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Der Wechselbalg. Über die Schwierigkeit, ein andersartiges Kind zu akzeptieren.

20. Oktober 2014

Heute erzähle ich euch eine Volkssage. Eine Geschichte mit einem, wie wir später sehen werden, bitteren Hintergrund. Ich hoffe, ihr habt starke Nerven!

Einem Ehepaare in Plau wurde ein Kind geboren, das nach zwei Jahren nur einen Schuh lang war, einen gewaltig großen Kopf hatte und durchaus nicht sprechen lernen wollte. Sie klagten ihr Leid einem alten Manne, der sagte: „Gewiss haben die Unterirdischen euer Kind ausgetauscht. Wenn ihr darüber Gewissheit haben wollt, so nehmt eine leere Eierschale, gießt in der Gegenwart des Kindes frisches Bier hinein und bringt es durch Hefe in Gärung. Wenn das Kind anfängt zu sprechen, dann ist meine Vermutung richtig.“

Sie taten, wie ihnen geraten worden. Kaum war das Bier in Gärung, da rief das Kind: „Ik bün so olt as Böhmer Gold, doch dat seih ikj toum irsten Mal, dat man Bier brukt in Eierschal.“

Die Eltern beschlossen nun, in der nächsten Nacht das Kind in die Elde zu werfen. Als sie aber nach Mitternacht aufstanden und an die Wiege traten, lag darin ein blühendes kräftiges Kind. Die Unterirdischen hatten es zurückgebracht und das ihrige weggeholt.

Solche Wechselbalgsagen gibt es viele, in verschiedenen Varianten. Meistens haben sie ein happy ending: Die Unterirdischen, also das Zwergenvolk, geben das entführte Menschenkind zurück und holen ihr eigenes wieder. Die Realität, die hinter diesen Erzählungen steht, sah anders aus. Da geht es um die Tötung behinderter, in den Augen der Bevölkerung missgestalteter oder sonstwie andersartiger Kinder durch ertränken, verbrennen oder aussetzen in einer abgelegenen Gegend. Das ist früher so vorgekommen. Ein grauenvolles Geschehen.

Für die Angehörigen war so etwas nur erträglich, wenn sie sich einer Illusion hingaben. Nämlich der Illusion, dass es gar nicht ihr eigenes Kind war, dass da in der Wiege lag. Wenn es kleinwüchsig war oder an Hydrocephalus litt, dann lag schon vom Äußeren nahe, dass es gar kein Mensch sein konnte, sondern nur einer der Unterirdischen. Und für so einen Fremdling brauche man keine Verantwortung zu übernehmen, für den war man nicht zuständig. Und wenn man diesen Wechselbalg tötete, dann konnte man wenigstens Rache an denen nehmen, die einem so etwas antaten. Und wenn man glaubte, dass das eigene, echte Kind nur entführt worden war, konnte man glauben, es doch irgenwann wiederzufinden.

Das liegt nun Jahrhunderte zurück. Bei uns in Westeuropa jedenfalls.*

Warum erzähle ich das? Die Geschichte fiel mir in einer Diskussion über die Frage ein, warum manche Eltern ihren autistischen Kindern Therapien zumuten, die von Erwachsenen Autisten als grausam eingestuft werden, z. B. durch Festhalten und gewaltsames Umarmen. Wie können die Eltern nur dazu fähig sein? Meine These, die ich dort geäußert habe, ist folgende:

Die Eltern lieben tatsächlich ihr Kind. Aber „ihr“ Kind ist ein anderes als das autistische, dass sie dort vor sich haben und zu dem sie einfach keinen Zugang finden. „Ihr“ Kind ist eines, das auf den Arm genommen werden möchte, sich von Opa huckepack tragen lasst und ohne Gutenachtkuss von Mama nicht einschlafen kann. Eines, dass später gerne mit anderen Kindern Fußball spielt, in die Tanzschule geht, eine Schar netter Freunde mit nach Hause bringt, eines, auf dass man stolz sein kann. Dieses Kind muss irgendwo sein. Irgendwo versteckt. Nicht im geheimen Reich des Zwergenvolkes, sonder tief verborgen im Inneren dieses autistischen Wesens, das die Eltern da um sich haben, das aber so fremd und eigensinnig ist und das sie nicht verstehen.

Zu diesem Kind, ihrem eigentlichen und wahren Kind, wollen die Eltern vordringen und es aus der harten Schale des Autismus befreien. Sie wollen nur die Schale zerbrechen, nicht das Kind. Dass der Autismus zum Wesen dieses Menschen gehört und nicht nur eine äußere Hülle ist, das können sie nicht akzeptieren.

