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Wie ich mich orientiere.

30. September 2014

Es war spät geworden. Wir hatten einen Besuch bei Freunden gemacht und mein Schwager steuerte den Wagen heimwärts. Ich war fremd, aber mein Chauffeur war hier heimisch und kannte sich aus. Dachte ich. Dacht er auch, denn er war ja oft mit dem Wagen und dem Rad in der Umgebung unterwegs. Also bog er von der Landstraße ab und nahm eine Abkürzung durch den Wald.

Abkürzung… hahaha! Ihr könnt euch denken, was jetzt kam: ein ziemliches Zickzack, hin und her über lehmige Waldwege. Es war stockfinster, der Fahrer hatte schnell die Orientierung verloren.  Ich stierte aus dem Fenster, sah im Scheinwerferlicht nur Bäume. Was auch sonst! Über uns der „Große Wagen“, – fernab der großen Städte ist der Sternenhimmel hier im Pfälzer Wald besonders schön! „Wir fahren grad nach Norden,“ meinte ich, als ich den Polarstern ausgemacht hatte. „Nach Norden, – das hilft mir nichts! Himmelherrgottnochmal, ich will wissen wo wir sind!“ fluchte der Fahrer.

Ich wollte länger schon mal darüber schreiben, wie ich mich räumlich orientiere. Ein interessanter Blogpost von Marion Schreiner gab mir den Anstoß, es nun endlich auch zu tun. Im Gegensatz zu ihr verirre ich mich kaum einmal. Aber gelegentlich kommt es vor, wenn auch sehr selten. Also, wie finde ich mich in der Stadt, auf dem Land oder im Wald zurecht?

Eine Antwort habe ich oben mit dem Stichwort „Polarstern“ schon gegeben: Himmelsrichtungen sind für mich wichtig. Und so rede ich auch, wie das Beispiel gezeigt hat. Was meine Mitmenschen irritiert, denn sie haben mormalerweise keinen Kompass im Kopf und auch keinen in der Tasche. Ich habe immer einen im Rucksack. Es war eines der Schlüsselerlebnisse meiner Kindheit, als mir mein Vater den Umgang damit beibrachte. Es ist noch eine gediegene Pfadfinderausbildung hinzugekommen, so dass ich auch ohne Blick auf die Bussole die Himmelrichtungen zumindest annähernd abschätzen kann.

Karte

Karte und Kompass: in neuer Umgebung sind sie immer dabei!

Himmelsrichtungen sind für mich wie vorn, hinten, rechts links, oben und unten. Deshalb irritiert es mich, wenn Leute von „die Straße hoch“ oder „die Straße runter“ reden, wenn es dort gar nicht den Berg hoch oder runter geht, sondern in eine bestimmte Richtung in der Horizontalen. Womit wir bei einem zweiten Teil meiner Zurechtfindestrategie sind: der Landschaft. Ich nehme die Topographie ziemlich aufmerksam wahr und kann sie mir auch relativ gut merken. Der Abhang, der rechts vom Weg liegt, die Lichtung links, der Bach im Taleinschnitt. Die Lichtung ist im Osten, also gehe ich nach Süden.

Auch in der Stadt ist es ähnlich. Nur dass dort nicht so sehr das Relief ausschlaggeben ist, sondern das Straßenzüge und hohe, markante Gebäude. Straßennamen kann ich mir schlecht merken. Um so leichter das Grundmuster, also die Struktur einer Stadt. Diese Struktur bildet so etwas wie die „Karte im Kopf“. Damit meine ich aber nicht etwa einen auswendig gelernten Stadtplan, sondern ein ganz grobes Schema aus vier oder fünf Hauptstaßen, dem Bahnhof, dem Rathaus, einem auffälligen Kirchturm, vielleicht einem Fluss oder einem größeren Park. Das reicht aus, um eine ungefähre Richtung einzuhalten.

Dieses System versagt aber völlig, wenn ich keine solchen Orientierungspunkte oder -linien zur Verfügung habe. Z. B. in dem eintönigen Siedlungsbrei mancher Trabantenstädte, die zu schnell gewachsen sind, um irgendwelche Strukturen auszubilden, wo das Postamt, die Gemeindeverwaltung und die Kirche einfach „irgendwo“ sind, weil da gerade noch Platz war. Und es versagt auch unter der Erde, also z. B. in U-Bahn-Stationen mit vielen Ausgängen und Tunnels wie z. B. in der Innenstadt von Hamburg. Meine Begleiter, die meinen, dass ich mich in meiner Heimatstadt doch gut auskennen müsste, sind dann irritiert, wenn ich mich suchend umschaue oder schlagartig die Richtung wechsle, weil ich gerade einen Hinweis auf ein  Gleis oder den Ausgang zu einer bestimmten Straße entdeckt habe.

