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Was ist unter der Maske?

10. Dezember 2013

Eine Teenagerin entdeckte folgenden Facebook-Status einer Klassenkameradin:

„Nur weil ich lächle, heisst es nicht, dass es mir gut geht“

Und sie schlug mir vor, darüber zu schreiben, denn sie fand das „…ziemlich paradox. Ich werde da gerade nicht schlau draus.“

Da deutet die Klassenkameradin also an, dass es ihr nicht gut geht. Sie schreibt es aber nicht konkret. Und sie deutet an, dass ihr Minenspiel nicht ihre wahren Emotionen zeigt. Also, dass sie ihre Mitmenschen mit ihrem Gesichtsausdruck täuscht, dass sie eine Maske trägt.

Warum diese Maske, warum die Unehrlichkeit?

Das Verhalten der Schülerin spiegelt die Ambivalenz in der Gesellschaft wieder. Einerseits stehen Solidariät und Mitmenschlichkeit hoch im Kurs. Andererseits werden Leidende oft ausgegrenzt und als minderwertig behandelt, auch wenn das niemand offen zugibt. Geachtet werden die Starken, die bis ins hohe Alter Fitten, die Leistungsfähigen, diejenigen, die ihr Leben im Griff haben. Und auch die äußerlich Schönen, den Schönheit gilt als Zeichen von Gesundheit.

Schwächlinge, Schlappschwänze und Weicheier haben dagegen nichts zu melden. Allein, dass diese Begriffe Schimpfwörter sind, sagt ja schon vieles. Schon auf dem Schulhof zeigt sich, dass der blasse Hänfling nicht freiwillig in die Fussballmannschaft gewählt wird. Später im Beruf muss jemand, der häufig krank ist, mit seiner Entlassung rechnen, er gefährdet die Rentabilität des Betriebes.

Aber auch im ganz normalen Umgang wirkt sich das aus. Sich mit jemandem abzugeben, der krank ist oder Kummer hat, erfordert Mühe. Wer Mit-Leid hat, der leidet-mit, und das ist nicht jedermanns Sache. Die Konsequenz zeigt sich z. B. wenn irgendjemand floskelhaft fragt: „Geht’s gut?“ Dann heißt das sinngemäß: „Sag ja nicht dass es dir schlecht geht, denn dann müsste ich ja Mitgefühl zeigen!“

Also tun viele Leute alles, um nicht als schwach und hilfsbedürftig da zu stehen. Oder gar als Simulant, der sich vor Arbeiten drückt. Oder als Hypochonder, der mit seiner Leidensgeschichte künstlich Aufmerksamkeit erheischen will.

Allerdings hat jeder das Recht und in der Regel auch das Bedürfnis, in seinen wahren Gefühlen wahrgenommen zu werden. Aber wer ist bereit, zuzuhören und gegenbenenfalls ganz praktisch zu helfen? Nur jemand, zu dem man so viel Vertrauen haben kann, dass er einen nicht als Jammerlappen oder Heulsuse abserviert. „Stell dich mal nicht so an!“, so ein Satz würde alles nur noch schlimmer machen.

Vor diesem Dilemma steht die oben zitierte Schülerin mit ihrem Facebook-Status. Sie steckt in einem Alter, wo zum einen viele Gefühle noch ungeordnet sind, zum anderen aber Freundschaften noch nicht die Stabilität haben, dass sich das Mädchen jemandem anvertrauen möchte. Und danach sucht sie: nach jemandem, vor dem sie keine Maske tragen muss. Sie sucht eine Freundin, die sensibel genug ist, unter die Oberfläche des Lächelns zu schauen. Mit ihrem Status, den ihre Facebook-Bekanntschaften lesen können, testet sie das aus.

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13 Kommentare
  1. Wieso wird diese Denkweise nicht klar und direkt ausgedrückt?

    • Weil das Mädel dann seine Unsicherheit offen formulieren müsste. Und das macht angreifbar.

      Es könnte theoretisch schreiben: „Mir geht es aus den und den Gründen schlecht, ich traue mich aber nicht, das (vor euch!) zuzugeben, weil ich euch nicht einschätzen kann und euch sicherheitshalber misstraue!“ Das wäre aber ein recht offener Vorwurf gegenüber den Lesern („Ihr seid evtl. nicht vertrauenswürdig!“), der möglicherweise recht pampig beantwortet werden würde. Oder er würde mir zur schau gestelltem, unehrlichen Mitgefühl beantwortet werden: „Aber MIR kannst du doch vertrauen!“, womöglich von der Klassenoberintrigantin, die sich gerade mal als Übermutter aufspielen will und die Geschichte brühwarm weitertratscht.

