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Das Wissen liegt auf der Straße (RW)!

15. Oktober 2014

Manchmal verstehe ich die Welt nicht. So wie jetzt mal wieder.

Die AS-Aktivistin Sam Becker schilderte gestern das Erlebnis einer Klientin, die mit ihrem zweieinhalbjährigen autistischen Sohn zur Therapie war (ohne Namensnennung natürlich). Die Therapeutin hat mit dem Kleinen auf dem Boden gepuzzelt. Irgendwann hatte der Lütte keine Lust mehr und hat aus dem Fenster geguckt. Normal, so weit nicht ungewöhnlich. Aber er sollte dann aufräumen. Auch normal, in dem Alter kann man das ja schon mal üben. Dazu hatte er auch keine Lust. Auch normal, welches Kind räumt schon gerne auf!

Was dann kam, war aber nicht mehr normal. Als der Kleine zum Fenster laufen wollte, schnappte sich die Therapeutin das Kind, zog es auf den Schoß und hielt es fest. Der Junge schrie nach seiner Mama. Offensichtlich bekam er voll einen sensorischen Overload. Aber die Therapeutin streichelte ihn über den Kopf (sic!) und redete auf ihn ein. Als die Eltern intervenieren wollten, laberte die Therapeutin etwas von „desensibilisieren“ und „Overload provozieren“ und „in dem Alter sollte man schon damit anfangen“ usw.

Die ganze Familie war fix und fertig! Und man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass der Kleine nun negativ konditioniert ist. Nach dieser Erfahrung dürfte jedwede Therapie unmöglich sein. Wer weiß, wie lange!

Ich bin kein Psychologe. Ich habe mit Autismus im Grunde gar nichts zu tun, außer das ich mich eher zufällig über das Internet mit einigen wenigen Autisten angefreundet habe. Klar, dass ich wissen wollte, was es mit diesem Phänomen „Autismus“ auf sich hat. Nicht, weil mich das als solches interessiert hätte. Sondern weil ich meine neuen Freunde, die ich gerade ins Herz geschlossen hatte, besser verstehen wollte. Und ein paar „Benimmregeln“ konnten auch nicht schaden.

Die Infos waren billig zu haben. Sie lagen gewissermaßen „auf der Straße“ (Redewendung), ich brauchte sie nur aufzuheben. Blogs konnte ich beim Frühstück lesen, Youtube-Videos nebenbei beim Bügeln gucken. Ein Buch war nette Reiselektüre. Und wenn ich etwas näher erklärt haben wollte, dann gaben mir meine Chatpartner gerne Auskunft. Das alles war billig zu haben, ich musste nichts studieren, es kostete mich nichts.

Nein, ich bin kein Experte geworden. Wozu auch! Aber ich glaube, ein paar Sachen begriffen zu haben.

Z. B. dass körperliche Berührungen für viele Autisten mit Schmerz, einem brennenden Gefühl verbunden sind. Dass Umarmungen Erstickungsgefühle auslösen können. Dass besonders der Kopf in dieser Hinsicht hochsensibel ist. Das mag nicht bei jeden Autisten so sein und vielleicht auch nicht gegenüber Personen, zu denen großes Vertrauen besteht. Aber wenn ich jemandem von meinen Freunden mal im real life begegne, werde ich mich zusammenreißen und ihnen nicht um den Hals fallen. „Don’t touch!“ steht auf dem T-Shirt von Sam Becker, und ich werde mich daran halten.

Eine andere Sache, die ich begriffen habe, ist, dass Autismus keine körperliche Krankheit ist wie z. B. eine Allergie, die man mit Desensibilisierungsverfahren (Gewöhnung des Körpers an das Allergen) lindern oder heilen kann.

Autismus ist auch keine psychische Erkrankung wie z. B. eine Agora- oder Sozialphobie, die man durch Verhaltenstherapien in den Griff bekommen könnte.

Autismus ist ein genetisch bedingtes „anderes Betriebssystem“ des Gehirns. Autismustherapie kann dann eigentlich nur bedeuten, dass der Autist sein eigenes Betriebssystem kennenlernt und trainiert, es in einer neurotypisch geprägten Umgebung anzuwenden. Alle Versuche, dieses Betriebssystem zu manipulieren oder ganz zu deinstallieren und ein neurotypisches aufzuspielen, sind ganz offensichtlich gescheitert.

So viel ist bei mir also angekommen. Nicht mehr als ein paar triviale Binsenweisheiten. Die Therapeutin des oben erwähnten Jungen hat aber studiert. Psychotherapie, nehme ich an. Oder etwas Vergleichbares. Da ist Autismus Thema. Bei einem Anteil von 1 % Autisten in der Bevölkerung muss es Thema sein. Und wenn nicht, so steht jener Therapeutin doch entsprechende Fachliteratur zur Verfügung.