Vielleicht denken sie einfach, wenn ich mein Kind ganz doll liebhabe und ganz doll umarme, dann kommt dieses Zeichen meiner Liebe irgendwann tief innen an. Und wird dann erwidert.

Für alle, die deshalb traumatische Therapieversuche über sich ergehen lassen müssen, zwangsweise umarmt werden oder was auch immer, ist das bitter.  Aber auch für Eltern ist es bitter, wenn sie keinen emtionalen Zugang zu ihrem Kind finden, weil es die Zeichen ihrer Liebe nicht erwidert. Oder nicht so erwidert, wie sie denken, dass es sein muss.

Ich schreibe nicht, um darüber zu räsonieren und Spekulationen über die Gründe anzustellen. Sondern, weil ich aus den Reaktionen an verschieden Stellen im Web zu dem hier geschilderten Fall eine Not herauslese. Es kommt mir so vor, als gäbe es immer noch viele falsche Vorstellungen über Therapien oder einfach nur über das gute Miteinander. Und deshalb lade ich alle ein, die es in irgendeiner Weise betrifft,  eigene Erfahrungen zu schildern und über Alternativen nachzudenken. Was habt ihr Autisten mit euren Eltern und Angehörigen erlebt? Was hättet ihr euch aus heutiger Sicht von euren Eltern und Therapeuten gewünscht? Worin sind sie euch gerecht geworden und wo nicht?

Es geht mir nicht um Anklage. Es geht mir um gegenseitiges Verstehen. Und um das Nachdenken über gangbare Wege aufeinander zu.

Es wäre schön, wenn ihr dazu schreiben könntet. In euren Blogs, auf Foren oder gerne auch hier.

__________________________________________________________________

*Leider ist Kindestötung, auch die Tötung  autistischer Kinder und Erwachsener, immer noch von dramtischer Aktualität, auch in westlichen „Zivilisations“gesellschaften. (Nachtrag auf Grund eines Blogposts in Quergedachtes.)

 

 

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16 Kommentare
  1. Aber “ihr” Kind ist ein anderes als das autistische, dass sie dort vor sich haben und zu dem sie einfach keinen Zugang finden.

    Hart, aber wahrscheinlich nur zu wahr

    • Ja.
      Hart und bitter. Ich war schwer mit mir am kämpfen, ob ich es überhaupt riskieren soll, es so zu schreiben. Ich will ja niemanden verletzen.

      Sicher habe ich die Situation auch überzeichnet. Aber in dieser plakativ-vereinfachten Form war es für mich einfacher, den Kern des Problems zu beschreiben. Ich hoffe, es wird irgendwie verständlich.

      • Ich finde es sehr gut erklärt. Gut, ich bin nicht betroffen, daher kommen mir keine Emotionen in die Quere.Möglicherweise ist es sehr schwer zu akzeptieren, wenn man in der Situation ist und tatsächlich so empfindet.

  2. Anita permalink

    Hallo Ismael,

    ich habe ja bei Autzeit geschrieben, wie Eltern autistischer Kinder wahrgenommen werden, die nicht den Therapie-Unsinn mitgehen.

    Vor 4,5 Jahren bekam unser Ältester seine Diagnose. Er war damals bereits 13,5 Jahre. Warum konnten wir denn „übersehen“, dass er so anders war? Weil er uns so ähnlich ist?

    Für mich galt schon immer, dass es Dinge gibt, die er nicht können muss. Sei es Blickkontakt oder Händeschütteln. Er musste sich auch nicht von jedermann „begrapschen“ lassen müssen. Wenn er also nicht wollte, dann war das für uns in Ordnung. Trotzdem war er höflich und konnte die Tageszeit sagen, wenn er den Raum betrat. Denn dies folgte einer wichtigen Regel und er konnte sie einhalten.

    Der Zeitpunkt, als er es nicht mehr konnte, war, als er immer rigideren sozialen Formen begegnete. Dazu gehörte auch seine eigene Pubertät und die Pubertät seiner Mitschüler. Das damit einhergehende, sich immer mehr verstärkende Mobbing, dass die Umwelt einfach nicht sehen wollte, verschlimmerte es zusätzlich.

    Jedes Mal, wenn irgendwer was „Gutes“ tun wollte, sprach er von Sozialisation nach den Maßstäben der „Norm“.

