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Gackern, Schnattern, Kläffen, Heulen: die Funktionen neurotypischer Lautäußerungen.

3. Dezember 2013

Wenn neurotypische Menschen miteinander reden, dann sorgt das bei Autisten oft für Irritationen. Wenn es um Smalltalk, um Plaudereien über Nebensächlichkeiten, um den Tratsch bei einer Tasse Kaffee geht, dann hinterlässt das bei ihnen Ratlosigkeit, Befremden oder auch Verärgerung. In einem Chat schrieb mir die Bloggerin Mä Del:

Ich verstehe den Sinn hinter dem Smaltalk nicht. Ich verstehe auch nicht, warum man reden muss um des Redens willen. Warum lästern Menschen so gern? Weil sie dann was zu sagen haben? Wenn dann die andere Person da ist, dann haben sie nicht den Schneid zu ihrem Gesagten zu stehen. Entweder hat man eine Meinung oder nicht. Warum wird über Wetter geredet, wenn man doch am selben Fleck steht. Warum fragen sie einen wie es einem geht,ohne es wirklich wissen zu wollen. Auch hier, nur um des Redens Willen?

Umgekehrt kommen die Neurotypischen nicht damit klar, wenn sich Autisten dem entziehen. Dann gelten sie leicht als ignorant oder arrogant. Das wiederum führt oft zu bewussten Ausgrenzungen der Autisten aus den jeweiligen Gruppen.

So weit mein kurzer Befund.  Weswegen ist das so? Ich möchte meine Überlegungen dazu zur Diskussion stellen. Leicht möglich, dass andere das auch schon ähnlich oder besser getan haben, ich habe da nicht groß recherchiert. Einige Aspekte habe ich in anderen Blogposts schon angesprochen, hier geht es nun ganz allgemein um „das Gespräch“ und warum es damit so schwierig ist. Wenn ich mich in einigen Teilen wiederhole oder in einen belehrenden Ton verfalle, bitte ich um Nachsicht. 😉 Und, – es könnte ein langer Text werden! Und leider wohl wieder ziemlich sprunghaft. Also Kapitelweise lesen, und bitte Pausen dazwischen machen, sonst wird es zu bunt!

Kommunikationsmodelle

Es ist lange her, dass ich in der Schule jenes simple Kommunikationsmodell gelernt habe, dass wohl jeder kennt: Der Sender einer Botschaft codiert den Inhalt für ein bestimmtes Medium (z. B. artikulierte Sprache oder Schrift) und übermittelt die Information, die vom Empfänger wieder decodiert wird (informationstechnisches Kommunikationsmodell). Im Deutschuntericht besprachen wir dann, welche Probleme dabei auftauchen können. Diese lagen, so lernten wir, im Bereich der Codierung und Decodierung, z. B. wenn Sender und Empfänger einen unterschiedlichen Jargon sprechen oder wenn homonyme Begriffe anders verwendet werden.

Heute ist ein differenziertes Kommunikationsmodell gebräuchlich. Es wurde von Friedemann Schulz von Thun formuliert und kursiert unter verschiedenen Namen: Kommunikationsquadrat, Vier-Seiten- Modell, Vier-Ohren- Modell oder BASS-Modell. Es beinhaltet die These, dass eine Botschaft eigentlich vier (mindestens vier!) Botschaften enthält. Diese umfassen folgende Basisthemen bzw. Kommunikationsebenenen:

  • B – Beziehung: Welches soziale Verhältnis haben Sender und Empfänger der Botschaft (nach Meinung des Senders)  zueinander?
  • A -Appell: Was will der Sender vom Empfänger?
  • S – Selbstaussage: Was gibt der Sender über sich selbst preis?
  • S – Sachaussage: Die offensichtlich artikulierte Information.

Die Bedeutung dieser Verschiedenen Aspekte ist je nach Situation unterschiedlich. In einer naturwissenschaftlichen Vorlesung wird die Sachaussage dominant sein. Aber schon dabei spielt eine Rolle, ob der Dozent z. B. in seinem Auftreten einen kompetenten Eindruck macht (Selbstaussage) und ihm das Auditorium vertrauen schenkt (Beziehungsebene). Oder ob er herumdruckst oder wortreich, aber inhaltsarm, schwafelt.