Warum kennt sie aber nicht mal die Basics?

Ich verstehe das nicht.

 

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From → Verschiedenes

19 Kommentare
  1. Anita permalink

    Hallo Ismael,

    das Schlimmste an der geschilderten Situation ist

    es ist KEIN Einzelfall

    Das ist gängige Praxis!

    Wenn Eltern intervenieren, dann arbeiten sie nicht mit.
    Wenn Eltern es nicht hinnehmen, dass das Kind oder der Jugendliche absichtlich in den Overload geschoben wird, ……. dann arbeiten sie nicht mit.
    Wenn Eltern um klare und verlässliche Regeln bitten (ja auch Therapeuten beherrschen dies NICHT) ……….. dann ………………. Du ahnst es!

    Wenn dann obendrauf die Therapie von einem Amt bezahlt wird (also zu 99,9 %) dann gehen die Berichte über die mangelnde Mitarbeit der Eltern an die Ämter!!

    Und Du musst nicht glauben, dass Ämter die schon fast 5 Jahre Autisten betreuen und unterstützen irgendetwas über die Weisheiten einiger KJP’s hinaus gelernt haben. Nein, sie vertrauen „Fach“-Leuten, die über noch nicht mal rudimentäres Grundwissen im Bereich Autismus verfügen. Oder gar Einrichtungen, die Heilsversprechen in jedweder Form von sich geben!

    Auch da wird in erster Linie von Konfrontation oder Medikation gesprochen.

    Keiner kommt von alleine darauf, dass

    1. Beziehungsaufbau
    2. Vertrauensverhältnis
    3. klare Regeln und Struktur
    4. Sozialkontakte nur nach dem Vermögen des Einzelnen mit langsamer Steigerung

    und dann

    4. die Arbeit mit dem Autisten

    überhaupt Erfolg versprechen könnte!!

    Die Erfahrungsberichte erwachsener Autisten finden erst gaaaaaaaaaaaaaaaanz laaaaaaaaaaaangsam Gehör bei einigen wenigen Psychiatern.

    Aber im Kinder- und Jugendbereich wird es zu 80 % ignoriert!!!

    Sorry für meinen „sauren“ (RW) Post. Aber wir kämpfen an ähnlichen Fronten!!

  2. „Die Therapeutin des oben erwähnten Jungen hat aber studiert. Psychotherapie, nehme ich an. Oder etwas Vergleichbares. Da ist Autismus Thema. Bei einem Anteil von 1 % Autisten in der Bevölkerung muss es Thema sein.“

    Soweit mir bekannt, ist es immer noch maximal ein Randthema im Studium (ich lasse mich da gern anderweitig aufklären). Und vermutlich lernen sie da genau das, was sie dann auch in der Praxis anwenden.
    Lehrmaterial hinkt doch üblicherweise bis zu 20 Jahre hinterher, das wissen wir alle aus unserer Schulzeit.
    2014 – 20 = 1994

    Anfang bis Mitte der 1990er kam Asperger-Autismus gerade mal eben in ICD und DSM.
    Und die derzeit tätigen Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater etc. haben ja auch nicht gestern studiert, sondern ggf. auch noch mal vor ein paar oder gar vielen Jahren.

    Wer sich heute fachlich mit Autismus auskennt, hat also oft dennoch veraltete Infos. Wer sich aus meiner Sicht gut auskennt, ist jemand, der sich stetig dahingehend weiterbildet und auch den Autisten dabei zuhört.

    • genau das ist das häufigste Problem Fotobus.
      Die oftmals realitätsferne Berichterstattung von Fernsehen und Co tun dann noch ihr übriges.
      Allerdings scheint momentan immer mehr auf manch Therapeutenschulen (nicht viele aber doch ein paar) das Interesse an einen Austausch mit Autisten geweckt worden zu sein.

      • Freut mich, das zu lesen, dass zumindest ein Anfang gemacht ist, Autisten zuzuhören seitens der Experten.
        Hoffen wir, dass das wächst und bald gängig wird.

  3. Anita permalink

    @ dasfotobus

    es scheint aber so, dass für diesen Zustand die Autisten die Initiative ergreifen müssen.

    Und dann ganz viel Glück haben müssen, Gehör zu finden.

    Wie gesagt, viele KJP’s verfahren nach dem Motto

    „max. 2 Jahre, dann muss die Handlungsstrategie erlernt worden sein und soziale Kompatibilität erreicht. Wenn nicht, dann ist eine stationäre Einrichtung dass bessere Mittel der Wahl. Es scheinen ja die Eltern nicht mitzuarbeiten.“

    Wenn dann in der Einrichtung ein Overload provoziert wurde, dann ist Klinik das nächste Mittel der Wahl.