Ähnlich geht es mir in ausgedehnten Einkaufspassagen, wo ich ja auch nicht den Sonnenstand oder den Rathausturm sehen kann. In dem renomierten, aber verschachtelt gebauten „Alsterhaus“, einem Kaufhaus in Hamburg, habe ich tatsächlich während einer Umbauphase mal den Kompass au der Tasche gezogen, um den Ausgang zum Jungfernstieg (der ist nämlich im Norden) zu finden.

Draußen, nachdem ich die schnieke Kosmetikabteilung hinter mir gelassen hatte, war die Welt wieder in Ordnung: Ich stand auf dem Jungfernstieg. Vor mir die Alster, jener Fluss, der die Stadt in eine östliche und eine westliche Hälfte trennt und der hier, imitten der Stadt, zu zwei hintereinander liegenden Seen (der Binnen- und Außenalster) aufgestaut ist. Einen halben Kilometer entfernt, etwa im Nordosten, sehe ich die Lombardsbrücke, die die Durchfahrt zwischen den beiden Seen überspannt und Teil des Straßenzuges ist, der Entlang der früheren Festungswälle in einem großen Bogen die Innenstadt umschließt. Im Westen bei den Landungsbrücken und im Osten bei nahe der Deichtorhallen trifft er auf die Elbe. Außerhalb dieses Ringes liegt östlich der Hauptbahnof, im Norden der Dammtorbahnhof, von dem die Rothenbaumchaussee nordwärts in Richtung Völkerkundemuseum führt. Wende ich den Blick nach rechts, also Südosten, sehe ich den Turm der Petrikirche an der Mönkebergstraße… usw. usw…

Zu Fuß oder mit dem Rad komme ich mit dieser Skizze im Kopf bestens zurecht. Aber mit dem Auto würde ich kläglich scheitern! Auf einer sechspurigen Straße sich rechtzeitig richtig so einordnen, dass ich an der nächsten Kreuzung den richtigen Abzweig erwische? Ohje! Da kann ich nur hoffen, dass mich Wegweiser zu solchen Punkten führen, die ich topograpisch einordnen kann (z. B. den besagten Dammtorbahnhof). Einmal, als ich einen Fahrer in Hamburg lotsen sollte, hatte ich mich trotz Stadtplan ziemlich verfranst. Da half nur: Hauptsache nach Westen, egal wie! Dann werden wir irgendwie schon auf die A 7 stoßen…

Ich komme schwer damit klar, in eine andere „falsche“ Richtung fahren zu müssen, um mein Ziel zu erreichen. Also wenn ich nach Süden will, aber der Zubringer zu der nach Süden führenden Schnellstraße im Norden liegt. Und Verkehrsknoten (ich will nach links, aber der Abzweig geht nach rechts und dann in einer Schleife hinter einem Tunnel über die Brücke nach sonstwohin, hoffentlich nach links) erzeugen einen Orientierungsknoten im Kopf. Ich verstehe auch nicht, warum das Navigationssystem Tomtom „links halten“ sagt, wenn gemeint ist: „nicht rechts abbiegen, sondern geradeaus auf der bisherigen Strecke bleiben“. Das irritiert mich total. Ich bin wohl ein topographischer Steinzeitmensch!

Typisch Mann: Ich frage nicht gern nach dem Weg. Der eine Grund dafür ist, dass sich selbst Einheimische oft schlecht auskennen. Beispiel aus meiner Studienzeit: Der Herbergsvater einer Jugendherberge, zu der wir mit einer Exkursionsgruppe unterwegs waren, hatte uns am Telefon gesagt, die Herberge sei eine Burg. Und zwar sei es die zweite Burg auf unserer Strecke. Also hielten wir bei der zweiten Burg, die wir entdeckten. Allerdings wurde die als bäuerliches Landgut genutzt und keineswegs als Gästehaus. Der Fehler: Wir waren alles Archäologiestudenten und hatten von da her einen geschulten Blick für Burgen, auch wenn sich diese nicht postkartentypisch mit Söller und gewaltigen Mauern zu erkennen gaben. Der Herbergsvater hatte jenes etwas verkommene Anwesen jedoch gar nicht als „Burg“ auf dem Plan.

Der zweite Grund für meine Abneigung gegen Die Auskünfte von hilfsbereiten Ortsansässigen: Bei einer Wegbeschreibung wie „zweimal rechts und dann links“ usw. entsteht nicht die Karte im Kopf, die ich brauche.

Die bekomme ich am leichtesten durch das Anschauen gedruckter Pläne. Oder durch selbstgezeichnete Krokis, also Skizzen, auf denen nur das Wesentlichste drauf ist. Klar, dass mich mein erster Weg in einer Fremden Stadt oder einer neuen Urlaubsgegend erst mal in den Buchladen führt, um mich dafür  passend einzudecken. (Das, so heißt es, sei „typisch deutsch“!)

Ich liebe Landkarten. Die Leidenschaft dafür begann damit, dass die Lehrerin in der Grundschule uns die Aufgabe gab, unseren Schulweg aufzuzuzeichnen. Als Teenager hingen in meinem Zimmer keine Poster von Popstars, dafür aber der Nachdruck einer Weltkarte aus dem 17. Jhdt. Später studierte ich jenes schon genannte  Fach, in dem viel kartographisch gearbeitet wird.

Entsprechend hoch sind meine Ansprüche.  Für mich soll eine Karte ein möglichst genaues Abbild der Landschaft sein, in der ich mich bewege. Es nervt, wenn eine Wegspinne mit sieben Abzweigungen so mit dem Symbol für einen Wanderweg zugedruckt ist, dass man gar nichts erkennt. So eine Signatur hat ja auf der Karte, würde man sie maßstabsgetreu in die Natur übersetzen, das Format eines mittleren Sportplatzes. Also stört es mich im Kartenbild mehr, als das es hilft.

Seit dem Mittelalter die bekannteste Wanderwegmarkierung Europas: die Jakobsmuschel.

Ich wandere gern, aber markierten Wegen folge ich dabei selten. Wohl deshalb, weil andere Leute sie nach ihrem Gusto konzipiert haben, ich mir aber meist andere Ziele vornehme. Denn nicht immer werden Wanderwege von denen geplant und dann auch markiert, die selbst dort „auf Schusters Rappen“ unterwegs sind. Manchmal ist es all zu deutlich: Da hat sich jemand vom Fremdenverkehrsbüro eine Strecke am heimischen Kartentisch ausgedacht und irgendein Waldarbeiter wird von der Gemeindeverwaltung losgeschickt, um die gelben, blauen und roten Punkte an die Bäume zu malen. Die Markierungen landen dann aber oft woanders, als der Wandersmann sie braucht. Manchmal sogar auf ganz anderen Wegen als denen auf der Karte eingezeichneten. Allein deswegen schon, weil der Arbeiter mit dem Jeep fährt, statt die Strecke zu Fuß abzuklappern. Wenn dagegen ein örtlicher Wanderverein die Planung und vor allem den Pinsel in die Hand nimmt, kann man sich ganz gut darauf verlassen. Trotzdem: Die Karte kommt auf meinen Touren immer mit!

Und wenn ich doch einmal die Orientierung verliere? Wenn es nicht mit Autofahren oder Unterführungen zu tun hat, kann es daran liegen, dass von einer Wegspinne statt der eingetragenen fünf Wege in Wirlichkeit deren acht zur Auswahl stehen, also die Karte ungenau ist. Oder daran, dass die Strecke eine so unauffällige Biegung macht, dass ich die Richtungsänderung nicht mitbekomme. Oder ich war aus irgendeinem Grund unaufmerksam und habe deshalb ein topograpisches Detail übersehen. Auch das ist schon passiert. Einen „natürlichen“ Orientierungssinn hat der Mensch nämlich nicht.

Es ist alles erlernt. Wie eine Sprache.

„Die einzige Sprache, die ich wirklich kann, sind Zahlen,“ witzelte einmal die Bloggerin BloO.

„Die einzige Sprache, die ich wirklich kann, ist Landschaft!“ feixte ich zurück. 😀

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Eine Fortsetzung des Themas gibt es hier.

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3 Kommentare
  1. Ich dachte zu nächst: Jippi da ist einer wie ich. und dann wurd mir klar, dass ich in dieser Materie noch viel stärker „drin stecke“(rw). Mein Orientierungsinn funktioniert auch in Bahnhöfen, Einkaufszentren, Parkhäusern und natürlich während der Fahrt im Auto. Ich merke mir ebenfalls Landschaftspunkte, zeichne allerdings gleichzeitig in meinem Kopf eine Landkarte dazu. Anhand dieser Karte finde ich jeden Weg den ich bisher gelaufen bin oder gefahren bin wieder. Mein Kopf kann in Sekunden eine geeignete Fahrtroute berechnen (sogar mit Brücken- und Gewichtsbegrenzungen) und diese während der Fahrt nach belieben ändern. Ich habe selten Karte und Navi dabei. Ich besitze auch keinen Kompass und Sterne kann ich auch nicht lesen.

    • Normalerweise komme ich in Bahnhöfen, Einkaufszentren usw. auch gut zurecht. Auch dort gibt es ja „topographische Fixpunkte“, also Eingänge, Rolltreppen, bestimmte Geschäfte usw. Problematisch wird es aber dann, wenn diese Punkte außer Sicht kommen und es dann so oft um Ecken herum geht, dass ich es mir nicht mehr schnell genug merken kann. Und wenn dann alles so ziemlich gleich aussieht.

      Du hast da sicher ein viel größeres Erinnerungsvermögen.
      Und natürlich eine große Routine als Autofahrer!

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  1. Wenn es um viele Ecken geht… Orientiertung Teil 2. | Erdlingskunde

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