Bei einem Verkaufsgespräch kommt dann sehr markant der Apell hinzu. Der Verkäufer will ja nicht nur über das Produkt informieren, sondern den Kunden zum Kauf bzw. Vertragsabschluss bewegen.

Bei einem Kaffeekränzchen oder beim Tratsch im Treppenhaus ist dagegen die Beziehungsebene dominant. Selbst vermeintliche Sachaussagen – „Weißt du schon, dass Evi wieder ’nen Freund hat?“ –  behandeln oft Beziehungsfragen.

Sachaussagen und in der Regel auch der Appell werden vom Sender bewusst vorgetragen. Die ganze Beziehungskiste kann dagegen sowohl bewusst wie auch unbeabsichtigt ablaufen. Oft ist den Beteiligten gar nicht klar, was sie über sich selbst und ihr Verhältnis zum Zuhörer preisgeben. Die nonverbale Kommunikation spielt eine ganz entscheidende Rolle, und die ist kaum steuerbar. Zudem sind Beziehungs- und Selbstaussage subjektiv. Beide sind von der Psyche und auch von der augenblicklichen Laune der Gesprächspartner abhängig..  Deswegen ist dieser Kommunikationsanteil unglaublich anfällig für Missverständnisse. Ja, manchmal habe ich den Eindruck, Missverständnisse sind viel „normaler“ als das spontane Verstehen!

Drei Punkte im BASS-Modell behandeln das Mit- oder Gegeneinander der Gesprächspartner, nur einer den vermeintlich objektiven Inhalt, von dem wir uns doch einbilden, dass wir darüber reden. Das dürfte alle, die noch nicht darüber nachgedacht haben, erschrecken. Es verlangt eine Erklärung. Warum ist das so?

These: Horde und Hierarchie bestimmen die Mechanismen der Kommunikation.

Nach meiner Meinung erschließt sich die Antwort, wenn wir die Kommunikation unter den Gesichtspunkten Horde und Hierarchie betrachten. „Horde“ nicht nur des  Stabreimes wegen, sondern weil ich das Sozial- und damit das Kommunikationsverhalten gerne aus der Perspektive der Urgeschichte des Menschen betrachte. „Horde“ steht hier für die Gruppe, den Sozialverband, in dem ein neurotypischer Mensch üblicherweise lebt. In der Völkerkunde ist damit eine Lebensgemeinschaft mit einem geringen Organisationsgrad bei Naturvölkern gemeint. Aber die Vorgänge in heutigen Familien, Schulklassen, Arbeitsteams und kleinen Vereinen sind sehr ähnlich.

Der neurotypische Mensch ist ein Hordentier. Und ich betone jetzt mal Hordentier, also dass er ein Tier ist. Also verhält er sich vergleichbar und kommuniziert entsprechend.

Exkurs: Kommunikationsinhalte bei Tieren

Welche „Inhalte“ hat die Kommunikation von Tieren, die keine Menschen sind? Der Tanz der Bienen enthält Sachinformationen, also wo Nektar zu finden ist. Bei Walen, besonders Delfinen nimmt man an, dass sie zumindest ansatzweise, Sachinformationen austauschen können. Vieleicht auch Fledermäuse und Elefanten, – ich weiß nicht, wie weit der Forschungsstand da gerade ist. Aber im Wesentlichen geht es, zumindest bei höheren Wirbeltieren, um die ersten drei Punkte des BASS- Modells!