      Sie könnte auch direkt jemanden ansprechen und denjenigen bitten, ihr zuzuhören und sie zu unterstützen. Das ist aber schwer, wenn man sein gegenüber nicht richtig kennt. Zu groß ist das Risiko, an den/die Falsche/n zu geraten. Oder eine Abfuhr zu kassieren: „Das ist dein Problem! Ich bin nicht dein Sorgenmülleimer!“

      Also macht sie eine etwas vage, aber doch entschlüsselbare Andeutung und wartet ab, was passiert. Vielleicht meldet sich ja irgendjemand und fragt nach: „Sag mal, du hast da auf FB so was geschrieben… Ist irgendwas mit dir?“ Oder jemand bietet sich noch vorsichtiger für eine Plauderei zu zweit an, und dann kann sie ja sehen, in wie weit sie sich dem gegenüber öffnet. Wenn jemand so auf sie zu kommt, wäre das immerhin ein Zeichen für Aufmerksamkeit, denn derjenige muss den Post gelesen und verstanden haben. Wobei allerdings das Restrisiko bleibt, an jemanden zu geraten, der mit solchen Gefühlen spielt.

      Aber auch von der Schülerin selbt kann das ganze ein „Spiel“ sein. Einfach um ein wenig auf sich aufmerksam zu machen auszutesten, wer wie reagiert, auch wenn kein ernster Kummer vorliegt. Ein Kennenlernspiel.

      • kompliziert o.O

      • Meine Erklärung oder der Beziehungskistenmechanismus?

      • Das ist es für NTs, und gerade für die pubertierende Sorte dieser Spezies, auch! 😀
        Wenn es dir möglich ist, achte mal darauf, wieviel Zeit sie darauf verwenden, solche Sachen zu verhandeln! Und wie sehr sie dabei herumeiern, sich in Freundschaften vergreifen und soooo kreuzunglücklich sind!

      • Konstantin permalink

        Wie funktioniert die „etwas vage, aber doch entschlüsselbare Andeutung“ anders, als das, was sie auch theoretisch schreiben könnte? Für NTs steht da doch – so wie ich das verstehe – genau das, was Du uns da übersetzt hast, weil sie es ja entschlüsseln können. Auf welche Weise schützt diese Verschlüsselung?

      • Hi Konstantin,

        die Andeutung *kann* von den Lesern entschlüsselt werden. Aber sie muss es nicht. Die Leser können diese ziemlich vage Statusmeldung auch ignorieren. Wenn sie sie aber nicht ignorieren, sondern reagieren wollen, dann müssen sie sinnvoller Weise erst einmal nachfragen, was die eigentlich Schreiberin bewegt, denn das hat sie ja gar nicht konkret geäußert.

        Durch das Nachfragen, vor allem durch das Wie des Nachfragens, offenbaren sich die Leser ein Stück weit selbst, je nachdem, ob sie es behutsam und liebevoll tun oder eher schroff und mit Vorwürfen („Was du schon wieder hast!“), oder aber mit einem übertriebenen Gluckengehabe.

        Daran kann die Schreiberin möglicherweise erkennen, wem sie sich wirklich anvertrauen und konkrete, vielleicht sehr persönliche Details erzählen möchte.

        Würde sie dagegen gleich konkret werden, müsste sie damit rechnen, mit voreiligen und unerwünschten Ratschlägen bombardiert zu werden. Oder jemand könnte die so preisgegebene Schwäche für Häme und Hänseleien ausnutzen. So hat sie aber noch eine Rückzugsmöglichkeit, nämlich nichts weiter dazu zu sagen, wenn sich kein vertrauenswürdiger Zuhörer für ihre Probleme findet.

      • Konstantin permalink

        oh wow!

  2. Leider wahr und das schlimme daran ist, dass es nicht nur unter Freunden oder bei Arbeitskollegen so ist, sondern der NT auch im Bekanntenkreis und in der Familie das Gefühl hat nicht immer über sein Gefühlsleben reden zu können, insbesondere dann, wenn er z.B. chronisch krank ist 😦 Dabei wäre es so einfach, wenn man mehr mit einander darüber spricht, wie dem Gegenüber geht und dabei ein echtes Interesse besteht…

  3. Hat dies auf Sunnys Space rebloggt und kommentierte:
    Leider ist es eine sehr komplizierte Sache mit den Beziehungen…

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