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Freundschaften pflegen.

14. April 2015

„Welches sind ihre zehn besten Freunde?“

Diese Frage, so heißt es, werde gelegentlich in Einstellungsgesprächen gestellt. Offensichtlich wollen die Personaler damit irgendetwas über die soziale Kompetenz der Jobbewerber herausfinden. Irgendwo hatte ich es schon mal geschrieben: Ich wüsste gar nicht, ob ich überhaupt zehn Freunde nennen könnte. Geschweige denn zehn „beste“ Freunde und dazu noch andere. Vielleicht liegt es an meiner norddeutschen Reserviertheit, aber mit dem Begriff „Freund“ gehe ich sparsam um. Nicht jeder Bekannte, selbst wenn ich ihn sympathisch finde oder öfters mit ihm zu tun habe, ist deswegen gleich ein Freund. Und wenn ich jemanden doch als Freund bezeichne, dann hat das eine besondere Bedeutung. Dann geht es um eine belastbare Beziehung.

Es ist aus dieser ziemlich hanseatisch geprägten Sicht nicht einfach, etwas Allgemeingültiges über das Thema zu schreiben. Also Vorsicht! 😉

Würfel4

Aber wieso komme ich überhaupt darauf?

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Autistin, ihre Freunde hätten zu ihr gesagt, sie solle ihre Freundschaften besser pflegen. Und sie fragte mich, was es denn heiße, Freundschaften zu „pflegen“. Vorgestern erschien dann im Anschluss an eine Diskussion im Web ein Blogpost von Maedel, in dem das Thema ebenfalls anklang. Die Bloggerin bat mich, aus neurotypischer Sicht Stellung zu nehmen. Was ich zumindest für diesen Teilaspekt versuchen will.

Freundschaften sind für Neurotypische nicht statisch, sondern dynamisch. Das gilt für alle Form von Beziehungen. Freundschaften und Freundeskreise ändern sich mit der Lebenssituation, in der man sich aktuell befindet. Achtjähriger ging ich mit Gleichaltrigen auf Entdeckungstour über Trümmergrundstücke, Hinterhöfe und Baustellen in dem Arbeiterviertel, in dem ich damals wohnte. Freunde waren dabei wichtig, denn auch andere Banden waren unterwegs. Nur in ausreichender Mannstärke durften unsichtbare Grenzlinien überschritten werden. Die Kindergesellschaft war archaisch und roh.

Inzwischen bin ich erwachsen und lebe woanders. Die Anderen aus der Truppe von damals auch. Wir bauen keine Verstecke mehr in den Gebüschen am Hang, hinter dem letzten Häuserblock liegt nicht mehr der Wilde Westen. Der Zusammenhalt von damals ist ziemlich schnell zerfallen. Er war abhängig von der Funktion (Schutz in der Gruppe) und den Aktivitäten, also den Abenteuern von uns Lausbuben.

Nur einen der Nachbarjungs traf ich später mal an der Uni wieder. Als Buttjer hatte er schon einen Blick für Steine mit glitzernden Mineralien gehabt. Große Feldspäte waren ja für uns Knirpse wertvolle Edelsteine! Nun studierte er Geologie. Und er fragte mich, warum man mich denn nicht dort sähe, wo „man sich so träfe“. Er meinte bestimmte Studentenkneipen. Nun, ohne Vorlieben für Alkoholisches bin ich kein Kneipengänger. Auch die Geologie bildete keine gemeinsame Achse. Ich besuchte als Nebenfächler andere Lehrveranstaltungen als er, also wurde nichts aus der Auffrischung der alten Freundschaft. Aber mit denen, die ich von gemeinsamen Exkusionen, Grabungen und Seminaren kannte, traf ich mich auch privat.

Je intensiver die gemeinsamen Erlebnisse waren, desto besser klappte es auch mit Freundschaften. Wenn man einem mit Bohrkernen beladenen Bully aus einem Moorloch befreien musste, auf einer Exkursion einen Gewaltmarsch überstanden oder einen Pass auf 3000 m Höhe erreicht hatte, dann bot einem auch ein sonst so spröder Dozent das „Du“ an.

