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Über das (Nicht-)Wahrnehmen der Menschen als Individuen.

20. August 2014

Es muss bei irgendeiner Buchvorstellung im letzten Jahr gewesen sein. Nach seinem Vortrag wurde Dr. Peter Schmidt von jemandem aus dem Publikum gefragt, wie er als Autist damit zurechtkäme, vor  so vielen Leuten zu sprechen.

Seine Antwort: „Für mich sind Sie alle sowieso nur bunte Holzpfosten!“

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das sein genauer Wortlaut war, verbürge mich aber dafür, dass er nicht „Vollpfosten“ gesagt hat. 😉

Pfostenfiguren2

Wie auch immer, auch andere Autisten berichten davon, dass sie andere Menschen nicht viel anders wahrnehmen als irgendwelche Gegenstände. Gegenstände, die sich irgendwie bewegen und interagieren und deshalb irritierend wirken. Jemand zog den Vergleich zu den „grauen Herren“ aus Michaels Endes Roman „Momo“. Oder zu gesichtslosen  Egli-Figuren.

Ich versuche mir vorzustellen, wie das ist. Vielleicht geht es ihnen so wie mir mit Autos. Ich habe keines, erlebe die Stadt also fast nur als Fußgänger oder Radfahrer. Autos interessieren mich nicht, kenne mich mit den Typen nicht aus. Ich nehme sie nur als farbige Objekte wahr, vor denen ich mich vorsehen muss. Manchmal winkt mir ein Fahrer zu und ich muss erst mal genau gucken, welcher meiner Nachbarn sich da hinter der Windschutzscheibe verbirgt.

Oder ist es wie mit Schaufensterpuppen? Da ich mich für Mode genau so wenig interessiere wie für Autos, nehme ich sie meistens gar nicht zu Kenntnis.  Das ist eine andere Welt, da hinter den Schaufensterscheiben der Kaufhäuser, – ich gehe einfach dran vorbei. Und wenn ich doch mal hinschaue, dann sehe ich Figuren ohne Gesichter. Oder welche mit seltsam übertriebenen Grimassen, was mich dann immer irgendwie befremdet.

Aber Menschen? Lebendige Menschen? Wie ist es damit?

Einkaufspassage2

Gestern, bei einem Besuch in einem Einkaufszentrum, habe ich mal versucht, die Leute dort nicht als Mitmenschen wahrzunehmen, also ihre Individualität einfach mal auszublenden. Aber so einfach ist das für mich als neurotypischer Beobachter gar nicht. Es gelang mir immer nur für wenige Sekunden, oft nicht einmal das. Ich musste dazu die Blickrichtung senken und zwischen den Leuten hindurch auf die Fußbodenfliesen schauen. „Diffus gucken“ und nichts fokussieren, denn die Augen „stellen ja immer auf irgendetwas scharf“.

Immer nur für wenige Augenblicke gelang es, die Szenerie so zu sehen wie ein Spielbrett, auf dem ein paar Halmafiguren verstreut sind. Und – ZACK – war da wieder ein Gesicht, und mit dem Gesicht ein Eindruck von diesem Menschen. Einem Menschen, der sofort irgendwelche Eigenschaften hatte: jung oder alt, nervös oder entspannt, müde oder munter, freundlich oder griesgrämig, der Rentner, die Tussi, der Geschäftsmann…

Mir ist bei diesem Experiment aufgefallen, wie schnell das geht. Und wie automatisch. Wie unendlich viele Informationen so ein Gesicht für uns hat, die wir völlig unbewusst verarbeiten. Dass es für uns Neurotypische gar nicht ohne dem geht! Und das sogar, obwohl diese Menschen doch einfach nur Passanten waren und ich nicht das geringste mit ihnen zu tun hatte. Ich ging an ihnen vorbei und sie an mir, wie das in einer Großstadt nun mal so ist.

In einer kleinen Gruppe, im Arbeitsteam, in der Schule, auf dem Dorf oder in einer Horde von Urmenschen ist es sicher eine wichtige Fähigkeit, die Anderen nicht nur sofort zu erkennen, sondern auch gleich etwas über ihren Gemütszustand zu wissen, ohne viel fragen zu müssen.

Aber auch unter Hunderten von Fremden geht das. Hätte ich dort nach dem Weg oder nach einem Geschäft fragen müssen, hätte ich sofort gewusst, an wen von den Vielen ich mich am ehesten hätte wenden können. Das ist mir noch nie so klar geworden wie durch dieses kleine Experiment.

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