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Liebe, Zärtlichkeit, Irritationen.

29. Oktober 2014

In ihrem Blogpost „Beziehungsfrage“ erzählt autzeit, dass von neurotypischen Seminarteilnehmern häufig die Frage kommt, ob Autisten Beziehungen – gemeint sind Liebespartnerschaften – eingehen könnten. Und, sobald das Vorurteil über die angebliche Liebesunfähigkeit ausgeräumt ist, käme als nächstes die Frage, wie es denn in so einer Partnerschaft mit Berührungen, also mit  Zärtlichkeit ginge. Das scheint den Neurotypischen ein Rätsel zu sein.

Umgekehrt lese ich aus dem Artikel die Verwunderung darüber heraus, wie sehr für uns Neurotypische Liebe und körperliche Zärtlichkeit miteinander verknüpft sind. Die „Kuschelfrage“ war für das Publikum des Seminars so wichtig, dass sie andere Aspekte des Themas Freundschaft und Liebe (z. B. „Wie kann ein Autist Kontakte knüpfen?“) völlig verdrängte.

Irritation also auf beiden Seiten.

Das erstere, also die Fragerichtung der Neurotypischen, lässt sich, glaube ich, leicht erklären. Viele kommen mit der Fehlinformation, Autisten hätten ein generelles Desinteresse an Mitmenschen. Zumindest hatte ich früher dieses Vorurteil. Auch die erste nähere Beschäftigung mit der Thematik ist zunächst sehr ausschnitthaft auf wenige markante Teilaspekte beschränkt. Vornehmlich sind es die Themen, die das soziale Miteinander betreffen, denn damit befassen sich die NTs sowieso den lieben langen Tag. Einmal aufgeweckt von der neuen Botschaft, dass Autisten eben doch Freundschaften schließen und Liebesbeziehungen eingehen, folgt nun der Ablgeich mit ihrer eigenen Lebenswelt. Es erschreckt die Neurotypischen, wenn sie merken, wie viel bei ihnen so selbstverständlich ist, für Autisten aber in der Regel nicht: Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mit Feiern, Parties, großen Events und beiläufigen Smalltalk… Und wenn dann trotz dieser Hürden doch zwei ihre Sympathie und vielleicht auch Liebe zueinander erkennen, dann soll nicht einmal ein Kuss oder ein tröstend den Arm um die Schulter legen möglich sein?

Dass Zärtlichkeit überhaupt nicht möglich sei, ist, wie wir aus Blogposts von autzeit, BloO , girlfromouterspace und anderen wissen, ein Vorurteil. Zumindest ist es das in dieser generalisierten Form. Gestern stieß ich auf den Artikel einer Autistin, die sich als Kind sehnlichst ein zärtliches Zeichen der Nähe von ihrer Mutter gewünscht hatte. Wer sich von wem in welchen Situationen auf welche Weise berühren lassen mag, ist also eine sehr individuelle Sache, und das gilt zweifellos nicht nur für Autisten.

Aber so eine differenzierte Sicht entsteht wohl erst in einem persönlichen Kontakt und nicht bei einer allgemeinen Erstinformation. Zunächst einmal ist da der Eindruck von dem für so exotischen Thema körperliche Berührung, das sofort mit der für NTs allgegenwärtigen Beziehungsfrage verknüpft wird. Und diese Problematik wird nun mal in der intensivsten Form der Beziehung, der partnerschaftlichen Liebe, am deutlichsten.

Warum aber scheinen Liebe und Zärtlichkeit so untrennbar miteinander verknüpft zu sein, so dass das Eine kaum ohne das Andere gedacht wird?

Ich möchte versuchen, mich dem von einer anderen Seite aus anzunähern. Freilich ohne die Erwartung, dass dann alles geklärt wäre. Eher im Gegenteil, ich rechne mit einer lebhaften Diskussion.

Es ist eine Weile her, als mich eine Autistin um meine Einschätzung zu einem Streit mit Freunden bat. Sie hatte behauptet, dass Sexualität die Partner befriedigen solle (den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr im Kopf), und das hatte ihr heftigen Widerspruch, aber keine Klärung seitens ihrer Gesprächspartner eingetragen. Deswegen fragte sie mich. Zunächst verstand ich die Situation nicht. Na klar, meinte ich, natürlich sollen die Partner (beide!) dabei erotische Erfüllung finden, das ist doch selbstverständlich.

Es zeigte sich aber, dass es um etwas Anderes ging. Nämlich darum, ob das erotische Erlebnis der einzige Grund für das sexuelle Zusammensein wäre. Wobei wir  den Aspekt „Kinderkriegen“ jetzt mal bei Seite lassen wollen, denn das wäre wieder ein anderes Thema. Es schien so, als wären die Freunde meiner Bekannten darüber empört, dass sie etwas ganz Wesentliches außer Acht gelassen hätte. Was das war, konnten sie aber nicht artikulieren. Und ich durfte nun darüber spekulieren, worum es ihnen ging. Wobei mir etwas deutlich wurde, über dass ich so noch nicht nachgedacht hatte. (Deswegen liebe ich unkonventionelle Fragen! 😉 )

Ich meine, dass es ihnen um die Bedeutung der Sexualität für die Beziehung selbst ging. Von beiden gewollte und als schön erlebte Zärtlichkeit ist nicht nur das Ergebnis einer gelungenen Partnerschaft, sondern sie festigt umgekehrt auch die Bindung der Partner untereinander, sie intensiviert die Liebe selbst. Auch außerhalb des Schlafzimmers. Nun denke keiner, ich meinte damit einen plumpen Handel im Sinne von „Wenn du mir treu bist, gibt’s zur Belohnung ’ne tolle Nummer!“ Nein, so was nicht!

Wer einige ältere Blogposts von mir gelesen hat, der ahnt bestimmt schon, was jetzt kommt. Es geht mal wieder um die Spiegelneuronen. Sie steuern das Gemeinschaftsempfinden. Durch gemeinsames Handeln werden sie stimuliert und lösen in Rückkopplung auch wieder gemeinsames Handeln aus. Im Kleinen, wie dem gleichzeitigen Trinken beim Kaffeekränzchen oder beim Bierabend und im Großen, beim im Chor Gröhlen von Fußballfans.  Und megaintensiv arbeiten Spiegelneuronen natürlich in der erotischen Ekstase zweier Liebender.

Umgekehrt: Viele Beziehungen zerbrechen, wenn nur ein Partner (oder keiner von beiden!) die Sexualität als lustvoll erlebt. Wenn z. B. sie nur gelangweilt abwartet, bis er „fertig“ ist (O-Ton einer Bekannten) – oder netterweise wenigstens einen Orgasmus vortäuscht.

Den Freunden meiner obigen Gesprächspartnerin dürfte das Lusterlebnis um seiner selbst willen, das es ja auch  bei einem one-night-stand gibt oder bei Prostituierten als Konsumartikel zu haben ist, zu flach vorgekommen sein. Daher ihr Protest.

Ich denke, wir haben jetzt auch zumindest eine These dafür, warum den Seminarteilnehmern von autzeit das Thema Zärtlichkeit so elementar für das Gelingen einer Partnerschaft erschien, dass sie es gar nicht aus ihren Gedanken ausblenden konnten.

 

 

 

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From → Verhaltensweisen

One Comment
  1. Dieser Text lässt mit seinen wahllos wirkenden Beispielen einen roten Faden, eine schlussendliche Aussage, einen tatsächlichen Zielpunkt vermissen, sondern macht vielmehr den Eindruck einer Rechtfertigung für einen dezenten Voyeurismus.

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