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Wie denken neurotypische Menschen?

21. Juni 2014

Von Christoph bekam ich diese Frage:

In was denken NT’s? Denkt ihr in Bildern? Oder in Worten? Oder in Gefühlen? Oder wie es mein Muschel meint: „Ich denke einfach“ (keine nähere Definition verfügbar).

Womit wir uns hier befassen, ist sozusagen die „Benutzeroberfläche“ des Denkapparates, nicht der Denkprozess selbst. Denn dazu müsste man Neurowissenschaftler sein. Und von Neurologie verstehe ich genau so wenig wie von Informatik. Die Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn kann ich ebenso wenig erklären wie die in meinem Computer. Aber danach hatte Christoph ja auch gar nicht gefragt, sondern danach, wie wir das Denken wahrnehmen.

Normalerweise ist uns das gar nicht bewusst. „Wir denken einfach,“ wie Christophs „Muschel“ es sagt. Ich selbst habe den Eindruck, wenig zu denken, dafür aber viel wahrzunehmen, viel zu beobachten. „Was denkst du darüber?“, werde ich manchmal zu irgendeiner Sache gefragt. Meine Antwort ist dann meistens: „Nichts!“ Ich nehme viele Dinge einfach nur zur Kenntnis, während bei anderen lautstark die Grübelmaschine rattert (Bildwort).

Das neurotypische Spektrum ist sehr breit gefächert. Ob ein NT mehr in Bildern oder in Worten oder gar in Klängen denkt, ist sehr verschieden. Ich nehme an, bei den meisten NTs ist es eine Kombination aus Worten und Bildern. Bei mir ist es jedenfalls so.

Ich bin tendentiell ein visueller Typ. Ich habe ein recht großes Imaginationsvermögen. Wenn ich etwas lese, dann setzte ich das schnell in Bilder um: Kino im Kopf. Mit Texten, die kein „Material“ für bildliche Imagination bieten, z. B. juristische oder philosophische Texte, kann ich wenig anfangen. Als wir einmal in der Schule mit Kant zu tun hatten, war ich völlig hilflos. Und meine Deutschlehrerin war hilflos, als ich ihr sagte, dass ich bei einem Aufsatz von Georg Lukácz nicht den geringsten Schimmer hätte, um welches Thema es da überhaupt geht.

Als ich dagegen einmal eine geologische Karte zu bearbeiten hatte, setzte meine Phantasie die Signaturen sofort in eine Urlandschaft um: Ich sah Auwälder mit meandrierenden Flüssen, modernden Baumstämmen, auf denen Kormorane hockten und darüber segelnden Fischadlern förmlich vor mir. Für mich gilt das, was eine Studienkollegin so in Worte fasste: „Ich brauche einfach was, wo es etwas zu gucken gibt!“ Das gilt für mein Alltagsleben genau so wie für meine Gedankenwelt.

Auch meine Gedanken arbeiten oft mit dem Kopfkino. Bei Plänen und Ideen bin ich quasi der Regisseur eines „Films“, sofern sich das Thema nur annähernd dazu eignet. Die Imagination ist dabei nicht so stark, dass sie das, was gerade real um mich herum ist, völlig verdrängt oder die Sinneseindrücke manipuliert. Aber die Aufmerksamkeit kann schon abnehmen.

Wenn ich etwas zu erklären habe, dann greife ich oft zu Zettel und Bleistift, um etwas mit Skizzen oder Diagrammen zu verdeutlichen.

Auch beim Verfassen von Texten gibt es eine starke visuelle Komponente. Ich kann z. B. nicht diktieren. Ich muss meinen Text immer sehen können. Die Arbeit am PC kommt mir dabei sehr entgegen.

Allerdings gibt es auch die „Verbalinspiration“ meines eigenen Gehirns. Während ich gerade diesen Blogpost hier schreibe, spricht mir „etwas“ in meinem Kopf die Vormulierungen vor. Dabei höre ich natürlich nach wie vor die echten Geräusche: den Wind draußen, das Summen des Computers, das Klackern der Tastatur.

Verbales Denken ist bei mir dann vorherrrschend, wenn es wegen des Themas kein „Bildmaterial“ im Fundus meiner Erfahrungen oder Erinnerungen gibt oder wenn es um die Verarbeitung oder Planung von realen Dialogen oder Diskussionen geht.

Oft kommt aber beides zusammen: Kopfkino mit Tonfilm!

Und auf Gefühlsebene „denken“?…

…ja, das gibts auch. Jedenfalls in Situationen, die keine komplexen Gedankengänge erfordern, sondern wo es um unterschwellige Stimmungen geht. Gerade in sozialen Situationen nimmt ein NT viele sehr subtile Vorgänge nicht bewusst und reflektiert wahr, merkt aber doch irgendwie, was los ist. So werden viele Entscheidungen „aus dem Bauch“ (RW) getroffen. Wenn der Betreffende nicht gerade duch eine besondere emotionale Disposition (Depression, Ängstlichkeit, paranoide oder schizoide Störungen)  vorgeprägt ist, sind es meistens die richtigen Entscheidungen!

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From → Verschiedenes

3 Kommentare
  1. Ein sehr guter und interessanter Artikel. Ich finde mich in Deiner Beschreibung wie Du denkst (viel in Bildern, das Gehirn diktiert den Text, den man schreiben möchte) wieder :). Es kann aber auch manchmal sehr anstrengend sein, wenn man schon im Kopf vorformuliert finde ich – siehst Du das ähnlich? LG Sabrina

  2. Nein, für mich ist das nicht anstrengend. Es geht ganz von selbst. Es ist ein Spiel, das ich frei variieren kann, z. B. in dem ich verschiedene Formulierungen ausprobiere oder Dialoge durchspiele.
    Anstengend wird es dann, wenn ich feste Formulierungen zum Diktieren ausdenken muss, die dann „druckreif“ sein sollen, weil ich dann nichts mehr dran verändern kann. Dann muss ich ja schon den ganzen Text fertig im Kopf haben, damit alles passt. Damit ich ich überfordert.

  3. Chris permalink

    Das hab ich gerade auf Facebook getextet, hier nochmal in deinem Blog des Zusammenhangs wegen:
    Herzlichen Dank für deine Erklärung, die mir sehr geholfen hat. Die gesamte Emotionsverarbeitung scheint also ein unterbewusster Vorgang zu sein, was auch erklärt warum viele ihre Emotionen nicht kontrollieren können und dabei ehrlich gesagt auch oft ziemlich hilflos auf mich wirken.
    Vielleicht ist einer der Unterschiede im Autistischen Gehirn im Unterbewusstsein zu finden, ich habe dort definitiv große Datenspeicher, auf die ich auch sehr gefühlsmäßig zugreifen kann. Beispielsweise meine Gegenstandstabelle, mit der ich mir die Position aller regelmäßig genutzten Dinge in meiner Wohnung merke, um mir Bewegungen zu sparen. Ich räume nämlich nicht auf sondern lasse alles da liegen, wo ich es zuletzt gebraucht habe und wo es hinpasst. Das mache ich nicht bewusst, ich präge mir das nicht ein, aber wenn ich etwas brauche gehe ich einfach hin und nehme es, ohne das es einen festen Platz braucht. Wenn man mich fragt, kann ich ohne die Bewegung nicht sagen, wo es genau liegt, nur die grobe Richtung weis ich, ich muss also wirklich Aufstehen und hingehen. Der Unterschied zu meinen normalen Gedächtnis ist die Unsicherheit und eher diffuse Speicherung, entsprechend abgerufene Daten sind nicht so klar und scharf, wie andere gemerkte Gedächtnisinhalte. Es könnte also sein, das bei mir dort wo andere viele Emotionen verarbeiten vor allem Informationen abgelegt werden. 🙂
    Ansonsten ist mir noch aufgefallen, das bei dir der Bildliche Speicher und der Verbale Speicher besser zusammenarbeiten als bei mir, wobei vor allem der Weg aus Texten Bilder zu machen für mich schwierig ist, sei es wenn mir Leute technische Probleme am Telefon erzählen oder auch beim lesen in Büchern, dann entstehen zwar Bilder in meinem Kopf, die aber oft ganz anders aussehen als das, was beschrieben wurde. Schlimm ist das in Restaurants, da schmeckt mir Essen von der Karte oft nicht, wenn ich keine Bilder habe.

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