Skip to content

Chat als Chance.

5. November 2014

In meiner Studienzeit war ich mit einem jungen Ehepaar, Pia und Daniel*, befreundet. Wir trafen uns oft, aber irgendwann zogen sie um, ich ging auf Studienreisen und machte mein Examen, – wir verloren einander aus den Augen.

Nach einigen Jahren traf ich Daniel wieder. Sein Sohn – ich hatte den kleinen Martin noch als Baby in Erinnerung – war inzwischen zehn Jahre alt geworden. Und wie alle stolzen Papis erzählte Daniel, was Vater und Sohn denn so zusammen machten. Z. B. dass sie beide ihre Computer im Hobbykeller des neuen Hauses aufgebaut und sich gegenseitig E-mails geschrieben hätten. Martin sei ja Autist, und das hätte ihm riesig Spaß gemacht.

„Ah ja, schön!“ sagte ich, konnte aber selbst nicht richtig etwas damit anfangen. Die saßen also beide im selben Raum, jeder vor seiner Kiste, und schickten einander E-Mails. Damals, zu der Zeit, als Mark Zuckerberg noch in die Windeln machte und das Wort „Internet“ gerade erfunden wurde, war das noch teuer. Mails wurden einzeln abgerechnet. Aber Daniel, nach dem Hauskauf extrem knapp bei Kasse, gönnte seinem Sprössling das Vergnügen.

Und was, um Himmels Willen, sollte das mit Autismus zu tun haben? Den Begriff hatte ich schon mal gehört, wusste aber nicht, was das bedeutet. Keine Ahnung, was diese beiden early nerds an ihrer Computerspielerei gefunden haben.

Das begriff ich erst Jahrzehnte später, als ich selbst per Internet mit einer Autistin in Kontakt kam. Wie es dazu gekommen ist,  hatte ich ja schon mal erzählt:

In einer christlichen Webcommunity, in der ich damals schrieb, entdeckte ich den Blogeintrag einer Autistin. Das Kartenhaus meiner rudimentären Vorstellungen wurde kurzerhand weggepustet. Die Tatsache an sich, dass die junge Frau ein Weblog begann, zeigte, dass sie kommunizieren wollte. Andere Leute waren also doch nicht egal. Und ihr Stil war alles andere als lexikalisch-nüchtern, wie sonst immer behauptet wurde. Er war farbig, ausdrucksvoll, facettenreich, voll von Emotionen.

Also: Reset, – ich wusste nichts über Autismus!

Aber ich konnte fragen. Bereitwillig erzählte die Bloggerin von ihrer “Glasinnenwelt”, wie sie es nannte. Von ihrer Wahrnehmung von uns außerhalb der Glaswand: gesichtlose graue Schattenmenschen meistenteils, ein paar ganz wenige Farbmenschen, zu denen sie Zugang fand. Von ihrem Hund, der in beiden Welten zu Hause war.

Auch sie stellte Fragen an mich: Was ist Neid, was ist Eifersucht? Warum verhält sich ein bestimmter Mensch in dieser oder jener Situation soundso? Wir fragten und antworteten einander völlig wertfrei, ohne jegliches “ach was bist du blöd, dass du das nicht weißt!”

So entwickelte sich eine Web-Freundschaft, die wir auch nach Schließung jener Community fortsetzten.

Das Interessante daran ist, das wir uns auf anderem Wege wahrscheinlich nie kennengelernt hätten. Wohl selbst dann nicht, wenn wir in der gleichen Straße gewohnt hätten oder uns aus anderen Gründen häufiger über den Weg gelaufen wären. Ich wäre für sie eine graue, gesichtslose Schattengestalt geblieben. Und auch ich hätte die junge Frau trotz ihres hübschen Aussehens ohne einen netten Blick oder ein Lächeln ihrerseits nicht weiter zur Kenntnis genommen.

Aber so begegneten wir einander ohne Rücksicht auf Äußerlichkeiten, ohne die Rituale gesellschaftlicher Konventionen, ohne den Stress von Mimik und Gestik, Tonfall oder Stimmlage. Unsere Kommunikation war reduziert auf die nüchterne Arial-Schrift des Instant-Messengers. Aber deshalb war sie nicht weniger intensiv als ein persönliches Gespräch. Vielleicht war sie sogar intensiver, weil wir alles, was wir mitteilen wollten, ganz bewusst in Worte fassen mussten. So war nichts zufällig oder flüchtig. Vielleicht war es genau das, was für Daniel und Martin damals auch wichtig war, als sie einander E-Mails schickten.

