Skip to content

Das Kaleidoskop.

10. Juni 2014

Ich hatte die Wohnung von Verwandten auszuräumen und packte Dinge in Koffer, Kartons und Müllsäcke. Was brauchten die alten Herrschaften im Seniorenheim? Woran hängen Erinnerungen? Welche Dokumente sind noch wichtig, welche Papiere gehören in den Schredder? Was können Bekannte gebrauchen, was kommt in den Müll?

Ein Kaleidoskop fiel mir in die Hände. So eines mit einem „Zauberstab“, einer Plexiglasröhre, in der in einem Öl kleine bunte Konfettisterne schwimmen. Weiß der Himmel, wie es in den Bücherschrank  geraten war. Na ja, manche Freunde schenken seltsame Dinge, und alte Leute werfen nichts weg. Das war nun mein Job, das Kinderspielzeug flog in eine Kiste mit Flohmarksachen.

Frustriert von dem Geschäft, das abzureißen, was sich einfache Leute im Laufe eines halben Jahrhunderts aufgebaut hatten, machte ich einen Augenblick Pause, nahm gedankenverloren das Kaleidoskop wieder aus der Kiste, trat ans Fenster und schaute hindurch.

Ich sah das sanfte, gleichmäßige Fließen der bunten Sterne, die sich in den Spiegelungen zu immer neuen, streng geometrisch geordneten, aber doch harmonischen und zufälligen Bildern ordneten und wieder weiterflossen. Das traf mich! Ich dachte: Das muss es sein!

Aber was meinte ich, warum berührten mich die bunten Bilder dieses Spielzeugs? Schwer in Worte zu fassen, weil es etwas ganz Emotionales ist. Seit Beginn der Internet-Freundschaft mit einer Autistin beschäftigt mich die Frage, was  Autisten wahrnehmen und wie sie es tun, was und wie sie fühlen. Nun, vieles lässt sich beschreiben. Aber lässt es sich auch nachempfinden?

Sicher, in vielem gibt es wohl kaum Unterschiede, schließlich haben wir die gleichen Sinnesorgane und unterscheiden wir uns nur in ein paar Schaltungen im Gehirn. Aber in dem, was „anders“ ist, ist da eine Berührung, eine Begengung möglich?

Ich weiß es nicht. Aber bei dem Blick in das Kaleidoskop hatte ich den Eindruck, einen winzigen ausschnitthaften Blick in die emotionale Welt meiner Freundin erhaschen zu dürfen*.

Ich steckte das kleine Zauberfernrohr in einen Polsterumschlag und schrieb ihre Adresse drauf. Vielleicht, dachte ich, hat sie Freude daran, vielleicht tut ihr die Symmetrie der so ruhig fließenden Strukturen gut, wenn sie mal Stress hat.

Warum erzähle ich das alles? Auch andere versuchen einander kennenzulernen. Sophie und Platon beschreiben in ihrem Blog einen „Tauschtag“, der vielleicht mehr ein „Lauschtag“ oder „Beobachtungstag“ ist:

Wir machen einen sogenannten Tauschtag. Ursprünglich war die Idee, dass wir einmal komplett gerne die Wahrnehmungssituation tauschen würden, also die Körper, die Sicht der Welt. Einmal die Dinge so zu erleben, wie es der andere tut. Da das aber wohl nur in Gedanken möglich ist, einigten wir uns auf eine gemilderte Variante: Sophie begleitet mich einen Tag lang wie mein Schatten.

Das würde ich auch gerne mal tun. Vielleicht ergibt sich ja einmal die Gelegenheit. Bis dahin versuche ich, in meinem eigenen Erleben Überschneidungen zu erkennen, die mir zumindest einen winzigen Zugang zu der anderen Wahnehmungsweise – und damit zum Verständnis meiner Freundin – ermöglichen könnten. Und manchmal meine ich, welche zu endecken.

Aus dem Hausstand der alten Herrschaften habe ich übrigens ein Kaffeeservice gerettet. Mir fällt auf, dass die Tasse, aus der ich gerade meinen Kaffee trinke, einen winzigen Sprung hat. 😉

________________________________

* Ich meine natürlich nicht, dass die Wahrnehmung meiner Bekannten kaledoskopartig sei (das ist es nicht!). Es ging darum, dass sie gerne fließende, glitzernde Dinge betrachtet, was ich nun nicht nur wissensmäßig, sondern gefühlsmäßig nachvollziehen konnte.

Advertisements
Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: