine Rolle. Bei Mimik und Gestik geht es um Zwischenmenschliches, und das ist nun mal „menschlich“. Ich selbst und meine eigene augenblickliche Emotion spielen eine große Rolle dabei, wie ich einen anderen Menschen empfinde. Eine Verkäuferin in einem Warenhaus hielt ich für besonders freundlich und hilfsbereit, während meine Frau sich am liebsten über deren Pampigkeit beschwert hätte. 😉

Aber ein Problem könnte auch die Vielschichtigkeit von Emotionen sein. Es gibt ja nun mal nicht nur die „Eckemotionen“ Freude, Angst, Trauer, Zorn und Abscheu, sondern Hunderte in verschiedensten Abstufungen. Und es kann verschiedene Emotionen gleichzeitig geben. Ich kann jemanden ernst zurechtweisen, ihn aber gleichzeitig herzlich lieben! Dann bin ich keineswegs wütend, sondern nur klar in der Sache. Und das klingt dann nun mal nicht so zart. 😉

Deswegen bitte ich alle, die solche Tests entwerfen, um besondere Sorgfalt. Bitte macht euch das nicht zu einfach!

Und ihr Lieben, die ihr aus irgendwelchen Gründen solchen Tests unterworfen werdet, nehmt es nicht so tragisch, wenn da was ganz Komisches rauskommt! Das Foto eines lauthals lachenden Menschen sieht nun mal genau so aus wie jenes, wenn er schreit! 😀

Und noch was: Die meisten dieser Fotos sind gestellt. Also unecht. Und jemand muss schon ein exzellenter Schauspieler sein, damit man das nicht merkt. Die meisten Menschen konnen sich nicht verstellen. Jedenfalls nicht gut genug, um andere wirklich zu täuschen. Ich kann nicht einmal für ein Bewerbungsfoto anständig auf Kommando lächeln. Da hilft auch kein „Sagen Sie mal cheese!“ Das gibt bestenfalls ein Grinsen wie bei Stanley Laurel. Also nehmt mich mit meinem schlitzäugigen skeptisch wirkenden Blick, wie ich bin. Und das ist, in den allermeisten Fällen, gutherzig! Auch wenn es nicht so aussieht. 😉

Ach so, ihr achtet auf meine dämliche Visage sowieso nicht? Prima, um so besser! Das ist es wohl, weswegen ich euch so mag! 😀

P. s.: Bitte auch den ergänzenden Kommentar lesen!

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Quelle für die Graphik-Verknüpfungen: http://chaoskatja1.npage.de/mimik-deuten.html

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From → Verhaltensweisen

2 Kommentare
  1. Zu dem obigen Artikel gab es einige Nachfragen. Ich bin gebeten worden, zu präzisieren, mit welcher Absicht ich den Text geschrieben habe. Das will ich gerne tun. Ein Anliegen der „Erdlingkunde“ ist ja, in einen lebendigen Austausch mit Autisten einzusteigen, hier einmal aus Perspektive des Nichtautisten.

    Offensichtlich kam der Text bei einigen Leserinnen so an, als wolle ich die Probleme beim Erkennen von Mimik und Gestik und das Blickkontakt-Halten (voriger Blogpost) bagatellisieren. So nach dem Motto „Alles halb so schlimm, das fällt doch auch den Normalos nicht so leicht!“

    Nein, diese Absicht hatte ich nicht! Ich hatte sogar die Sorge, euch Autisten zu entmutigen!
    Wenn ich schrieb, dass die Portraitfotos ein viel differenzierteres Minenspiel zeigen, als die angebotenen Begriffe scheinen lassen, dann bekommt manch ein Leser vielleicht einen Schreck und sagt, „wenn es so kompliziert ist, dann lerne ich das nie!“ Natürlich ist auch das nicht meine Absicht! Ich möchte jeden, der es nicht von Natur aus kann, ermutigen, sich eine gewisse „Menschenlesekompetenz“ anzutrainieren und entsprechene Möglichkeiten anzunehmen, wo immer das von fachlicher Seite angeboten wird.