    Beim Kleinsten haben wir dagegen die „gegenteilige“ Form von Autismus, also das er absolut distanzlos ist und die Grenzen anderer einfach nicht erkennen kann. Er fordert massiv starken Körperkontakt ein. Aber bitte immer nur für einen kurzen Zeitpunkt. Nach seinen Maßstäben. Alles Aufgezwungene führt in den Overload.

    Wie kann sich nun ein Therapeut meinen so verschiedenen Kindern nähern??

    In dem er als erstes versucht, meine Kinder zu verstehen und DANACH auf das jeweilige Kind abgestimmt versucht, MIT dem Kind nach Regeln zu suchen. Wo man was macht und wo man was nicht macht.

    Es ist abhängig vom Kind und von dessen jeweiliger Aufnahmebereitschaft! Also jeden Tag etwas anders!

    Ein Therapeut sollte das Kind ernst nehmen und nicht die jeweilige Therapie über die Bedürfnisse des Kindes setzen!

    Als Ausbildungs- und Weiterbildungsvoraussetzung für Therapeuten, die mit Autisten arbeiten, ist in meinen Augen unbedingt notwendig, dass diese sich mit erwachsenen Autisten auseinandersetzen! Und nicht sich darauf beschränken veraltete Literatur dazu zu lesen.

    Sonst wäre ja das Thema „Kühlschrankmutter“ schon lange vom Tisch.

    Und als ganz wichtig erachte ich, dass Eltern als erstes die Angst vor Autismus genommen werden muss.

    In der Praxis wird allerdings das Gegenteil gemacht.
    Erst „haut“ man den Eltern die Diagnose „um die Ohren“ (RW)
    Dann entlässt man sie bestenfalls mit Medikamenten in die „freie Wildbahn“ (RW).
    Die Eltern flüchten ins Internet und werden aufgrund der Fülle an Informationen „latent“ wahnsinnig.
    Selbst wenn die Eltern dann endlich gefunden haben, wie sie wo an Hilfen kommen KÖNNTEN, dann schlägt der Behördenirrsinn zu.
    Die Eltern werden oft in Therapien gezwungen, die sie nicht wollen, aber mangels Alternativen bleiben sie oft dabei.
    Falls Eltern sich Hilfen von Schulen und dergleichen erwarten, dann müssen sie schon verdammtes Glück haben. Meistens erinnert es eher an Sysiphus-Arbeit, als an sinnvolle Unterstützung.

    Und da man sehr oft den Eltern vermittelt, bisher alles falsch gemacht zu haben, oder alternativ, dass Autisten nicht die richtigen Ansprechpartner wären, geschehen viele Dinge, die nicht notwendig sind.

    Du hast Recht, dass Wissen über Autismus „liegt auf der Straße“ (RW) aber vielen Eltern wird vermittelt, dass es ein „falsches“ Wissen wäre.
    So zumindest kommt es einem vor, wenn man mit „Fach“-Leuten spricht.

    Und Kinder werden von Therapeuten sehr oft nicht ernst genommen.

    Das ist auch ein Grund dafür, dass sich einige Eltern in selbstfinanzierte „Therapien“ stürzen, die in erster Linie nur Geld kosten (cease-Therapie) und in zweiter Linie halt auch gesundheitsgefährdend sind (MMS).

    Es gilt, die Kinder ERNST zu nehmen.
    und
    Es gilt Ängste zu nehmen und die Eltern zu stärken.

    LG Anita

  3. Danke für den Artikel. Gab mir die Idee für einen Artikelauftakt.

  4. Ein sehr guter Artikel und eine naheliegende These 😉

  5. Anita permalink

    Hallo Ismael,

    vielleicht passt dies gerade nicht wirklich hier her

    http://quergedachtes.wordpress.com/2014/10/22/emotionen-die-mir-die-sprache-verschlagen/#comment-2036

    aber

    es zeigt, wie WICHTIG es ist, dass man was tut gegen das Bild, dass viele Eltern vor Augen haben, welches Du so anschaulich beschrieben hast.

    • Danke Anita! ich habe die Twitternachrichten und den aktuellen Blogpost von Aleksander auch gerade gelesen und oben in der Fußnote verlinkt.

