Skip to content

Wenn Scherben einfach liegenbleiben.

5. Februar 2014

Folgende Situation: Die Partnerschaft einer Autistin ist gescheitert. Auch vorher sind schon Beziehungen und Freundschaften in die Brüche gegangen. Nun sitzt die junge Frau vor dem Scherbenhaufen ihrer zerstörten Liebe und sucht nach Erklärungen. Sie zermartert sich den Kopf darüber, warum es so gekommen ist. Was das ganze noch schlimmer macht: Ihr ehemaliger Partner hilft ihr nicht, Erklärungen zu finden. Er hat den Scherbenhaufen der zerbrochenen Liebe offensichtlich hinter sich gelassen.

Warum hilft ihr niemand, das Scheitern der Partnerschaft zu erklären? Warum wird sie bei der Aufarbeitung des Vergangenen allein gelassen? Sie fragt:

Wieso lassen die Menschen mich so oft allein damit? Sogar wenn sie darum wissen? Was bewegt sie dazu? Ich verstehe das einfach nicht! Ist das Egoismus?

Sie hat mich gestern gebeten, hier darüber zu schreiben. Nicht darüber, weswegen die Beziehung scheiterte, sondern warum sie ohne Erklärungen im Stich gelassen wird.

Natürlich weiß ich es auch nicht. Ich kann also nur spekulieren. Und das ist, gerade bei einem so sensiblen und persönlichen Thema, ein riskantes Wagnis. Ich kann nur ein paar Vermutungen aufstellen. Aber der jungen Frau zuliebe möchte ich es tun.

Ich postuliere mal, dass der Expartner das Scheitern dieser Partnerschaft ebenfalls als sehr schmerzhaft empfindet. Wenn er sich dem konfrontiert, erlebt er, genau wie sie, den Schmerz und die Enttäuschung aufs neue. Die Gefühle, sogar die damit verbundenen körperlichen und neuronalen Vorgänge wiederholen sich. Je mehr er sich damit auseinandersetzt, desto mehr verknüpfen sich die dabei beteiligten Nervenzellen. Das wiederum hat die Folge, dass diese Gedanken und Gefühle sich mehr und mehr verankern, dass er die Sensibilität für diese Katastrophe beibehält. Wenn er aber Abstand von der Sache gewinnt, verringern diese Nervenverbindungen ihre Aktivität und verkümmern schließlich ganz.

Ich halte es für möglich, dass das Gefühl des Scheiterns bei dieser Partnerschaft sogar größer ist als bei anderen. Möglich, dass die Hoffnungen des Mannes, auch die in sich selbst gesetzten Erwartungen besonders hoch waren. Nämlich dann, wenn ihm klar war, dass eine Partnerschaft mit einer Autistin nicht einfach ist. Autistinnen und Autisten sind für uns neurotypischen Menschen geheimnisvoll. Und geheimnisvolle Menschen sind in gewisser Weise attraktiv! Sie sind nicht so einfach „zu haben“, man muss sich ganz anders um sie bemühen. Partner/innen, die einen etwas „kosten“, sind eben kostbarer als andere. Es ist eine unglaubliche Herausforderung, eine verwunschene Prinzessin zu erlösen, also eine erfüllte Partnerschaft mit ihr zu leben. Um so schmerzhafter ist die Einsicht, damit zu scheitern. Zu begreifen, dass man doch nicht der Märchenprinz ist, für den man sich gehalten hat.

Noch schlimmer ist es, wenn andere darum wissen. Wenn andere womöglich gesagt haben: „Lass die Finger von diesem sonderbaren Mädchen! begreif doch endlich, dass das nicht gut geht!“ Das hieße dann, nicht nur sich selbst, sondern auch gegenüber anderen die Niederlage eingestehen zu müssen. Für Neurotypische, deren Selbstwertgefühl von der Anerkennung durch andere abhängt, ein schwerer Akt.

Ein weiterer Grund, das Gespräch zu verweigern, wäre die Angst vor Vorwürfen. Die Angst, mit der eigenen Schuld konfrontiert zu werden.