Das ist wechselseitig: Gemeinsames Tun bestärkt (oder begründet!) die Freundschaft, Freundschaft befähigt zu gemeinsamem Tun.

Freundschaft ist also funktional. Sie hat einen funktionalen Sinn und unterliegt funktionalen Mechanismen. Eine nüchterne Erkenntnis. Erschreckend für diejenigen, die nie hinter die Kulisse von ethisch verbrämtem Pathos geschaut haben.

Allerdings geht wirkliche Freundschaft weiter als einfach nur Kameradschaft, die nur auf eine Lebenssituation (Schule, Beruf, Reise, Mannschaftssport usw.) bezogen ist und nicht zwingend Sympathie beinhalten muss. Der Sinn (die Funktion) von Freundschaft kann auch darin bestehen, das Gefühl zu haben, sich auf den Anderen verlassen zu können und nicht allein zu sein. Egal, ob nun eine bestimmte Aufgabe gemeinsam zu meistern ist oder nicht. Und dann endet eine Freundschaft auch nicht, wenn man in einen andere Lebensphase eintritt.  Das ist dann das eigentlich Schöne an einer guten Freundschaft.

Aber damit wird es etwas diffus. Es wird schwer, zu beschreiben, was eine Freundschaft ausmacht und was sie erhält. Auch hier spielt gemeinsames Tun eine Rolle. Gemeinsames Tun, auch ohne eine erkennbare Funktion dieser Handlung. Einander Anrufen, auch wenn man nichts Konkretes mitzuteilen oder zu verabreden hat, sondern „einfach so“. Gemeinsam essen, auch wenn es, um sich zu ernähren, auch solo ginge. Der von meinem Kommilitonen erfragte Kneipenbesuch. Ins Kino gehen, auch wenn das Programm dort nicht so prickelnd ist. Bei Frauen: zusammen shoppen, auch wenn man nichts braucht. Das ist mit der Pflege von Freundschaften gemeint.

Rational betrachtet ist das alles sinnlos. (Das wurde hier schon mal angesprochen.) Aber die Spiegelneuronen (ja, ich bin wieder bei meinem Lieblingsthema!) werden aktiviert, und die steuern nun mal den Zusammenhalt, auch die Entstehung von Freundschaft.

„Wollt ihr ’n Bier?“ fragt der Nachbar auf der Terasse die Handwerker und anderen Nachbarn, die wegen irgendeiner Gartensache da zusammenstehen. Das gemeinsame Bierdose in der Hand halten und über die unfertige Gartenmauer, kurze Zeit später über Fussballergebnisse zu reden, ermöglicht also Kontakte, Vertrauensaufbau, vielleicht im weiteren Verlauf auch gegenseitige Hilfeleistung, eine „schwarze“ Handwerkerstunde, oder dann irgendwann Freundschaft. Mein Nachbar kennt -zig Leute aus der Straße und dem Stadtviertel. Da ich, wie oben angedeutet, kein Bier mag, mich auch nicht für Fussball oder Autos interessiere und zudem von eher introvertierte Wesensart bin, habe ich so keine Chance!

Ich kann also keine Freunde über Main-Stream-Aktivitäten (mit der Bierdose in der Hand Zusammenstehen) finden, sondern nur über meine nicht so gängigen Interessen. Damit wird der Kreis der Kanditaten erheblich kleiner. Aber es ist trotzdem möglich, Freundschaften zu schließen. Es macht nur mehr Arbeit.

Ich vermute mal, dass auch Autisten Freunde in erster Linie aus dem Bereich ihrer Spezialinteressen gewinnen. Aber wie sieht es dann jenseits des Vereins und der Hobbygruppe aus? Dann, wenn es nicht möglich ist, die Kontakte mit den unter Neurotypischen üblichen Sozialtechniken zu „pflegen“?

