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Warum wird ein Mensch aggressiv, wenn er verlassen wird?

24. April 2014

S. stellte mir folgende Frage:

Warum wird ein Mensch aggressiv, wenn er verlassen wird?

Details kenne ich nicht. Also nehme ich mir mal wieder die Freiheit, aus dem Wenigen ein kleines Szenario zu entwerfen. Ich kenne S. nicht, postuliere aber mal, dass sie Autistin ist (was hier keine so große Rolle spielt) und eine Beziehung zu einem neurotypischen Partner von sich aus beendet hat.  Dieser Partner, so schließe ich aus dem Gesagten, reagiert darauf grob, mit Anschuldigungen und Beschimpfungen, direkt oder auch gegenüber anderen, vielleicht sogar mit Verleumdungen und anderen Gemeinheiten.

Klar, – wenn eine Liebe zerbricht, dann tut das weh. Es sei denn, die Beziehung ist über einen längeren Zeitraum nach und nach zerbröselt, so dass beide nichts mehr aneinander finden, aber das ist was anderes. Es tut also weh, und zwar um so mehr, je überraschender die Trennung kommt.

Überraschend kommt eine Trennung dann, wenn man Illusionen hatte. Wenn die Vorstellungen über die Beziehung, den Partner oder über sich selbst falsch waren. Zum Schmerz über die Trennung an sich, also den Verlust des Partners,  kommt also noch der Schmerz darüber hinzu, dass man selber mit den eigenen Ideen von der Partnerschaft so daneben gelegen, sich also geirrt hat.

Dann ist Trauer angesagt. Allerdings besteht Trauer nicht einfach darin, dass die Tränen fließen und man schluchzend Klagelieder anstimmt. Es ist ein komplizierter Prozess, oft vergleichbar mit den Phasen des Sterbens, die die Psychologin Elisabeth Kübler-Ross erforscht hat. Denn wie beim physischen Sterben geht es auch beim Tod einer Liebe um Abschiednehmen und Loslassen. Es gibt meist fünf Phasen der Trauerarbeit, die sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können, die nicht immer in der gleichen Reihenfolge auftreten und, – das ist für uns hier wichtig -, in denen die Beteiligten steckenbleiben und daran scheitern können.

Am Anfang steht meistens das Leugnen, das Nicht-wahrhaben-Wollen der Katastrophe. Da wird erst mal bagatellisiert: „Ach, das mit dem Schlussmachen meint sie gar nicht so. Sie ist heute einfach nicht gut drauf.“ – „Sie hat im Moment einfach so viel Stress bei der Arbeit, deshalb will sie sich nicht mit mir treffen,“ – “ Das renkt sich schon irgendwie wieder ein.“ – usw.

Wenn dann aber doch klar wird, dass das „Es ist aus mit uns“ ernst gemeint ist, gibt es diese agressive Phase, die S. offensichtlich bei ihrem Ex gerade erlebt. Man könnte eine Trennung natürlich ganz nüchtern betrachten und sagen: „Wir passen aus diesen und jenen Gründen einfach nicht zueinander.“ Aber das ist eitel Theorie. Gerade dann, wenn die Trennung von einer Seite ausgeht, empfindet sich der andere Partner als zurückgesetzt, als „nicht gut genug“. Und wer lässt sich schon gern vorhalten, dass er für diese Partnerschaft nicht taugt, also irgendwelche mieserablen Eigenschaften hat! Das tut weh, und Verletzungen erzeugen Wut. Dabei spielt es keine Rolle, ob die miesen Eigenschaften tatsächlich vorhanden sind, man sich also mit seinen charakterlichen Defiziten erwischt fühlt, ob die Schlechtigkeit nur unterstellt wird oder ob der abservierte Partner über die Gründe der Trennung im Unklaren gelassen wird (dazu hier mehr). Im ersteren Fall kann es vielleicht noch zur Einsicht kommen, bei den letztgenannten Situationen bleibt das Gefühl der Ohnmacht, weil sich der versetzte Partner so ungerecht behandelt fühlt.

Oft setzt dann die nächte Phase der Trauerarbeit ein: das Verhandeln. Der Ex-Partner möchte die Beziehung doch noch retten, macht Angebote, gelobt vielleicht Besserung. Dieses „Sich-Aussprechen“ beinhaltet, wenn es dazu kommt, die Chance einer Klärung. Aber es kann auch zu einem Rückfall in die Phase des Leugnens kommen. Nämlich wenn wieder und wieder Versuche des Neuanfangs unternommen werden, obwohl die Verbindung längst gescheitert ist. Dann zieht sich alles in die Länge, die Vergangenheit wird zig-mal durchgekaut wie ein alter Kaugummi…

Problematisch wird es dann, wenn einer der beiden so eine Aussprache zu erzwingen versucht, der andere aber nicht will. Dann gibt es womöglich dauernde Telefonanrufe, Stalking oder ähnlich unappetitliches Verhalten. Das ist zunächst ein Ausdruck der Hilflosigkeit des Betreffenden.  Ein paar klare Informationen, z. B. durch einen Brief, können so etwas abwenden. Vorausgesetzt, der Adressat ist kein Psychopath, der gar nichts realisiert.

Eigentlich sollte nun die eigentliche Phase der Trauer eintreten. Also eine Zeit, in der der Trauernde sich zeitweilig zurückzieht, viel Ruhe braucht, sich wehmütig an der Vergangene erinnert und auch den Tränen freien Lauf lässt. Das schaffen viele nicht. Gerade dann, wenn der Verlassene ein besonders „männisches“ Selbstbild hat: Indianer weinen nicht, – was ein richtiger Kerl ist, der lässt sich nicht runterkriegen! Nur ja nicht als Memme dastehen!

Das Gegenteil von Memme ist der Macho. Der Mann mit selbstbewussten oder gar selbstherrlichen Auftreten. Einer, der klare Ansagen macht, wie es in einer Beziehung zu laufen hat. Und wenn sich die Partnerin keine Ansagen machen lässt? Wenn sie seine Vorstellungen von männischer Autorität und Hierarchie zu Fall bringt, in dem sie selbst die Initiative ergreift und mit ihm Schluss macht? Ihn also mit seiner Ohnmacht konfrontiert? Ausgerechnet ihn, der sich vielleicht als starker Beschützer seiner verwunschenen autistischen Prinzessin aufgespielt hat? Wenn er gar die Geliebte an einen „Konkurrenten“ verloren hat?

Ja, dann kann es sein, dass er erst recht seine Männlichkeit durch Aggressionen ausspielen will, um mit Gewalt in Worten und Taten sein demoliertes hierarchisches Weltbild wiederherzustellen. Vielleicht will er Rache nehmen, um seine Macht unter Beweis zu stellen.

Das muss nicht immer so extrem sein. Aber verletzte Eitelkeit reicht, um lange, womöglich auf Dauer in der aggressiven Phase stecken zu bleiben. Das Ergebnis wäre dann nicht die Akzeptanz, die als letzte Stufe der Trauer eigentlich eintreten sollte, sondern Verbitterung, die auch im weiteren Leben seine Beziehungsfähigkeit schädigt.

Ich wünsche deshalb beiden, dass sie gut auseinander kommen!

 

 

 

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