Ja, so gesehen ist es Egoismus, den Scherbenhaufen hinter sich zu lassen. Der einzige Grund, es nicht zu tun, wäre ein Schlechtes Gewissen gegenüber der Frau, die nun allein mit dem Desaster klarkommen soll.

Nur sind die Lasten ungleich verteilt. Der neurotypische Partner kann sich, sobald der Schock überwunden ist, um eine neue Partnerschaft bemühen. Ohne die Handicaps, die mit Autismus verbunden sind.

Die Autistin dagegen wird ihren Autismus zwangsläufig auch in eine mögliche kommende Beziehung mitbringen. Und die Angst, dass es wieder schief geht, wird sie auch mitbringen. Aber Strategien, wie ein erneutes Scheitern zu vermeiden ist, wird sie nicht haben. Jedenfalls nicht, solange sie nicht weiß, woran ihre letzte Partnerschaft kaputtgegangen ist, welche Fehler gemacht wurden und wie man sie künftig vermeiden könnte.

Das ist bitter!

Deshalb hier mein Appell an alle neurotypischen und autistischen Menschen, die miteinander zu tun haben, geduldig, taktvoll und mit der nötigen Diskretion miteinander zu reden, zu chatten, einander die eigenen Empfindungen zu erklären!

Liebe Freunde, Autismus ist erst seit wenigen Jahren ein Thema in der öffentlichen Wahrnehmung, also auch im alltäglichen Miteinander. Das heißt, wir stehen erst am Anfang des Austausches zwischen unseren Welten. Wir sind die Pioniere!
Bitte lasst uns diesen Austausch mutig versuchen! Lasst uns geduldig und ausdauernd daran arbeiten! Lasst uns denen beistehen, die dabei scheitern, weil wir noch nicht so weit im Verständnis sind!

http://bloosplanet.wordpress.com/2014/02/04/die-verdrangung/

Advertisements

From → Verschiedenes

8 Kommentare
  1. ich bin da noch am überlegen. Mir geht das ja auch bei Freunden so. Da würde ich nicht vom „Versagen“ sprechen.
    Viele Freunde haben sich schon in meinem Leben distanziert, reden einfach nicht mehr mit mir, ohne zu sagen warum. Sie hängen is heute in meinen Gedanken. Ich habe das „Konstrukt“ Freundschaft nie verstanden. Die wenigsten sagen einem wiseo. Aber nicht nur Freunde. Familie, Bekannte…Menschen, wo sich hätte was entwickeln können. Und immer diese Frage: „Was habe ich falsch gemacht?“

    • Das Problem ist wohl auch, das Freundschaften und Liebesbeziehungen nicht auf Prinzipien beruhen, sondern auf unberechenbaren Dingen wie Gefühlen, Launen, psychischer Disposition. Dinge, die wiederum bei jedem Menschen anders sind.

      Wenn jemand dann ein „System“ voraussetzt und dieses System zu verstehen sucht, gibts ein Problem. Erst recht, wenn man einen Systemfehler sucht.

      Es gibt aber kein System, sondern nur Tendenzen. Es gibt für das eine oder andere im menschlichen Verhalten zwar Erklärungsmodelle, die aber nie immer und überall in gleicher Weise mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Es sind nur gesammelte Erfahrungen, die man beschreiben kann.

      Das macht es für mich auch so schwer, das zu erklären.

      • Anita permalink

        Zitat: „Wenn jemand dann ein “System” voraussetzt und dieses System zu verstehen sucht, gibts ein Problem. Erst recht, wenn man einen Systemfehler sucht.“

        Aber über den Abgleich dessen, was ich bereits „gespeichert“ habe an Informationen, versuche ich (egal ob Bekannt-/Freund- oder Partnerschaft) zu analysieren.

        Leider liege ich in der Analyse sehr oft falsch, da die Personen leider nicht immer eindeutig sind.

        Was mir manchmal hilft, Informationen über mein Gegenüber zu „speichern“, um auf der Sachebene ein Gesprächsthema zu haben.

        Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass eine Fehlersuche für das Scheitern einer Beziehung oft nicht zielführend ist.

        Wenn man im

        Fall a) vielleicht feststellt, zuviele Kompromisse gemacht zu haben, ohne die Gründe für Kompromisse jemals angesprochen zu haben, dann liegt der Fehler in dem verlassenDen ……

        Fall b) feststellt, dass man sich weg entwickelt hat, von der Person, mit der man zusammen ist…….

        Fall c) dass der VerlassenDe „versäumt“ hat, aus lauter Rücksicht, dass Gespräch zu suchen.

        und der VerlassenDe keine Antwort gibt, dann oft weil er (der VerlassenDe) die „Fehlerquelle“ oft selbst nicht benennen kann.

        Kommt für den Verlassenen das Ganze „unangekündigt“, so war der VerlassenDe nicht eindeutig oder hat eine Maskerade betrieben. (Wobei die Beweggründe fast schon unerheblich sind).

        Wenn Du Mädel, nun fragst, was hast Du falsch gemacht, dann gibt es von mir nur die Antwort: „nichts“.

        Mit dem Wissen um Autismus, der Auseinandersetzung mit Autismus und meiner eigenen Partnerschaft, ist mir folgendes aufgefallen……..

        ich brauche Zeit für Gespräche (schriftlich, mündlich, per Mail)
        ich brauche Zeit für die Analyse der Gespräche
        und zwar während der Partnerschaft
        die Bereitschaft dazu musste bei uns wachsen

        ebenso musste die Bereitschaft wachsen, dass „ich kann gerade nicht“ des anderen zu akzeptieren und nichts „hinein zu interpretieren“.

        Dies ergibt nun aber gewiss keinen Handlungsleitfaden für erfolgreiche Beziehungen oder Bekannt-/Freundschaften.

        In erster Linie habe ich für mich festgestellt, dass ich mich erst selber verstehen lernen musste, um zu wissen was ich will und was ich ertragen kann, um es dem Gegenüber verständlich machen zu können. In zweiter Linie muss das Gegenüber dies ertragen können und selber ein Wissen um Sich haben.

  2. Die Frage, die sich mir noch stellt – werden Nicht-Autisten beim Scheitern einer Beziehungen in Gänze über die Gründe aufgeklärt? Oder stellen diese sich nicht die gleichen Fragen? Zumindest dann, wenn sich nur einer der Partner entscheidet, die Beziehung abrupt zu beenden.
    Oder sehe ich das falsch?

    • Das Grundproblem ist das gleiche, da hast du recht. Sofern es um ernsthafte Partnerschaften bzw. Freundschaften geht und nicht nur um flüchtige Affären.

      Nur denke ich, dass neurotypische Menschen untereinander das gegenseitige Verhalten leichter entschlüsseln können und das deshalb die Erklärunsversuche nicht ganz so aussichtslos sind. Auch schnattern NTs ja mehr mit ihresgleichen und können dann den Frust leichter zusammen mit „der besten Feundin“ abbauen.

      • sunny permalink

        Schnattern NTs wirklich mehr? Schweigsame ruhige NTs-Männer lösen ihre Probleme auch eher alleine und holen sich auch keine Ratschläge von der besten Freundin ab.

        Was verstehst du unter einer jungen Frau? Eine 60-jährige kann sich auch wie eine 30-jährige fühlen und eine 20-jährige kann sich wie eine alte Rentnerin fühlen.

  3. @sunny: Es stimmt, dass viele NT-Männer Beziehungsfrust anders kompensieren oder überspielen als NT-Frauen. Manchmal kommen sie auch gar nicht damit klar, weil ihnen das Rede-Ventil fehlt. Das kann dann zu psychischen Problemen und irrationalen Verhaltensweisen führen.
    Mit „jung“ meine ich hier nicht das gefühlte Alter, sondern das anthropologische: im konkreten Fall den Übergangsbereich von juvenis zu adultus.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Warum wird ein Mensch aggressiv, wenn er verlassen wird? | Erdlingskunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: