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Stromschlag beim Handschlag? Das Rätsel der Berührungen.

6. August 2014

Meine Bekannte war tapfer! Das Sirren der Neonröhren, das grelle Behandlungslicht, das Tasten und Kratzen mit Haken und Sonden, das schrille Pfeifen des Bohrers, das durch den ganzen Kopf geht, das Schlurzen des Saugers unter der Zunge, – sie hielt durch!

Auch der Zahnarzt war überglücklich, als die Behandlung seiner autistischen Patientin ohne Zwischenfälle überstanden war. Strahlend schaute er seine Heldin an…

…und nahm sie vor lauter Freude in den Arm!

Ja, es ist für uns Neurotypische unglaublich schwer zu realisieren, wie sehr Autisten von Berührungen, und eben auch von Umarmungen, dem tröstend die Hand auf die Schulter Legen oder einem Händedruck gestresst werden. Auch mir ist es ein Rätsel, dass ich zu begreifen suche.

Eine andere Autistin verglich kürzlich eine Berührung durch einen Menschen mit einem Stromschlag, der dann noch eine Weile ein brennendes Gefühl hinterlässt. Weil sie mal an einem defekten Gerät „eine gewischt“ bekommen hatte, lag der Vergleich nahe.

Eine weitere Chatpartnerin erzählte, sie würde sich, wenn sie beispielsweise am rechten Arm berührt worden sei, in den linken kneifen, damit der Schmerz wenigstens symmetisch sei.

Das Phänomen ist also etwas Anderes als nur eine unterschiedliche taktile Sensibilität, wie sie auch bei uns Neurotypischen vorkommt. (Meine Liebste beschwert sich manchmal, dass ich sie „angerempelt“ hätte, und ich habe nicht die geringste Berührung bemerkt!) Es ist auch etwas anderes als das unwohle Gefühl, wenn sich eine dicke Person im Bus auf den Sitz neben mir flätzt und mir ihr Schweiß und ihre Wärme spürbar werden.

Also grüble ich weiter herum, was mich, im Unterschied zu Tieren und Gegenständen, für einen Autisten zum Zitteraal werden lässt.

Kann es mir jemand erklären?

Wie geht es euch damit?

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5 Kommentare
  1. hm,
    ich gehöre zu den Autisten die taktil sehr empfindlich sind oder auch hypersensibel genannt. Es ist aber nicht so, das dies in gleicher Ausprägung bei allen Autisten vorkommt. Bis zu hyposensibel, also gar nicht empfindlich (eher sogar schmerzunempfindlich) ist alles dabei. Es ist auch so, das manche Autisten in manchen Bereichen hyper und in manchen wiederum hyposensibel sind. Auch mal dazwischen oder irgendwo am Rande.
    Das festzumachen ist sehr schwer.
    So bin ich taktil hypersensibel gerade an Oberarmen, Hände, Kopf, Nacken und Oberschenkel. Hyposensibel bin ich teilweise in der Körperahrnehmung etc. oder starken Berührungen.
    Verallgemeinern halte ich da für unmöglich. Ich kann dir nur schreiben, wie das bei mir so ist.
    Meine taktile Empfindlichkeit wirkt sich in viele Bereiche aus. Mitunter, klar, bei Berührungen. Sie fühlen sich mitunter an wie, hm, in etwa zu beschreiben wie bei einer Strombehandlung. Haben viele sicher schonmal gehabt. Wenn das Rädchen am Gerät aufgedreht wird, dann verspürt man zunächst ein summen, als wäre die Haut aufgeregt vibriert es. Dann ein kribbeln, das schnell unangenehm wird. Das ist der Zeitpunkt, wo normalerweise Stopp gerufen wird. Wäre schön, wenn das bei mir auch ginge. Hält die Berührung, der Reiz an, summiert sich das immer mehr. Verstärkt sich. Die Muskeln spannen an. Es zieht, ähnlich dem Gefühl von restless legs. Ich kann nicht mehr ruhig halten, muss mich bewegen. Gegendrücken…irgendwas. Nur das es aufhört. Die Haut beginnt zu schmerzen und es wird unerträglich.
    Manchmal ist es auch mit einem Stromschlag zu vergleichen, je nach Plötzlichkeit und Intensität.
    Oft spüre ich Berührungen Tage nach. Baut nur sehr langsam ab, bis es wieder das summern ist, womit es angefangen hat. Daher vermeide ich Berührungen. Sie tun weh, manchmal lange.
    Es ist aber nicht nur die taktile Empfindlichkeit, da hast du Recht. Da spielt noch viel mehr rein. Die Reizfilterschwäche und die Tagesform.
    An Tagen, an denen ich eh mit vielen Außenreizen zu kämpfen habe, trifft mich eine Berührung härter.
    Gutes Beispiel ist da die Hitze oder wie ich mal schrieb “ http://innerwelt.wordpress.com/2013/08/04/wenn-die-hitze-zuviel-wird/
    Zunächst ist es heiss, heisser als meine Wohlfühltemperatur, so das ich meine gewohnten Sachen nicht anziehen kann. Der Luftstrom, der dadurch an meine Haut gerät. Die Schweißtropfen, die sich wie tausende von Nadelstichen anfühlen. Das Licht, das so sehr in den Augen weh tut und die Sonnenbrille, die eigentlich helfen sollte, aber ich nicht ertragen kann, da sie ständig auf dem Schweiß auf meinem Nasenrücken abrutscht.
    Wenn da noch jemand meint, mich berühren zu wollen…oh weh.
    Das dürfen da noch nichtmal meine Kinder.
    Somit für dich vielleicht auch verständlich, warum deine Bekannte beim Zahnarzt viel ( https://innerwelt.wordpress.com/2014/01/ ) ertragen hat, aber die Umarmung dann nicht mehr ertragbar war.
    Dazu kann ich mir vorstellen, das sie ähnlich wie ich, große Unterschiede darin macht, er sie berührt und ob sie damit gerechnet hat.

    • Mädel: Eine kleine Frage dazu: Wenn Du einen Tag hattest, an dem Du vielen Reizen ausgesetzt warst, der Dich angestrengt hat und Du dann vielleicht noch unangenehm berührt wurdest (nehmen wir mal an es war unbeabsichtigt): gibt es dann Dinge, die Dir helfen besser oder besser gesagt schneller wieder „nur“ zu dem „summen“ zu gelangen, mit dem der Schmerz anfing? LG Sabrina

      • Es kommt meist auf den Auslöser an. Eine Pauschalantwort kann ich dir darauf nicht geben. Im Falle eines rein taktilen Overloads hilft bei mir Gegendruck. Aber eben auch nur bis zu einem gewissen Grad. Oft drücke ich mich dann gegen Wände, versuche mich selbst zu umarmen.

        Im Overload allgemein hilft ein Raum, in dem möglichst viele Reize ausgeschaltet sind. Es muss ruhig und dunkel sein. In manchen Situationen, gerade wenn mich die Kompensation sehr erschöpft hat, hilft schlafen. Oder einfach nur die Decke über den Kopf ziehen, das dämpft auch schon viel.

        Am besten wäre immer noch die Vermeidung, oder ein rechtzeitiger Rückzug. Von anderer Seite, ein Nicht-Bestehen auf Berührung und Körperkontakt, wenn ich nicht will. Ich habe da meist meine Gründe für, ohne die Person kränken zu wollen.

      • ich habe schon vermutet, dass es nicht einfach ist auf diese Frage zu antworten und danke Dir dafür, dass Du es versucht hast es so gut es geht zu tun 🙂

  2. Erklären kann ich es Dir zwar nicht, aber ich bin auch der Ansicht, dass es bestimmte Erfahrungen gibt, die manche Austisten machen (wie etwa das brennende Gefühl, dass eine berührung hinterlassen kann), dass die misten NTs gar nicht verstehen werden und andere – wie Du sicher immer nur im Ansatz… aber um bei dem Beispeil zu bleiben: Ich habe bei meinem Sohn die Erfahrung gemacht, dass er zwar leichte Reize zulassen kann und mittlerweile auch mag, aber wenn er überdreht ist, mag er lieber harte Reize. Ich habe selbst mal einen solchen Reiz probiert. Es war ein kratziges Handtuch. Für meinen Sohn war es ein sehr angenehmes, beruhigendes Gefühl, mir tat es weh und ähnlich dürfte es bei den berührungen sein. Die meisten empfinden diese als sehr angenehm, während sie manchen Autisten Schmerzen bereiten können…. LG Sabrina

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