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Leben ohne Glaswand.

18. November 2013

„Ich schlage die Decke über das metallene Fußende, schwinge die Beine aus dem Bett, wackele mit den Zehen und greife nach dem Bademantel. Seine Flauschigkeit erfreut mich, ich genieße lächelnd. Im Bad nehme ich die Zahnbürste, darauf kommt ein kleiner Klecks der üblichen Zahnpasta. So vertraut. Zähne putzend laufe ich  ins Ankleidezimmer, schlüpfe kurz aus dem Bademantel, steige auf die Waage…“

Da beobachte ich also jemanden bei der Morgentoilette, dann in der Küche beim Kaffeekochen, beim Einkaufen. Eine junge Frau, gut aussehend, selbstbewusst, gleichzeitig empfindsam. Ich kenne ihren Namen nicht und weiß nicht, wo sie wohnt. Ich lese nur ihr Weblog. Schwarze Buchstaben auf dem Bildschirm. Elektronisch übermittelt über hunderte(?) Kilometer  Glasfaserkabel. Und doch bin ich ihr in diesem Augenblick so nah, fast als wäre ich ihr Lebenspartner, nehme Anteil an den Empfindungen, die sie schildert. Gefiltert, selektiv natürlich. Subjektiv, denn das Fehlende ergänzt sich aus der Einbildung, ohne dass ich groß die Phantasie bemühen muss. Das geht von selbst.

Wie geht es mir damit? In einem voraufgegangenen Artikel war ich erschrocken. Ein zunächst nüchterner Text über die Emotionen geht unvermittelt in zu tiefst persönliche Schilderungen über.

„Es ist ein bisschen so, als würde eine zähflüssige, elektrisierte Masse durch meine Adern kriechen und jede Zelle leidig kribbeln lassen, bis ich meine überreizte Haut ungeduldig reiben möchte.“

Hier bin ich als im Web surfender Hanswurst mit meiner Wahrnehmung unversehens unter der Haut eines völlig fremden Menschen angelagt. Dabei währe die Wohnung für mich allemal schon Tabuzone.

Ich bin kein Voyeur. Vor einigen Jahren gab es ein Werbeplakat, das in Nahaufnahme die Gesichter zweier Menschen zeigte, die im Begriff waren, sich zu küssen. Es war mir unangenehm, so zwangsweise in eine intime Situation hineingenommen zu sein. So wie es mich anwidert, im Zug private Handytelefonate mithören zu müssen. Ich mag keine Seifenopern und keine Familiensagas, lese so gut wie keine Romane. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Geschichten erfundene Kunstprodukte sind. Das Hirn, so haben Neurologen festgestellt, arbeitet mit den nur in der Phantasie vorkommenden Erlebnissen genau so wie mit realen.

Nur gibt es im realen Geschehen einen Unterschied. Ich kann aktiv werden, kann Stellung beziehen, kann die anderen ansprechen, kann eingreifen. Ich kann mich zurückziehen, wenn ich merke, dass es zu intim wird. Im Kino bin ich passiv, bin dem sich anbahnenden Verhängnis ausgeliefert wie der Held einer griechischen Tragödie dem Schicksalsspruch des Orakels. Das mag ich nicht, es belastet.

Im realen Leben kann ich Schicksale nah an mich rankommen lassen. Auch Freunde aus dem Internet vertrauen mir zuweilen sehr private und auch leidvolle Dinge an. Damit kann ich umgehen. Die Kontakte waren nicht überraschend. Wir konnten abwägen, wie weit und wie schnell wir Nähe zulassen wollten. Vor allem aber konnte ich eine eindeutige Rolle einnehmen, nämlich die eines väterlichen verschwiegenen Freundes.

Und wie ist es bei der oben zitierten Bloggerin? Wäre es irgendein beliebiger Mensch, sagen wir, mir einem Hang zum Exhibitionismus gewesen, hätte ich mit einem „Wie peinlich, – es geht mich nichts an!“ auf das kleine Kreuz rechts oben geklickt. Nur ist es nicht so. Girl from outer space hat ein Anliegen. Ein ernstes Anliegen, und das geht mich durchaus etwas an. Sie möchte vermitteln, wie Autisten empfinden und leben. Und das tut sie in ihrer Art mit einer beeindruckenden Sprachbegabung und Darstellungkraft.

Ich möchte verstehen.  Deswegen lese ich ihren Blog.

Nur suche ich noch nach meiner Rolle als Leser. Einige Blogs lese ich wie ein wissbegieriger Zeitschriftenabonnent. Andere als ein Fan, wieder andere als Freund der Autoren. Aber diesen?

Das neurotypische Debakel, – wir suchen immer eine Form von Beziehung zu erkennen.

Auch wenn keine da ist.

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From → Verschiedenes

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