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Die Neurotypischen aufklären! Aber wie?

10. November 2014

Gerade las ich einen Beitrag im Blog Denkmomente. Die Autorin Marion Schreiner schildert darin das Problem, mit ihren Bedürfnissen als Autistin nicht ernst genommen zu werden. Auch dann nicht erst genommen zu werden, nachdem die Diagnose klar war, oft auch nicht im eigenen Freundeskreis und in der Familie. Sie schreibt:

Das schlimmste Gefühl auf der Welt ist, wenn einem nicht geglaubt wird. Während meiner Recherchen zu dem Syndrom und Gesprächen mit Ärzten und Therapeuten, versuchte ich mich mit meinen Problemen meiner entfernteren Familie und meinem Freundeskreis mitzuteilen, traf aber auf wenig Verständnis. Sie verstanden nicht, warum nicht weiterhin so funktionieren konnte wie früher. Nur wenige setzten sich mit mir und meinem Problem auseinander und sind heute noch eng befreundet mit mir. In anderen Kreisen höre ich hinten herum schon wieder den Satz „Die simuliert doch nur. Die war schon immer komisch“.

Spontan dachte ich, man müsste die Freunde, die Familie und die Nachbarn doch einfach informieren. Ihnen schlicht und einfach erklären, was los ist. Wenn man als Autist selber weiß, warum man so ist, sollte das doch kein Problem sein. Ist es aber offensichtlich doch! Aber warum?

Offensichtlich ist es schwer, als Zeuge für sich selbst glaubwürdig zu sein. Obwohl es für den eigenen Autismus und das eigene Erleben keinen besseren Experten gibt als den jeweiligen Autisten selbst. Aber die Erwartungshaltung des neurotypischen Umfeldes, dass alles „normal“ zu sein habe, scheint zu hoch zu sein. Von einem Autisten, der bisher relativ unauffällig war, wird seitens seiner Bekannten gefordert, „sich nur ein bischen anzustrengen“. Wahrscheinlich deshalb, weil die Neurotypischen es für zu anstrengend halten, ihre eigenen eingefahrenen Sichtweisen aufzugeben.

Noch problematischer wird es, wenn Autisten eine ungewöhnliche, von körperlicher, emotionaler und sexueller Misshandlung geprägte Biographie zu erzählen haben (Beispiel hier). Hier ist es nicht nur die Konfrontation mit den Tätern, die ihre Schuld bagatellisieren und damit das Opfer als Lügner hinstellen wollen. Es ist oft auch die schlichte Unvorstellbarkeit des Grauens, das einen Zuhörer sagen lässt, „so etwas könne doch gar nicht wahr sein“. Da nehme ich mich selbst nicht einmal aus. Dazu hier in den Kommentaren eine kleine Diskussion.

Vielleicht ist es in einer solchen Situation nötig, fremde Quellen heranzuziehen. Unabhängige Quellen, die sagen: „So etwas gibt es doch! So etwas gibt es in deiner Nähe, in deiner Nachbarschaft, – es ist real!“

Dabei gehe ich davon aus, das die nötigen Informationen vorhanden sind: hochinformative Blogs, Biographien, immer auch mal wieder ein Beitrag im Fernsehen. Nur kommen auch diese  Informationen nur ungenügend bei bei den Adressaten an, sonst wäre die Situation ja anders.

Aber schauen wir uns die Medien mal genauer an:

Rundfunk und Fernsehen

Fernsehbeiträge sind meistens kurz, können also nicht in die Tiefe des Themas gehen. Die Magazinsendungen, in denen sie untergebracht sind bzw. Talkshows erreichen nur ein bestimmtes Publikum, aber wohl weniger die breite Öffentlichkeit. Manchmal sind sie so von der Persönlichkeit eines dort vorgestellten Autisten geprägt, dass ein Zuschauer vielleicht gar nicht darauf kommt, das auch die Mami von nebenan gemeint sein könnte. Damit möchte ich den Wert solcher Beiträge nicht in Frage stellen. Nur darf man keine all zu große Breitenwirkung von ihnen erwarten. Jedenfalls nicht direkt. eher dadurch, dass die wenigen Zuschauer selbst als Multiplikatoren dienen, wenn in ihrem Umfeld mal das Thema Autismus aufkommt.

Radiobeiträge sind in der Regel noch kürzer. Private Sender trauen sich kaum noch, Textbeiträge mit einer Länge über 100 Sekunden zu bringen. Mehr als ein paar gängige Klischees lassen sich da nicht unterbringen. Für längere Beiträge in kommunalen Sendern oder öffentlich-rechtlichen Informationsprogrammen gilt das Gleiche wie für das Fernsehen: es wird nur ein bestimmtes Milleu erreicht.

Bücher

Bücher, insbesondere wenn sie fachlich oder biographisch gehalten sind, erreichen auch nur diejenigen, die darauf gestoßen werden oder sich sonstwie für die Thematik interessieren. Dafür gehen sie sehr in die Tiefe. Und es gibt sie für fast alle Alters- und Zielgruppen, vom Kindergarten bis zum Facharzt. Das Dumme: Sie kosten Geld, man muss sie anschaffen. Und dann gezielt verschenken oder verleihen.

Für ein durchschnittliches erwachsenes Publikum, also nicht speziell für eine bestimmte Berufsgruppe, würde ich „Menschen mit Meer“ von Alex Hofmann empfehlen. Es liest sich leicht, hat keinen belehrenden Ton und vermeidet durch die Vielfalt der vorgestellten Personen Klischees und Vorurteile.