  • B – Beziehung: Zunächst geht es um Paarbindung, z. B. bei Balzrufen der Vögel.  Oder die Abgrenzung, um die klangliche Markierung des eigenen Reviers und das Vertreiben von Rivalen durch Drohrufe. Bei Tieren, die in Rudeln leben, spielen Lautäußerungen (z. B. Knurren) eine Rolle beim Ausfechten der Rangordnung, aber auch zur Festigung der Bindung (Heulen der Wölfe).
  • A- Apell: Drei große „Themen“:  „Komm her!“ (Balzruf), „Hau ab!“ (Reviergesang, Drohlaute), „Gib mir Futter“ (Bettelruf bei Vögeln).
  • S – Selbstaussage: Ich denke, das Röhren der Hirsche und das Krähen der Hähne fällt in diese Kategorie: „Ich bin hier der Boss!“

Na gut, Warnrufe könnten dann vielleicht doch als Sachaussage („Da ist ein Feind!“) gelten, aber sie machen quantitativ nicht so viel aus. Tierpsychologisch sind sie wohl auch eher Selbstaussagen („Ich bin gerade aufgeregt!“)

Wenn wir davon ausgehen, dass Hominiden Tiere sind und zu wesentlichen Anteilen ähnlich kommunizieren, dann erklärt sich daraus, das Sachaussagen „von Natur aus“ gar nicht den großen Stellenwert haben können, den wir uns immer einbilden.

 Kontaktaufnahme und Small-talk

Nehmen wir an, in einer abgelegenen Gegend umherstreifende Jäger eines Naturvolkes treffen auf Angehörige einer fremden Horde. Beide Seiten möchten nun herausfinden, ob die Anderen freundlich oder feindlich gesonnen sind, ob man mit ihnen „etwas anfangen kann“. Dazu ist es nötig, sich auf neutralem Boden zu begegnen und zunächst auch Abstand zu wahren. Ein spontanes Eindringen in den Wohnplatz der anderen könnte als Angriff empfunden werden. Also bleibt man außerhalb und wartet, bis jemand kommt. Vielleicht wird man dann eingeladen, aber das kann etwas dauern.

Auch für Gespräche in unserer Zivilisationsgesellschaft gibt es solche neutralen Zonen. Nicht nur räumlich (Straße, Foyer, Gaststätte), sondern auch thematisch gesehen. Gemeint sind sind Themenfelder, die außerhalb des Privatlebens  und außerhalb von Konfliktbereichen liegen. Da wäre zum Beispiel das Wetter. Das Wetter ist neutral, da haben alle das Gleiche. Es bietet wenig Konfliktpotential, denn keiner kann es beeinflussen. Wir müssen uns nicht darüber zanken, ob es morgen zu regnen hat oder nicht, – das Wetter macht ja doch, was es will.

Aber warum dann darüber reden?  Und ann auch noch mit Leuten, die nicht einmal drei Formen von Regen auseinanderhalten können und nicht wissen, was eine Okklusion ist, obwohl ihnen dauernd so was über das Haus zieht?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist der wichtigste und gleichzeitig der, der am schwersten zu erklären ist. Also: Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Das merken beide Gesprächspartner. Und sie sagen es einander, obwohl sie wissen, dass der Andere in 1,5 m Entfernung das gleiche Wetter hat. Bei diesem „gemeinsam das Gleiche Sagen“ sind im Hirn die Spiegelneuronen im Einsatz. Und die erzeugen, neben anderen Funktionen, ein Gefühl von Gemeinschaft und Sympathie.

Sympathie, – dieses Wort ist so treffend! Normalerweise meinen wir damit eine Art von Zuneigung, die aber nicht unbedingt gleich Freundschaft bedeuten muss. Wörtlich bedeutet der Begriff im Griechischen Mit-Leid. Oder, freier übersetzt:  gemeinsames Empfinden. Dieses gemeinsame Empfinden ist also Grundlage von Sympathie im Sinne eines Miteinanders. Und das hat freundlichen Umgang miteinander zur Folge, vielleicht später auch Freundschaft.

Wenn das Wettergespräch zu der Lieblingsbadestelle am Baggersee („Hast du Lust, mitzukommen?“) übergeht, kann sich das ja schon anbahnen. Oder es stellt sich heraus, dass Gartenfreunde in der Runde sind, die sich sehnlichst Regen für die Erdbeeren herbeisehnen und nun zu fachsimpeln beginnen. Small-talk bei der Kontaktaufnahme ist ein Versuchsgespräch, bei dem ohne großes Risiko ausgetestet wird, ob sich der Kontakt vertiefen lässt.

Genau so ist es möglich, dass sich das Gegenteil abzeichnet, dass uns der andere unsympathisch ist. Als ich einmal einen flüchtigen Blick auf einen Marktstand mit billigen Haushaltsartikeln und ostasiatischem Ramsch warf, meinte der Verkäufer, mich mit einem frauenfeindlich-sexistischem Chauvi-Spruch in ein Gespräch verwickeln zu können. Er dachte wohl, darüber bestünde „unter Männern“ Konsens. Mein scharfkantig zurückgeworfenes „Was?!“ machte klar, das eine weitere Interaktion für mich erledigt war. Der Typ verzog sich kleinlaut an das andere Ende seiner Tapeziertische, und das wars.

Geeignet ist also Gesprächsstoff, der alle betrifft und genügend „Konsens-Gefühle“ weckt.

Schnattern und Small-talk in Gruppen

Wenn Small-talk ausschließlich dem Kennenlernen, vergleichbar dem sich Beschnuppern von Hunden ginge, dann dürfte es diese Gesprächsform in bestehenden Gruppen eigentlich gar nicht geben. Tut es aber doch, obwohl man sich dort schon einigermaßen kennt.

Aber die Horden aus der Jäger- und Sammlerzeit des Menschen sind etwas Dynamisches. Da wechseln Leute in andere Horden, beispielsweise bei Eheschließungen. Da trennen sich Gruppen im Zwist oder weil die Gemeinschaft für den Lebensraum zu groß geworden ist. Oder sie schließen sich zu größeren Verbänden zusammen, wenn sie als Kleingruppen das Leben nicht meistern können.

Deswegen muss die Gemeinschaft immer wieder bestätigt und gefestigt werden. Dann wird gemeinsam geplappert, gesungen, gegessen, getanzt. Dieses Erbe tragen wir in uns. Und wir praktizieren das auch am Arbeitsplatz, in der Kirchengemeinde oder im Kleingartenverein nicht anders.

Das alltägliche „Wie gehts?“ beinhaltet also nicht nur die Sorge um die Gesundheit des Anderen, also die Frage, ob man irgendwie helfen kann, sondern das Mit-Fühlen, die Sym-Pathie und damit die Gemeinschaft mit dem Anderen. Wer nur floskelhaft danach fragt, ohne sich wirklich für den Anderen zu interessieren, beschädigt die Gemeinschaft. Ähnlich die Frage: „Wie war’s im Urlaub?“ Auch da geht es weniger um Tips für das beste Ferienressort, sondern um Anteilnahme an Freud und Leid. Kein guter Kollege wird an den Urlaubsgewohnheiten des Schreibtischnachbarn herummeckern, auch wenn er selbst ganz andere Vorlieben hat.

Es wird also in intensiven Gemeinschaften munter geschnattert. Wie in einer Schar Gänse, die sich ja auch nicht wesentlich mehr mitzuteilen haben, als dass sie da sind. Oder wie Storchenpaare, die immer wieder mit den Schnäbeln klappern, nur um sich ihrer Gemeinschaft zu vergewissern, – sie klappern immer wieder das Gleiche! 😉

Betriebsausflüge und die jetzt wieder bevorstehenden Adventsfeiern von Firmen dienen nur diesem einen Zweck: gemeinschaftsbildendem institutionalisiertem Geschnatter! Aber wehe, da klinkt sich jemand aus, weil ihn das nervt oder er „einfach nichts dran findet“! Er „sagt“ damit etwas, auch wenn er eben „nichts sagt“. Er sagt nämlich – jedenfalls verstehen die anderen es so – , dass er nicht zum Team gehört! Also die gemeinsamen Ziele (Arbeitserfolg im Betrieb) nicht unterstützt. Demnach ist er ein Feind! Und hier wird es für euch Autisten gefährlich.

Lästern

Gelästert wird in der Regel über Leute, die nicht da sind. Man macht sich gemeinsam über Leute lustig, die nicht dabei sind. Einer fängt an, sich über irgendeine Eigenheit eines Abwesenden zu spotten, die andern machen mit, es beginnt ein kollektives Gegacker. Wieder sind die Spiegelneuronen im Einsatz, wieder ist die Solidarität, also Gemeinschaft, das Ziel. Dabei muss der gemeinsame Gegner, gegen den sich die Lästereien richten, gar nicht real bekämpft werden. Manchmal dient das Gackern über dem Vorgesetzten nur dem Abbau von Frust. Wenn der Abteilungsleiter dann zur Tür hereinkommt, kann der Aufruhr wie weggeblasen sein. Oder sich, mit ihm gemeinsam,  gegen jemand anders außerhalb der Abteilung richten. Solange es nicht um ernste Machtkämpfe geht, können die Lästerallianzen blitzschnell wechseln.

Aber aus gemeinsamen Lästereien können durchaus feste Bündnisse erwachsen, die zu Verschwörungen und Mobbing in der Lage sind.

Mit den Wölfen heulen?

Was ist aber, wenn man in die Lästereien nicht mit einstimmen will? Wer das Rückgrad dazu hat, kann natürlich offen opponieren. Dann entwickelt sich eine neue Gruppenstruktur, vielleicht spaltet sich die Gruppe. Oft aber <redewendung> heult so jemand mit den Wölfen</>, weil er dafür nicht die Courage aufbringt und selbst zum Ziel solcher Anfeindungen wird. Bei anderer Gelegenheit redet er wieder ganz anders.

Verbale Ranggkämpfe

Wie in Wolfsrudeln  werden innerhalb von Menschenhorden Ranggkämpfe ausgefochten. So primitiv das auch wirken mag, es ist so. Das für mich Erschreckende daran ist, dass es dabei oft nicht um logisch nachvollziehbare Führungskompetenz geht, sondern um die größten Körperkräfte und die größte Aggressivität, die die Durchsetzungskraft bedingen.

Auf dem Schulhof kann man die archaische Form solcher Kämpfe beobachten. Da wird geschubst, gerempelt, in den Schwitzkasten genommen mit den Füßen gegen die Beine (oder den Hintern) des Gegeners getreten. Es sind Kommentkämpfe, bei denen der Kontrahent nicht wirklich körperlich verletzt werden soll.

Spätestens in der Pubertät ersätzen die Heranwachsenden die Tätlichkeiten mehr und mehr durch verbale Taktiken. Sowohl als Einzelne wie auch in Allianzen. Pöbeln ist noch die plumpeste Form, vergleichbar mit dem Kläffen von Hunden. Das ist eher bei Jungs verbreitet, die nicht so wortbegabt sind wie Mädchen.

Mädels arbeiten feiner, z. B. duch Sticheln. Kleine verletztende und wiederkehrende Wortattacken, die es kaum wert erscheinen, darauf einzugehen, die aber trotzdem ihre Wirkung tun.

Manchmal kommt so ein femininer Angriff plötzlich, heftiger  und ist nach einem einzigen Satz vorbei: der „Stutenbiss“.

Frozeln ist schon sehr viel diffiziler. Frotzeln ist die als Scherz verkleidete Beleidigung, ein nur scheinbar harmloses, offenes Lästern. Und es ist die Frage, wie souverän und schlagfertig der Andere damit umgeht, wie er kontert.

Fieser ist es, wenn man nicht auf das Gefrotzel reagieren kann, z. B. wenn zwei tuscheln und kichern. Hier soll der „Angegriffene“ ganz offensichtlich merken, dass sich die Kichertanten über ihn belustigen, ohne dass er weiß, weswegen.

Ich persönlich finde all das anstrengend und nervig. Wenn sich in einem Small-Talk schon anbahnt, dass jemand ein Frotzelheini ist, dann gehe ich ihm aus dem Weg. Mag sein, dass er dann erst einmal der Platzhirsch in seinem Kreis ist, aber es kann auch sein, dass er ganz schnell allein da steht, dass sich Allianzen gegen ihn wenden.

Für andere gehört eine verbale Ruppigkeit zum guten Ton. Sie nehmen das von der sportlichen Seite. Ohne dem wäre es ihnen langweilig. Es kommt wohl darauf an, wie wichtig einem Hierarchien überhaupt sind. Mir bedeuten sie wenig.

Klookschieter oder wirkliche Kompetenz?

Natürlich gibt es auch die positive Variante von Führungskompetenz in einer Gruppe. Nämlich, wenn jemand wirklich Sachverstand und Organisationsgeschick  hat und das dann auch überzeugend vermitteln kann. Solche Persönlichkeiten kommen in der Regel ohne die oben geschilderten Fiesematenten aus. Sie haben es nicht nötig, andere künstlich niederzuhalten.

Dass man Sachverstand hat, muss man jedoch auch erst mal beweisen.  Deswegen sind viele Menschen geneigt, anderen zu erzählen, was sie so alles wissen.  Aber das geht leicht schief. Nämlich dann, wenn die anderen  den Vorsatz, damit  Einfluss bzw. Ansehen zu gewinnen, vermuten. Oder wenn sie sich dann selbst als „dumm hingestellt“ empfinden. Wer einen Vorsprung an Kenntnissen hat, wird dann leicht als Besserwisser oder Klugscheißer beschimpft. Der „Primus“ in der Schule hatte deshalb selten einen guten Ruf.

Fazit

Neurotypische Menschen sind Hordentiere. Als solche sind sie permanent damit beschäftigt, an ihrer Rolle in der Horde (Gruppe) zu arbeiten, ihre Position in der Rangordnung zu finden oder diese neu auszufechten. Bzw.  die ganze Gruppenstruktur zu ordnen und zu festigen. Dazu dienen die 80 – 90 % ihrer Lautäußerungen, die nichts mit wirklich wichtigen Inhalten (Sachaussagen) zu tun haben. Reden ist ein  ständiger sehr dynamischer Prozess, bei dem es fast nur um die Beziehungen zu den anderen geht.

Euch Autisten, die ihr keine Hordentiere seid, wird es mit diesen Erklärungen nicht leichter werden. Aber ihr wisst nun wenigstens, was das ist, womit ihr nicht klar kommt.

Aber glaubt mir: Das Ganze ist anstrengend. Unglaublich anstrengend und nervig! Und denke keiner, wir Neurotypischen könnten das alles!

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Dieses Blogpost ist mein Beitrag für die 2. Blogger Thementage 2013 vom 06.12. bis 08.12. Es ist dem Andenken der vor wenigen Tagen verstorbenen Bloggerin Sabine Kiefner gewidmet.

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9 Kommentare
  1. insbesondere das „Frotzeln“ ist sowas, bei dem ich immer wieder wirklich sauer werde. Mein Freund aus meiner Klasse entspricht ebenfalls nicht der Norm. Er wirkt kindlicher und ist nicht so, wie die Anderen. Ich mag ihn – gerade, weil er nicht so merkwürdig drauf ist, wie die anderen Jugendlichen. Gefundenes Fressen für den Klassenlehrer. Der fängt immer wieder an, den Jungen vor allen Anderen bloßzustellen. Der Typ hat generell einen fragwürdigen Humor, ständig fallen cheauvinistische Sprüche, einmal machte er sich über einen Kollegen, manchmal auch über unsere Eltern oder die Klasse selbst lustig.
    Back to topic: Als wären die Attacken des Lehrers nicht schlimm genug, lachen auch noch 40-50% der Mitschüler darüber. Wer es nicht gut findet, traut sich nicht, es öffentlich zu sagen. Das geschieht hinter hervorgehaltener Hand.
    Der Junge selber erzählte mir, er hätte Angst, benachteiligt zu werden, wenn er sich dagegen wehren würde. Also habe ich bei einem Gespräch mit dem Lehrer und einer psychologisch geschulten Lehrerin auch dieses Thema mal direkt angesprochen. Lehrer gab paradoxe Dinge von sich und widersprach sich manchmal selber. Ich verstehe nicht, wieso jemand so kleinlaut wird nd sein Verhalten kleinredet, obwohl er ja eigentlich wissen müsste, was er da tut und wieso die Anderen entweder mitmachen oder „den Schwanz einziehen“, was bitte nicht wörtlich zu nehmen ist.

    • Hi Pilotin!

      Was du da schilderst, ist geradezu ein Bilderbuchbeispiel für das, was ich in meinem Blogpost darstellen wollte! Danke für deinen Beitrag! 🙂

      Ich versuche mal eine Analyse. Mit allem Vorbehalt, weil ich ja nur deine Schilderung kenne und nicht mehr darüber weiß.

      Dieser Lehrer hat wahrscheinlich keine „natürliche“ Autorität. Mit „natürlicher Autorität“ meine ich ein selbstsicheres Auftreten, eine kraftvolle, aber ruhige Sprechweise, Gelassenheit und Geduld, Sicherheit in seinem Lehrfach und die Fähigkeit, diese Inhalte zu vermitteln. Und nun steht er vor einer Klasse, die er sich nicht ausgesucht hat. Und die Schüler haben sich diesen Lehrer auch nicht ausgesucht. Er hat „von Amts wegen“ gewisse Machtmittel: prüfen, Zensuren vergeben, Schüler durch die Art der Aufgaben zu begünstigen oder zu benachteiligen. Das gibt ihm einen gewissen Schutz vor Angriffen.

      Eigentlich ist er ein unsicherer Typ. Aber das will er verbergen und seinen Rang als Boss der Klassenhorde unter beweis stellen. Wenn er echte Führungsqualitäten hätte, könnte er die Klasse für gemeinsame Ziele oder Projekte begeistern und sie so zu einer echten Gemeinschaft zusammenschweißen. Dafür hat er aber offensichtlich nicht das Zeug.

      Also muss er seine Größe beweisen, in dem er andere klein macht. Weil er feige ist, sucht er sich dafür nicht das Obergroßmaul aus, sondern den Schwächsten, der ihm als Lehrer auch am wenigsten nützt. Den macht er vor allen anderen fertig. Seine Claqueure, die ihm dabei applaudieren (also darüber lachen), sind wahrscheinlich ähnlich gestrickt wie der Lehrer. Sie haben, so nehme ich an, ein ähnlich ausgeprägtes Rangordnungsdenken.

      Es wäre aber interessant, diese Claqueure mal zu fragen, ob sie dieses Gefrotzel wirklich witzig finden. Es gab nämlich mal ein Experiment, bei dem Leuten in einer Art Sprachlabor Witze erzählt wurden. Es wurde aufgenommen, ob sie darüber lachten. Uns sie sollten die Qualität der Witze bewerten, also ob es da wirklich was zu lachen gab. Das Interessante war nun, dass die Leute häufig mitlachten, wenn ihnen über Lautsprecher das Gelächter anderer eingespielt wurde. Wobei es egal war, ob die den Witz wirklich zum Lachen fanden oder nicht! Ihr Verhalten (Mitlachen) war also von den Spiegelneuronen gesteuert, das Denken aber nicht. Es ist also durchaus möglich, dass Schüler über den ätzenden Humor dieses Lehrers spontan mitlachen, obwohl sie ihn in Wirklichkeit für einen Fiesling halten. im Grunde sind sie genau so schwache Charaktäre wie der Lehrer, aber in diesem Augenblick fühlen sie sich mit ihm zusammen auf der stärkeren Seite am sichersten.

      Bei dem Gespräch mit der psychologisch geschulten Vertrauenslehrerin war die Konstellation anders. Da hatte er mit jemandem zu tun, der ihm überlegen war. Natürlich kann er keine „Argumente“ für seine Fiesheiten vorbringen, denn Argumente setzen Sachaussagen voraus. Aber um Sachinhalte geht es bei seinem Verhalten ja gar nicht. Deshalb konnte er nur wirres Zeug reden. Aber sobald er wieder in der Klasse ist, ist die Situation wieder die gleiche wie vorher.