Meine These: Auch das geht! Und zwar dann, wenn es wirklich gute Freundschaften sind. Die halten nämlich was aus! Auch, dass sich einer in einer für ihn stressigen Situation (Party oder so) ausklinkt oder dass bestimmte Dinge (z. B. Spontanbesuche) einfach nicht gehen. Ich kann als Neurotypischer meine Spiegelneuronen auch aktiv halten, wenn ich an meinen autistischen Freund einfach nur denke. Ich muss nur wissen, warum er sich soundso verhält und das mit einem „Ist so!“ akzeptieren. Ich muss Abmachungen treffen, Regeln vereinbaren. Es braucht den Mut, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Lernen, – ja, es braucht die Bereitschaft zu fragen und zu lernen!

Muss doch möglich sein!

Oder?

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4 Kommentare
  1. Anita permalink

    Hallo Ismael,

    Du hast einen guten Ausdruck gebraucht, der eigentlich getrennt gehört von Freundschaft.

    Kameradschaft

    Manchmal kann man Freund und Kamerad sein. Aber selten.

    Aber manchmal ist eben nur manchmal.

    Eine wirkliche Freundschaft kann auch „ruhen“ ohne Schaden zu nehmen.

    Der Begriff Freundschaft wird aber, gerade in Zeiten von FB sehr stark überansprucht.

    Du sprachst von Belastbarkeit und von der Gabe zu fragen, wenn man was versteht. Gerade am Anfang einer Kameradschaft, aus der sich vielleicht Freundschaft entwickeln kann, ist dies aber schwierig.

    LG Anita

    • Viele interessante Aspekte, liebe Anita!

      Auch Kameradschaft hält einiges durch. Genauer: Sie ist für das gemeinsame Meistern von Anstrengungen da. Mir fällt gerade ein Komminitone ein, der mit einer Seminararbeit nicht klar kam. Er wollte zwei oder drei Tage vor seinem Referatstermin das Thema zurückgeben. Das hätte bedeutet: kein Schein für dieses Hauptseminar und ein schlechter Eindruck beim Prof. Es war in der Tat ein undankbares Thema, das er da hatte. Es konnte kein spannendes Ergebnis dabei herauskommen, egal, wie man da heranging. Das Material gab einfach nichts her. Aber wenigstens mit methodischer und solider Arbeit sollte er punkten können, meinten wir anderen, ließen unsere eigene Arbeit liegen und zogen die Sache im Team in einer Nacht durch.

      Ich mochte den Typen nicht besonders, hatte aber auch nichts gegen ihn. Wir waren nicht befreundet. Aber in dieser Nacht waren wir alle ein Team, wir hielten zusammen, und das zählte. Das meinte ich mit Kameradschaft.

      Du schreibst: „Der Begriff Freundschaft wird aber, gerade in Zeiten von FB sehr stark überansprucht.“

      Ja, stimmt. Wobei einem klar sein muss, dass „friend“ im englischen nicht nur „Freund“, sondern auch einfach nur „Bekannter“ bedeuten kann. Ich bin da noch vorsichtiger und rede manchmal nur von „Kontakten“.

      „Eine wirkliche Freundschaft kann auch “ruhen” ohne Schaden zu nehmen.“
      Nur sollte das zweckmäßigerweise so vereinbart werden, damit es nicht zu Irritationen kommt.

      „Du sprachst von Belastbarkeit und von der Gabe zu fragen, wenn man was versteht. Gerade am Anfang einer Kameradschaft, aus der sich vielleicht Freundschaft entwickeln kann, ist dies aber schwierig.“

      Ja, ganz bestimmt! In der Kohlenstoffwelt kann ich es mir zwischen Autist und NT nur so vorstellen, dass sich eine Kameradschaft in einem Interessengebiet so intensiviert, dass zwei ihre Sympathie zueinander entdecken, ihre Wertschätzung zueineinder zum Ausdruck bringen, und dass dann so auch Vertrauen entsteht.