    Auslöser des Blogpost war zunächst mal das spontane Unbehagen gegenüber den drei oder vier Tests, die mir auf den Bildschirm gekommen sind und von denen mindestens einer unprofessionell gemacht war. In mir kam der Verdacht auf, dass mit der Zuordnung Gesichtsausdruck (Foto) – Emotion (einzelner Begriff) vereinfachte und damit falsche Informationen vermittelt werden.

    Eine Fehlerquelle hatte ich genannt: Gestellte Fotos sind selten „echt“ genug, um eine Emotion präzise wiederzugeben. Das war mein Beispiel mit dem Bewerbungsfoto, wo der Fotograf „Bitte recht Freundlich!“ sagt und es bei mir nicht klappen will. Eine Bekannte von mir kann dagegen recht ausdauernd in die Kamera strahlen, die Talente sind da sehr unterschiedlich. Bei Fotoshootings für die besagten Tests wird es ähnlich gehen. Wenn der Fotograf sagt „Mach mal ein entsetztes Gesicht“, dann kommt vielleicht ein nachdenkliches oder besorgtes Gesicht dabei heraus. Hier ist mein Anliegen, dass solche Serien mit größerer Sorgfalt angelegt werden. Auf geden Fall mit ausreichend großen Vergleichstests an neurotypischen Probanden, bevor man Autisten bzw. Verdachtsautisten damit arbeiten lässt.

    Die zweite Fehlerquelle ist die fehlende Gesamtschau bei einem Standfoto. Mein Beispiel vom Lachen, dass wie Schreien oder Weinen aussehen kann. Da müsste man, zumindest in Einzelfällen, Filmszenen hinzunehmen.

    Die dritte Fehlerquelle ist die Subjektivität. Dieser Punkt ist vielleicht der Auslöser für das eingangs genannte Missverständnis (Stichwort: „Das geht doch allen so!“). Unbestritten ist, dass neurotypischen Menschen ein großes Repertoire an nonverbaler Kommunikation durch Mimik und Gestik angeboren ist. Die vergleichende Verhaltensforschung hat es herausgefunden. Und diese nonverbale Kommunikation macht, so habe ich irgendwo gelesen, mindestens 80 % des persönlichen Umganges miteinander aus. Was passiert, wenn 80 % der Kommunikation einfach fehlt bzw. nicht verstanden wird, kann wohl nur derjenige ermessen, der es selbst erlebt. Da gibt es nichts zu bagatellisieren. Dieses Nichtverstehen – und das Nichtverstehen des Nichtverstehens – macht einen wesentlichen Teil jener „Glaswand“ aus, die uns so schmerzlich trennt.

    Worauf ich bei diesem Punkt jedoch hinaus wollte, ist, dass diese nonverbale Kommunikation unter neurotypischen Menschen nicht immer so reibunglos funktioniert, wie man sich das bei angeborenem Verhalten so denkt. Zumindest bei den Ausdrucksformen, die abseits der „Eckemotionen“ liegen, gibt es eine große Spanne von Interpretationsmöglichkeiten und damit die Chance auf Missverständnisse. Klar, dass das dann eine große Quelle für Streit aller Art ist. Ich möchte hier einfach vor einem Vorurteil warnen. Nämlich dem, dass wir Nichtautisten die Tastatur der nonverbale Kommunikation so bedienen könnten wie die des Computers, wo die Signale eins-zu-eins rüberkommen. Die Irritaitionen, die sich daraus ergeben, sind Stoff für endlose und für meinen Geschmack nervtötender Diskussionen. Ich selbst kann sehr gut erkennen, was Gesten und Minen ausdrücken. Ich habe auch ein recht gutes Gespür für „Stimmungen“ unter Menschen. Aber ich gehe relativ gelassen damit um.

    Und ich möchte auch gelassen damit umgehen lernen, wenn das mit der nonverbalen Kommunikation gar nicht klappen sollte. Deswegen der flapsige Schlusssatz meines Blogposts. 🙂

  2. Ich falle grundsätzlich ziemlich durch bei solchen Tests, bei 50 Gesichtern kann ich froh sein wenn ich 2 richtig rate ;-). Allerdings hat glaube ich noch nie jemand versucht Mimiken von Autisten zu Fotografieren und dann andere Autisten fragen welche Emotionen der Autist hat. Frag mich schon seit einer Weile, ob ich dann besser abschneiden würde 😉

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