      Man wird ihn also nicht „überzeugen“ können. Die einzige Chance von euch als Klasse ist, seine vermeitliche Autorität zu untergraben. Ihn, wenn er wieder so einen Spruch ablässt, nur kalt, schweigend und feindselig anschauen. Wenn er sich über den Jungen wieder bloßstellt, zu ihm, (dem Jungen!) deutlich hörbar zu sagen: „Mach dir nichts draus! Er (der Lehrer) hat eben so einen dreckigen Charakter!“ Das erfordert natürlich eine Menge Mut. Konkret: Leidensbereitschaft, wenn man nun selbst zur Zielscheibe wird. Aber es kann sein, dass die bisherige Hackordnung ganz plötzlich kollabiert. 😉

      • um ehrlich zu sein… ich bin in so einer Situation mal „milde“ ausgerastet und habe „was soll der Scheiss hier?“ durch den Raum gebrüllt. War rational gesehen vermutlich auch nicht ganz korrekt, da nicht konstruktiv, aber das musste raus. Die Reaktionen darauf kann ich nicht genau benennen. ausser, dass sich jemand umdrehte und ein „oha, Pilotin“ hervorbrachte. Wie das gemeint war – Kein Plan.
        Ich danke dir für deine Erklärung! 🙂

  2. Hat dies auf Sunnys Space rebloggt und kommentierte:
    Ein toller Blog über Kommunikation

  3. „Kein guter Kollege wird an den Urlaubsgewohnheiten des Schreibtischnachbarn herummeckern, auch wenn er selbst ganz andere Vorlieben hat.“

    Mir ist es zumindest schon passiert, dass meine Arbeitskollegen mein Urlaubsvorhaben zumindest offen als sehr seltsam deklarierten.
    Keiner meiner Kollegen konnte auch nur im Ansatz verstehen, was ich daran finde, ganz allein einfach loszufahren, mit losen Stationen, zu schauen, wo es mir gefällt und hier und da mein Zelt aufzuschlagen. Vor allem der Faktor „allein“ war es wohl, der nicht verstanden wurde. Ich wurde mehrfach gefragt, mit wem ich denn führe, es könne ja nicht sein, dass ich ganz allein führe und was daran denn dann Spaß machen solle.
    Ich war darüber einigermaßen erstaunt, hatte aber dennoch einen wunderschönen Urlaub und viel von dem gesehen, was ich sehen wollte.

    • Alles Hordentiere, deine Kollegen! 😀

    • Geht mir genauso. Anfang des Jahres fuhren zwei Interessensfreunde, Mum und ich gemeinsam einen Tag nach Brandenburg. Zum Besuchen des dort ansässigen Hubschraubers. Irgendwie hatte ich das mal Jemandem erzählt und der entgegnete mir auch nur mit „Ihr fahrt ernsthaft in andere Bundesländer, um einen Hubschrauber zu sehen?“. JA! Das tun wir. Einer der beiden Interessensfreunde ist übrigens auch noch ein Busfreak und fährt oft in andere Bundesländer und sogar nach Sofia, um bestimmte Busse zu sehen. Und ganz ehrlich? Sollte ich mal irgendwann woanders hinfahren, geht’s zuerst zur nächsten RTH-Station. Nach Frankfurt muss ich auch mal dringend, ich will zum EDDF! Das ist ein Paradies – Massenhaft Boeing 747 von verschiedenen Airlines.

      • Jetzt würde nicht interessieren, in wie weit die Bemerkungen dieser Leute nur „verwundert“ oder in wie weit sie „abfällig“ waren.
        Und in wie weit ihr, Pilotin und dasfotobus, mit den „Verwunderten“ in einer Art Team (Horde) verbunden wart. 🙂

      • keine ahnung, wie das gemeint war. das war ein klassenkamerad – also niemand, mit dem ich „verbunden“ bin

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