    Wie gesagt, mein Frustfaktor ist derzeit sehr hoch.

    Da gehen KJP’ler in die Ämter und erklären, dass dies der einzige Weg zur Verselbstständigung sei und es mit 18 spätestens in Angriff genommen werden muss. Sonst wäre der Weg verbaut.

  4. KiezkickerDe permalink

    Ich wollte nur sagen, dass ich deinen Betriebssystemvergleich klasse finde, und ihn auch öfter verwende, um Nichtautisten Dinge wie einen Overload (Speicherüberlauf) oder einen Meltdown (Reboot) zu erklären. Ich finde, dass das anhand solcher plastischer, relativ allgemeinverständlicher Umschreibungen noch am besten gelingt, und wollte dir daher einfach mal danken, dass du als “neurotypische Person“ dich dieser Beschreibung bedienst. 🙂

    • Was könnte ich auch anderes, als von Autisten lernen. 🙂 Die sind ja schließlich die „Fachleute“!

      • KiezkickerDe permalink

        Naja, ich habe aber sowohl von Nichtautisten, als auch von Autisten selbst deutlich unpassendere Vergleiche gehört. 🙂

  5. Anika permalink

    Danke Anita, hast mal wieder ins Schwarze getroffen. So isses. Wir Eltern mit unserer Erziehungsunfähigkeit und unserem inkonsequenten Verhalten sind schuld. Grrrrrrrrr. Aber ich üb schon gaaanz fleißig und wenn ich mich nur genügend anstrenge, dann kann ich bald auch übers Wasser gehen und das Meer teilen. (Zynismus off).

  6. Anika permalink

    Es muss schnell was geschehen, denn ABA ist auf dem Vormarsch und gilt mittlerweile als DAS Therapeutische Heilmittel.

  7. auf facebook gibt es eine gruppe, die sich genau diesem austausch widmet, damit solche dinge eben nicht mehr passieren, dort können fachleute jeglicher art, egal ob lehrer, schulbegleiter, ärzte, therapeuten, den erwachsenen autisten und den eltern von autisten fragen stellen, um eine „innenansicht“ zu bekommen, eine situationsanalyse und hilfreiche tips: Austauschgruppe mit Autisten und Angehörigen für Fachpersonal

    • Anita permalink

      Das nützt nur bedingt etwas, sofern die von Dir erwähnten Personengruppen dort selber sich melden und fragen.

      Halb- und Nichtwissen, dass sich auf den Ämtern breit macht, verhindert oft, dass die notwendigen Hilfen überhaupt einsetzen können. Denn nicht alles können die Eltern selber in den Griff bekommen. Insbesondere das Gebiet Kindergarten und Schule und später Ausbildung ist hier besonders zu nennen. Da braucht es oft Hilfen, die man als Eltern nicht finanzieren kann. Und viele Eltern sind mit dem Arbeitgebermodell über das persönliche Budget einfach überfordert.

      Deswegen muss ein zweiter Weg gegangen werden.

      Wie genau das gehen kann, darüber grübel ich noch. Aber ich als Mutter (die von Euch erwachsenen Autisten viel gelernt habe und immer noch lerne) kann hier wenig bis gar nichts erreichen. Ich bin in den Augen der Ämter nicht objektiv.

      Da braucht es eine Kooperation von willigen Psychiatern und erwachsenen Autisten.

      Solange Autismusbeauftragte an Schulen und bei Ämtern nach „Schema F“ Empfehlungen geben………
      Solange Einrichtungen ABA als wertvoll (auch noch bei Jugendlichen „leicht Betroffenen) erachten……
      Solange KJP’s allgemeine Empfehlungen aussprechen ………….

      solange werden Eltern verzweifeln und viele Kinder nicht gut auf das Leben vorbereitet. Von einem adäquaten Schulabschluss mal ganz zu schweigen.

  8. um an dieser Situation etwas zu ändern bräuchten wir viel mehr Erwachsene Autisten die aus ihren Erfahrungen erzählen wie für sie die Therapien waren, da sind wir leider noch viel zu wenige die sich dazu äussern. Es bedarf da viel mehr Aufklärung

  9. Liebe Sam,
    was hältst du davon, in der von dir initiierten Web-Community Autistenwelt.de in einem zunächst mal geschützen Rahmen Erfahrungsberichte zu sammeln und dann gemeinsam zu überlegen, wie man sie in geeigneter Form öffentlich macht?

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