Skeptiker mögen einwenden, dass so eine Kommunikation in Bits und Bytes keine Emotionen zulasse, dass der Austausch von technischer Kälte geprägt wäre. Dem ist aber nicht so. Irgendwann fragte ich meine Chatpartnerin, ob die Glaswand, die nach ihrer Wahrnehmung Autisten und Nichtautisten trennte, semipermeabel sei. Es schien, als käme mir über den Computerbildschirm ein Strom von Herzlichkeit und Wärme entgegen!

Warum erzähle ich das?

Weil ich die Kommunikation via Internet für eine noch immer unterschätzte Möglichkeit der Begegnung von Autisten und Nichtautisten halte. Deshalb möchte ich dafür werben. Wer die Computer-Affinität vieler Autisten kennt, wird das für müßig halten. Längst sind sie intensiv im Web präsent und bestens untereinander vernetzt. Dass sie sich auf Foren auch mit neurotypischen Liebhabern ihrer Spezialinteressen austauschen, steht außer Frage.

Aber wie sieht es in anderen Bereichen aus?

Immer wieder lese ich Klagen darüber, dass Arztpraxen nicht oder nur schlecht per E-Mail zu kontaktieren seien. Und, einmal im Behandlungszimmer, wird vieles nicht gesagt, was gesagt werden sollte. Zu viel lenkt ab, der Doc macht mit Blutdruckmessen, Herumtasten und Abhorchen Stress, – wenn dann noch selektiver Mutismus hinzu kommt, ist ganz Schluss. Da gibt es, zumindest teilweise, auch andere Wege. Warum nicht ein Vorgespräch und die Anamnese in Ruhe per Mail abwickeln?

Janina Bürger schrieb in ihrem Blog:

Nach unzähligen, gescheiterten Therapieversuchen habe ich 2011 einen Therapeuten kennengelernt, der mir die Möglichkeit bot, ihm zu schreiben. Ich denke für Autisten gibt es nichts besseres, denn kaum einer von uns ist doch in einem persönlichen Gespräch in der Lage, seinem Gegenüber ganz klar seine Problematiken aufzuzeigen.

Ein kreatives Beispiel dafür, wie es gehen kann, ist in dem Blog  Seinsdualität / Eine Welt – zwei Wahrnehmungen  mit einer intensiven E-Mail-Konversation zwischen einem Therapeuten und seiner autistischen Klientin dokumentiert.

Auch für die Schule sehe ich Chancen. Warum soll ein Autist nur deshalb keine Kontakte knüpfen können, weil er mit den Machtspielchen, dem Gefrotzel und den Blödeleien seiner Mitschüler nicht klar kommt? Freilich, wer sich das Gelaber und gegenseitige Gespött von Heranwachsenden z. B. bei Facebook ansieht (ich habe es getan), der wird sagen: Im Internet ist es auch nicht besser als auf dem Schulhof. Eher schlimmer, Mobbing ist in Web-Communities besonders krass. Aber, so glaube ich, nur dann, wenn der Mob, die Meute dort geballt auftritt und wenn jeder meint, sich vor den anderen beweisen zu müssen.

Ich formuliere mal die These, dass dieses widerliche Ausfechten von Hackordnungen wegfällt, wenn es zu einer Eins-zu-Eins-Begegnung kommt. Jedenfalls war das bei uns früher so. Zwar gab es damals noch kein Internet, aber die Mechanismen waren die gleichen. Als Rotte pubertierender Fieslinge machten wir in der Klasse jeden Lehrer fertig, der sich eine Blöße gab. Nachmittags in der kleinen Arbeitsgemeinschaft brachten wir dem gleichen Lehrer die allerbeste Wertschätzung entgegen. Denn dort mussten wir uns nicht vor anderen als den starken Macker aufplustern.

Wenn meine These richtig ist, dann folgt nun die Frage, wie so ein vor der Meute geschützter, nach Interessen ausgerichteter Austausch im Web (in einem weiteren Schritt dann vielleicht auch persönlich) zwischen einigen Wenigen zustande kommen kann. Die wenigen Autisten in einer Regelschule müssen ja erst einmal interessierte und aufgeschlossene Mitschüler finden können, die dafür bereit sind. Dabei wäre evtl. die Unterstützung der Pädagogen gefragt.

Genug nachzudenken.

____________________

*Alle Namen geändert.

Advertisements
6 Kommentare
  1. Anita permalink

    Innerhalb einer Klassengemeinschaft hat der/die autistische Schüler/in meist schon Glück, wenn ein Mensch dazwischen ist, der den Autisten akzeptiert.