      Im Internet ist es etwas paradox. Gerade die Halbanonymität, die räumliche Distanz und die Möglichkeit, im Notfall auf das X rechts oben zu klicken, ermöglicht manchmal eine verblüffende Offenheit. Ich habe so schon mehrere (allerdings wenige) „echte“ Freundschaften geschlossen. Und das mit Menschen, deren Lebensstil und deren Vorlieben für Musik, Literatur, Freizeitbeschäftigungen usw. gänzlich anders sind als bei mir. Für mich immer wieder erstaunlich! Aber unglaublich schön! 🙂

      • Anita permalink

        Zitat: „Ich mochte den Typen nicht besonders, hatte aber auch nichts gegen ihn. Wir waren nicht befreundet. Aber in dieser Nacht waren wir alle ein Team, wir hielten zusammen, und das zählte. Das meinte ich mit Kameradschaft.“

        Ja, so ähnlich kenne ich Kameradschaft auch. Man gibt es etwas, hilft jemandem, der in Not ist und schließt sich zusammen.

        In der (Fernseh)Werbung wird so etwas schon als Freundschaft gewertet. Was den Begriff wieder verfälscht!

        Zitat: „“Eine wirkliche Freundschaft kann auch “ruhen” ohne Schaden zu nehmen.”
        Nur sollte das zweckmäßigerweise so vereinbart werden, damit es nicht zu Irritationen kommt.“

        Tja, das hat sich bei mir bei genau 3 Menschen die ich (abseits von meinem Mann) als Freund bezeichne, einfach so ergeben! 💡

        Am Anfang gab es noch Entschuldigungnen, dass der eine sich beim anderen nicht gemeldet hatte über einen langen Zeitraum (es kam aber immer von beiden Seiten beides vor) und hat sich jetzt eingespielt.

        Das das Wort Friend eine andere Bedeutung hat als das Wort Freund ist heute den meisten Menschen überhaupt nicht mehr klar.

        Ich würde es so kategorisieren

        a – kenne ich (und grüße evtl.)
        b – Kontakt (es gibt evtl. mal ausnahmsweise eine kleine Gesprächsbasis)
        c – Bekannt (es gibt vielleicht schon zwei oder drei Berührungspunkte)
        d – Nachbar (fängt bei a an und kann gaaaaaaaaaaaanz vielleicht mal eine Freundschaft sein)
        e – Kamerad (hilft in einer Situation und kann danach schon wieder beendet sein
        f – Freund

        Und die Definition Freund ist unheimlich schwer.

        Weil jeder Mensch etwas anderes darunter erwartet. Und das Bild davon von Medien, Werbung und social Media verzerrt wurde.

        Wenn die Schule / Ärztin / Therapeutin / Jugendamt eins meiner Kinder fragt, ob sie Freunde haben…………. dann erwarten sie „soziale Kontakte auch im Nachmittagsbereich“, und implizieren, dass diese dann auch Halt und Frieden geben.
        Das eine hat aber mit dem anderen leider nicht zwangsläufig etwas zu tun.

  2. Das ist absolut möglich!
    Ismael, diesen Artikel hast du wirklich super geschrieben, er gefällt mir sehr sehr gut.
    Ich habe reflektiert und überlegt, wie meine Freundschaften zustande gekommen sind und dies fand ich sehr spannend.
    Besonders stolz macht es mich, wenn Freunde untereinander wissen woran sie sind. Wenn eine Vertrautheit und Sicherheit besteht, so wie Du es auch in deinem Beitrag beschreibst.
    Meine Freundschaften pflege ich ganz intuitiv. Wenn mir das Gefühl für manch fremde Person auch fehlt (oder ich es abblocke) so empfinde ich doch eine tiefe Zuneigung und Verbindung zu meinen Freunden. Dieses Glücksgefühl und dieser Kraftbooster die die Treffen vermitteln sind einfach unersetzlich.
    Ich schwelge gerade in Erinnerungen.
    Vielen Dank, für diesen schönen Denkanstoß. 🙂

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