Bei Jugendlichen dürfte „Schattenspringer“ von Daniela Schreiter gut ankommen.

Als Geschenk Ideal wäre natürlich Belletristik mit autistischen Protagonisten, sofern diese authentisch und nicht all zu strange dargestellt werden. Da kenne ich mich allerdings nicht aus und bitte um Empfehlungen.

Blogs

Und von Autisten geschriebene Webblogs? Ich halte sehr viel von ihnen! Sie sind hochinformativ, auf Grund persönlicher Erlebnisse anschaulich und authentisch! Aber wer liest sie? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich ist es nur ein Internet-affines Publikum. Am Bildschirm zu lesen, ist auch nicht jedermanns Sache. Untereinander sind autistische Blogger durch Links und gegenseitige Kommentare bestens miteinander verknüpft. Aber es reicht ja nicht, dass Autisten für Autisten schreiben, so gut gegenseitige Ermutigung und Unterstützung auch ist. Wie führt also der Weg aus dem Insider-Netzwerk nach außen? Auch über benachbarte Thematiken (Depression, Borderline-Syndrom usw.) hinaus? In wie weit wird in die von Neurotypischen frequentierte Sphäre verlinkt, so dass sie darauf stoßen? Vieleicht könnt ihr BloggerkollegInnen ja mal eure Erfahrungen beisteuern!

Bei den Ergebnissen von Suchmaschinen (Suchbegriff „Autismus“) rangieren Blogs ziemlich weit hinten, z. B. „Quergedachtes“  bei mir grad mal auf Platz 59 (startpage/google). Die Info-Blöcke der vorher angezeigten Sites, meistens Hilfseinrichtungen, sind in der Regel knapp, nüchtern und wenig erhellend. Es nützt also wenig, jemanden zu bitten, mal „Autismus“ zu googeln. Ohne einen konkreten Anlass tut das sowieso niemand. Wenn man einen bestimmten Menschen sensibilisieren möchte, sollte man ihm einen ganz gezielten Link zu einem ganz bestimmten Beitrag schicken.

Ich bin den Texten einer Autistin – und damit auch ihr selbst – zum ersten Mal an einem unvermuteten Ort begegnet. Das war in einer seinerzeit promineten kirchlichen Web-Community. Also nicht die kleine Insel eines individuellen und mit irgendeinem ASS-Label etikettierten Blogs, denn darauf wäre ich von mir selbst nie gekommen. Das kam erst, als mein Interesse an diesem Menschen(!) geweckt war und ich mehr wissen wollte.

Es gilt, das Thema auch außerhalb der spezifischen Autistenblogs zu plazieren. Mit Beiträgen und Links auf inhaltlich breiter angelegten Websites oder in dem man sein eigenes Blog thematisch vielseitig anlegt. Dafür gibt es ja prima Beispiele.

***

So, als Mediencoach brauche ich mich nach diesen drögen Erörterungen wohl nirgendwo mehr zu bewerben. 😉 Es ging mir auch eher um ein persönliches feedback als gewöhnlicher neurotypischer Muggel. Und um Impulse für einen Erfahrungsaustausch.

Aber eines noch:

Bitte macht weiter! Schreibt weiter Blogposts und Bücher!

Aber schreibt nicht nur, um euch euer eigenes Schicksal von der Seele zu erzählen, sondern schreibt für uns, die Neurotypischen! Und schreibt für eure Schicksalsgenossen, die eure Geschichte brauchen, um anderen und sich selbst ihr Leben zu erklären!

Macht euch bemerkbar!

Würfel4

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5 Kommentare
  1. kleiner Hinweis: Autismus zu googeln dürfte wenig hilfreich sein, aber wenn nach „Blogs zu Ausitmus“ gegoogelt wird, stößt auf mehrere Ergebnisse – als erstes Quergedachtes 😉

    • Guter Tip! 🙂
      Nur um auf diesen Gedanken zu kommen, muss man schon wissen, dass Blogs wesentlich authentischer geschrieben sind als lexikalische Kurzartikel auf anderen Sites. Dass sie das Erleben viel persönlicher und lebendiger rüberbringen. Jemandem, der nicht in der Bloggosphäre zu Hause ist, muss das wohl erst gesagt werden, um ihn da heranzuführen.

  2. Aber zumindest schon mal ein besserer Tipp für „Neuinteressierte“ – wie oft haben Angehörige und Autisten, bei denen gerade erst die Diagnose gestellt wurde soooo viele Fragen und diesen kann man dann zumindest schon mal die Blogs ans Herz legen 😉

  3. Silke permalink

    Ich bekam von einem Mitarbeiter einer Kölner Behindertenwerkstatt, den Tipp eine Art „Ich-Flyer“ zu machen. Man stellt sich vor, erklärt wozu der Flyer da ist, erzählt was man hat und erklärt, wie sich das im Alltag auswirkt. Dann kann man noch ein paar Begriffe und typische Missverständnisse erklären. Zum Schluss evtl. noch der Hinweis man stehe für Rückfragen zur Verfügung und die Bitte, den Flyer entweder zurückzugeben oder vor dem Entsorgen zu schreddern, falls man ihn nicht behalten wollte (wg. Datenschutz).

    Natürlich muss man immer im Einzelfall abwägen, wem man das offenbaren möchte. Ich mache es nur da, wo es notwendig und sinnvoll erscheint. Meine bisherigen Erfahrungen damit sind jedoch positiv (z. B. in der KiTa, die meine Tochter besucht).

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