    Öfter funktioniert es stufen-übergreifend.

    Das kann leider kein Lehrer steuern oder anleiten.

    Da meine drei ältesten Kinder ja bereits auf der weiterführenden sind und sich auch im Netz ausprobieren, habe ich da schon etwas Erfahrungen aus der Beobachtung gemacht.

    Die größeren Portale eignen sich nur bedingt zum Austausch. Da geht es tatsächlich nur über einzelne spezielle Interessen, dass ein Kontakt sich vertieft.

    In der pubertären Phase ist Kommunikation auch per Web „latent“ schwierig. Da die Interessenlage zur Peer-Group sehr stark variiert. So ist eher der Kontakt zu Älteren oder Jüngeren zu beobachten. Dies sollte aber auf jeden Fall von den Eltern gut geschützt und beobachtet sein. (bitte NICHT als Bewachung verstehen, aber im Fall des Kontaktes zu wesentlich Älteren ist halt einfach Vorsicht geboten, da sollten die Eltern mit den eigenen Kindern klare Regeln besprechen. Ist im Fall autistischer Jugendlicher nochmal einen Ticken wichtiger!)

    Aber was ich bestätigen kann, dass auch ich mich zum Teil per Mail mit meinen neben mir sitzenden Kindern unterhalten habe. 😉

    • Was die großen Portale angeht, gebe ich dir Recht. Was ich dort unter 16/17jährigen beobachtet habe, war alles andere als eine intelligente Internetnutzung.
      Ich dachte auch eher an schulinterne Netzwerke.

      Deine Beobachtung, dass es eher Kontakte zu Älteren oder Jüngeren gibt, finde ich sehr interessant!

      • Anita permalink

        Naja, ist eigentlich recht einfach.

        Ein Pubertierender muss sich bei einem älteren Menschen nicht zwingend verbiegen und es wird keine Konformität erwartet. Und jüngere Menschen brauchen den Gleichheitszwang noch nicht.

        Schulinterne Netzwerke habe ich noch nicht kennengelernt. Leider aber Lehrer, die Whatsapp, Dropbox oder FB als Möglichkeit nutzen, Kopierkosten zu senken. Innerhalb dieser Gruppen gibt es den gleichen Mist, wie auf dem Schulhof.

        Was mir aufgefallen ist, dass es über einige Spielekonsolen mit sozialen Spielen, die Möglichkeit des Vernetzens gibt und da die Kommunikation über das Spiel hergestellt wird. Und da ist das Alter dann wieder „fast“ egal.

        Die Erwartung, dass man unbedingt in Kontakt zu PeerGroup stehen muss, um sozial etwas zu lernen oder zu verstehen, finde ich persönlich übertrieben. Ebenso die Vorstellung, dass man unbedingt mit der direkten Nachbarschaft in einem persönlichen Kontakt stehen muss, damit „alles Gut“ ist.

        Das ist eine Vorstellung/Erwartung von Menschen, denen es leicht fällt, „mit dem Strom zu schwimmen“ (RW). Nach deren persönlicher Vorstellung verpasst man etwas, wenn man dies nicht tut.

        Aber ist dem wirklich so?

        Da wird das persönliche Erleben einzelner NT’s über das der anderen Menschen erhoben und als Norm deklariert.

        Mein Ältester zB kann über das Netz wesentlich ruhiger mit anderen (sogar Gleichaltrigen) kommunizieren. Dies ist aber über ein Online-Spiel entstanden. Wir haben damals noch SVZ ausprobiert. Die Katastrophe war eigentlich vorprogrammiert.

      • Hallo Anita!

        Was die Peer Group betrifft, so bin ich mit dir einer Meinung. Jedenfalls dann, wenn es sich dabei um das handelt, was ich oben als Meute oder Rotte bezeichnet habe: ein hierachisches Gefüge in einer Klasse, wo einige den Ton angeben und wo der jeweilige Main Stream, manchmal auch Subkulturen geprägt werden.

        Meine Idee war ja deshalb, Kommunikationswege und Kontaktmöglichkeiten außerhalb dieser Strukturen zu erschließen.

        Ein Beispiel aus meiner Jugend, also vor der PC- und Handy-Ära. Da traf sich die dominante Gruppe von Schülern in der Pause auf dem Schulparkplatz und dikutierte darüber, wie man ein Mofa „frisiert“. Mit aller Angeberei und dem Getue, was dazu gehört. Daran hatte ich keinen Anteil, da war ich, um es im Soziologendeutsch der damaligen Zeit zu sagen, „outgroup“.

