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Wenn es um viele Ecken geht… Orientiertung Teil 2.

2. Oktober 2014

Nun die  Fortsetzung meines Artikels über meine persönliche räumliche Orientierung. (Teil 1 hier.)

Mein Weg zum Einkaufen im Supermarkt ist simpel. Vor der Haustür nach rechts (Norden), hinter dem Spielplatz nach links und über die Straße, also nach Osten, dann die erste Straße rechts (wieder Norden), und dann sehe ich auch schon das Einkaufszentrum. Ich könnte ruckzuck eine Skizze zeichnen und auch viele Details und weitere Straßenzüge  eintragen.

Wenn der Weg aber lang ist, es oft um die Ecke geht und die Abzweigungen nicht immer schön rechtwinklig sind, geht das nicht. Die „Karte im Kopf“ reduziert sich immer mehr auf das Wesentliche, je länger und komplizierter die Strecke wird. Und sie wird segmentiert. Ich habe dann nicht mehr den kompletten Plan mit allen Nebenstrecken im Kopf, sondern nur noch den Part, den ich gerade brauche.

Man kann sich das so vorstellen, als wäre eine Landkarte oder ein Stadtplan, bzw. die vereinfachte Form, die ich davon im Gedächtnis habe, ein Puzzlespiel. Und ich habe nur die Teile davon mit, die meine Wegstrecke betreffen. Diese Puzzleteile habe ich aber auch nicht fertig zusammengesetzt im Kopf. Ich arbeite dann immer nur mit dem einen Teil, den ich gerade vor mir habe. Und am nächsten Abzweig setze ich den nächsten Teil an. An den topographischen Merkmalen, die ich im Gelände sehe, erkenne ich, was als nächstes kommt.

Das funktioniert auch in U-Bahnhöfen, die ich gut kenne oder die markante Merkmale haben. Und teilweise auch in verzweigten Einkaufspassagen wie z. B. dem Hanseviertel in Hamburg, wo ich vielleicht alle paar Jahre mal durchgehe. Vom Hanseviertel könnte ich aber keinen Gesamtplan zeichnen. (D. h. inzwischen kann ich es, weil ich mir einen auf der Homepage des Betreibers angesehen habe, aber das zählt nicht.) Und ich könnte mir auch nicht vornehmen, dort so gezielt zu gehen, dass ich an einem ganz bestimmten Ausgang wieder herauskomme. Wenn ich da an eine Ecke komme, ist es mehr eine Vermutung, wenn ich meine, es müsste jetzt wohl rechts oder links herum gehen. Es sieht dort drinnen überall sehr ähnlich aus, es fehlen die markanten Punkte. Und wenn ich irgendwo wieder an die frische Luft komme, gucke ich erstmal die Straße rauf und runter, um zu sehen, wo ich nun herausgekommen bin.

In fremden Städten gehe ich meistens auf diesen ganz bestimmten Strecken, die ich mir am schnellsten einprägen und in ein grobes Raster einfügen kann.

So ein Orientierungsystem, also mit ganz bestimmten Strecken zwischen auffälligen Punkten, gibt es auch in anderen Kulturen. Z. B. die songlines bei den Aborigines in Australien. Sie beruhen auf der Mythologie der Ureinwohner: Die „Ahnen“, mythische Wesen, sind in der „Traumzeit“ an bestimmten Stellen aus der Erde gekommen, sind dann entlang dieser Pfade gewandert und haben dort bei irgendwelchen Ereignissen die Landschaft gestaltet oder verändert. In den Mythen, die erzählt werden, haben diese topographischen Spuren eine besondere Bedeutung. Wer die Geschichten kennt, kann sich also in diesem Netz von songlines auch über weite Strecken zurechtfinden.

So geheimnisvoll geht es bei mir natürlich nicht zu. Aber ich gebe meine Wegen und den Orten in der näheren Umgebung auch Namen: „Schneckendamm“ (weil er bei Regenwetter voller Nacktschnecken ist), „Lupenweg“ (weil ich dort mal eine kleine Einschlaglupe verloren habe) oder Feenwiese (weil ich dort mal Kindern beim abendlichen Laternelaufen ein Märchen erzählt habe). Und ich werfe auch immer einen Blick  auf die Dinge, die ich selbst so in der Landschaft verändert habe. Was es damit auf sich hat, steht hier. 😉

 

 

 

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3 Kommentare
  1. Für Wege, die ich kenne, könnte ich auch sofort eine Skizze zeichnen. Ich könnte aber beispielsweise nicht zuverlässig die Farbe der einzelnen Häuser benennen, an denen ich jeden Tag 2-6-mal vorbeilaufe. Komisch. 😉

    • Die Häuser der näheren Nachbarschaft könnte ich schon ganz gut beschreiben. Wenn es weiter weg ist, zumindest den Baustil und diejenigen Gebäude, die mir mal wegen ihrer Gestaltung besonders aufgefallen sind. Dann aber auch beiläufige Details: z. B. eine Waschbetonplatte, in die bei der Herstellung zufällig der Beschlag eine Vorhängeschlosses eingegossen wurde.

      Oder ich erkenne auf einer Zugfahrt einen bestimmten knorrigen Baum immer wieder: Aha, die halbe Strecke habe ich noch vor mir, es lohnt sich noch, die Thermosflasche mit dem Kaffee rauszuholen. 🙂

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  1. Wie ich mich orientiere. | Erdlingskunde

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