  6. Tja, wie war das bei mir? Ich bin 1969 geboren, das vierte Kind, kein Wunschkind. Meine Geschwister sind wesentlich älter. Ich war anders. Ich lernte nicht laufen. Aber sprechen. Sehr früh, wesentlich früher als laufen. Und ich sprach von Beginn an in ganzen Sätzen. Ich reagierte seltsam auf meine Umwelt. Reagierte auf Gegenstände, weniger auf Menschen. War altklug, plapperte aber in der Wahrnehmung anderer in meinen gewundenen Sätzen sinnloses Zeug, „wie ein Papagei“. Bekam Wutanfälle alttestamentarischen Ausmaßes, ohne Grund. „Ohne Grund“, so nahmen es die anderen wahr. Ich erinnere mich an die Gründe: Ein Stuhl stand anders da als üblich. Meine Mutter trug einen neuen, unbekannten Pullover. Ich hatte viele Rituale.

    Meine Eltern waren selbst in den 30er / 40er Jahren aufgewachsen. Hatten kaum Schulbildung. Sie fanden mich unheimlich. Und weil ich auffiel und es nie gut war aufzufallen, so hatten sie es gelernt, hielten sie mich zuhause oder in unserem Garten. Kontakt zu anderen Kindern hatte ich so gut wie keinen. Man konnte mich nirgendwo mit hin nehmen, weil ich mich so seltsam benahm. Der einzige Sozialkontakt außerhalb meiner Familie war die jüngere Schwester meiner Mutter, die auch ein „schwieriges“ Kind gehabt hatte. Im Kindergarten war ich nicht. Meine Eltern hielten mich für einen „kleinen Idioten“ (so der Ausdruck, den meine Mutter gegenüber einer Freundin gebrauchte) und gingen davon aus, dass ich später in eine Sonderschule oder ein Heim für „Schwachsinnige“ müsste. Der alte Kinderarzt meinte nur, dass würde sich eventuell auswachsen und verschrieb etwas zum Gedeihen, weil ich stark untergewichtig war und meine körperliche Entwicklung, vor allem die motorische (Bein)koordination, hinterherhinkte.

    Dann kam der Schultest. Ich war sechseinhalb Jahre alt. Die kognitiven Tests muss ich mit Bravour bestanden haben, ich wurde – zur völligen Verblüffung meiner Mutter – als sehr intelligent eingestuft. ABER: Ich wurde nicht eingeschult, weil meine sozialen Kompetenzen als mangelhaft bezeichnet wurden und ich erst den Umgang mit anderen Kindern lernen müsse. Außerdem konnte ich weder die Uhr lesen noch meine Schuhe zubinden – das hatte mir nie jemand beigebracht. So kam ich in den Spielkreis, eine Art Vorschule, die 2x wöchentlich stattfand und die, so meinte die Ärztin, mich nicht überfordern würde. Hab mich da zu Tode gelangweilt und fand andere Kinder irgendwie seltsam & undurchschaubar. Seltsamerweise fanden mich andere Kinder immer interessant, weil ich gut erzählen konnte. Ich fand andere Kinder meist banal und schloß mich lieber Erwachsenen an.

    Dann kam ich in die Schule. Und lernte schnell, sehr schnell. Ich lernte in irre kurzer Zeit lesen, und damit öffnete sich endlich ein Tor zur Welt für mich. Ich las, las, las, nichts anderes interessierte mich, abgesehen vom alleindraußensein in der Natur. Zuhause? Das war ein Kampf. Ich war froh, als ich nach dem Abitur endlich gehen konnte. Ich, die Idiotin.

    • Danke für diese eindrückliche Schilderung, liebe D.
      Es ist erschütternd. Ob deine Kindheit anders verlaufen wäre, wenn deine Eltern über Autismus Bescheid gewusst hätten?
      Was ich bemerkenswert finde, ist, dass die anderen Kinder in der Spielgruppe dich interessant fanden. Offensichtlich sind Kinder viel unbefangener, so lange sie nicht von Menschen mit Vorurteilen beeinflusst werden.
      Wie kommst du heute mit den Menschen in deiner Umgebung klar?

      • Schwierig. Ich bin nach wie vor sehr in mich vertieft und lese meine Umgebung (auch die Menschen darin) so, wie ich Bücher lese. Ich schlage sie auf und schlage sie zu, wie ich es möchte. Ich analysiere gern und andere erfragen meine Einschätzung, weil ich sachlich bleibe und unparteiisch. Aber eben auch distanziert und nur zu sporadischen (dann aber intensiven) Kontakten fähig. Damit haben andere mehr Probleme als ich, soweit ich weiß. Ich bin gut darin, mich unsichtbar zu machen und vermeide Blickkontakte. Nähe mag ich nicht und „Gefühle“ sagen mir oft nichts.

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  1. Markierungen 10/21/2014 - Snippets
  2. Ein sehr guter Text, der es wert ist, dass man ihn liest | Sunnys Space

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