        Daneben gab es ein paar Schüler, die eine ganz andere Kultur pflegten. Die feierten z. B. am Nachmittag(!) einen Geburtstag mit ganz wenigen mit einem kleinen Schachturnier oder erzählten sich im Winter, beim Tee(!) um eine Kerze sitzend, Gruselgeschichten. Da war ich dann dabei, anerkannt und mit meinen Wesenzügen akzeptiert. Dabei gab es zwischen beiden Gruppen durchaus Überschneidungen. Und mit diesen Überschneidungen übertrug sich die Wertschätzung mir gegenüber auf den ganzen Klassenverband. Ich war, was die Mofa-Freaks anging, zwar „outgroup“, aber deswegen noch lange nicht „outcast“.

  2. kann ich bestätigen. Ich war schon in der Schule immer lieber bei den Lehrern als bei Mitschülern. War der kleine Professor, der lieber übers Fach geredet hat als das das Typische, über das Mitschüler redeten. Gleichaltrige, das war Konkurrenz, bzw. sich ständig messen müssen. Sich mobben lassen über Jahre hinweg.

    Ich würde es begrüßen, könnte man mit Behörden und speziell Ärzten über E-Mail kommunizieren. Wenigstens beginnen, und dann per Telefon da anknüpfen, was man vorher geschrieben hat.

    Chat sehe ich zweischneidig. Ich chatte seit zwölf Jahren, und Missverständnisse passieren genauso über Chat wie im Alltag. Die nonverbale Informationen nicht immer korrekt interpretieren können bedeutet nicht zwangsläufig, dass komplett nonverbaler Austausch problemlos verläuft. Ich bin auch schon über Chat schwer getäuscht worden, habe wahre Absichten nicht erkannt. Man verrennt sich auch leichter in etwas bzw. jemanden, interpretiert die Zeilen anders als sie gemeint sind. Es ist sicherlich eine andere Form des Austauschs, des sich Kennenlernens, weil man gegenseitig absteckt, wo die Interessen liegen, wo man sich überschneidet, sich dann vielleicht im *real life* kennenlernt, und wenigstens Anknüpfungspunkte hat. Da die Smalltalkfähigkeit fehlt, ist das ein entscheidender Pluspunkt. Denn meist fehlt der Mut, jemand Fremdes anzureden, den „Aufhänger“ zu finden, um ins Gespräch zu kommen. Das geht übers Internet viel leichter. Manipulierbar ist man leider auch leichter. Achtsam sein ist genauso wichtig.

    • Hallo Forscher,
      du schreibst:
      „Wenigstens beginnen, und dann per Telefon da anknüpfen, was man vorher geschrieben hat.“
      Ich denke, es sollte sich bei Behörden und Ärzten herumsprechen, dass auch das oft nicht geht. Manche Autisten können eben nicht telefonieren oder es fällt ihnen schwer. Und das sollte man vorher völlig wertfrei abklären.

      Was das Chatten betrifft, so war bei mir von Vorteil, dass ich von vorn herein wusste, dass meine Chatpartnerin Autistin ist. Sie hat mich auch gleich über bestimmte Besonderheiten, z. B. Konkretismus, aufgeklärt. Daraus ergaben sich dann gleich die Spielregeln für den Umgang miteinander.

      Zu diesen Spielregeln gehört, nur das zu schreiben, was man wirklich meint.
      Also auf Ironie oder Sarkasmus zu verzichten oder zumindest darauf hinzuweisen. Ob ein etwas freierer Umgang mit der Sprache möglich ist, ergibt sich beim näheren Kennenlernen.

      Eine weitere Regel: geduldiges Nachfragen, wenn etwas nicht verstanden wurde, Präzisieren, Korrigieren. Alles ohne Wertung. Ich lasse mir häufiger mal Fachtermini oder Abkürzungen erklären, die mein Gegenüber verwendet. Und von dort kommt gelegentlich die Frage. „Wie definierst du…?“
      Übrigens: Auch Emoticons brauchen manchmal eine Erklärung.

      Damit fahren wir eigentlich sehr gut. Und ich würde mir solche Regeln auch unter NTs sehr wünschen.

      Aufrichtigkeit ist natürlich eine Grundvoraussetzung. Leider ist das nicht selbstverständlich. Manchmal versuchen irgendwelche Mieslinge mit fiesen Absichten gerade an Leute heranzukommen, die sie für irgendwie labil halten (ich könnte Beispiele nennen). Deswegen wäre es für wenig routinierte User (egal ob Autist oder nicht) gut, wenn es für solche Experimente zunächst einen geschützten und evtl. moderierten Rahmen gibt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: