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Stimming auf neurotypisch.

13. Januar 2016

Auslöser dieses Beitrags ist ein Artikel von Lian im Blog neuroqueer (sehr lesenswert!), der mich an eine scheinbare belanglose (Selbst-)Beobachtung in einem Gottesdienst erinnerte. Am letzten Sonntag saßen dort in der Kirchenbank vor mir drei Mädchen nebeneinander zwischen erwachsenen Familienangehörigen. Alle schätzungsweise so im Alter von zehn oder elf Jahren.

Das Mädel in der Mitte war die ganze Zeit in Bewegung. Aber nicht wie andere Kinder, die sich im Gottesdienst langweilen. Sie plapperte nicht, piesackte nicht ihre Nachbarinnen und focht auch keine Zöpfe aus den Lesebändchen des Gesangbuches. Sie bewegte einfach nur den Oberkörper hin und her, mal seitwärts, mal vor und zurück. Nicht in einem bestimmten Rhythmus, aber mehr oder weniger unentwegt. Ich bilde mir ein, etwas aus Internetbeiträgen von Autisten, z. B. diesem von Amythest Schaber, gelernt zu haben. Deshalb ordnete ich das Verhalten des Mädchens als Stimming ein. Keine Ahnung, ob ich damit richtig lag. Egal. Es ist ja schnuppe, was ich mir für Gedanken über fremde Menschen mache.

Interessant fand ich die Wirkung auf mich. Die Bewegungen fingen meinen Blick ein, was mir zunächst nicht bewusst war. Nicht weiter bemerkenswert, denn dass wir die Augen meist auf Dinge richten, die sich bewegen, ist naturgegeben und normal. Was mir irgendwann auffiel, war die beruhigende Wirkung, die das auf mich hatte. Das unruhige Menschenkind bildete so etwas wie den ruhenden Pol in meiner Aufmerksamkeit, obwohl die Architektur des Gotteshauses und die liturgischen Zeremonien der katholischen Messe genügend tatsächlich ruhige Pole für meine Sinne boten. Statt des wohl üblichen Impulses, das Mädchen zum Stillsitzen zu ermahnen, empfand ich die Bewegung vor meinen Augen als unglaublich entspannend.

War das Stimming, auf mich bezogen? Vielleicht so, wie sich eine Bekannte gern auf eine bestimmte Bank in einem Gewächshaus setzt, weil da ein kleiner künstlicher Wasserfall plätschert? Seit dem ich den oben verknüpften Vlog von Amythest gesehen hatte, wusste ich ja, dass ich selbst auch stimme. Allerdings hatte ich das  nur auf Stresssituationen bezogen. Wenn ich sehr unter Druck bin, renne ich nervös hin und her, was mich dann allerdings am zügigen Erledigen des eigentlich Nötigen hindert. Oder ich schnippse unentwegt mit den Fingern. Wenn ich mich in einer ausweglosen Situation fühle, „flattere“ ich mit den Händen. Aber so „ganz normal“, wenn es mir gut geht? Stimme ich dann auch?

Darüber nachdenkend machte ich mich nach dem Gottesdienst auf den Heimweg. Nasskaltes Schmuddelwetter, ich vergrub die Hände in den Parkataschen. Dort fand meine rechte Hand die nepalesische Gebetsmala. Das ist eine Perlenkette, die ich für eine christliche Variante mantrischen Betens benutze. Unwillkürlich ließ ich die Perlen durch die Finger gleiten und wiederholte dabei jedes mal einen bestimmten Gebetsvers. Immer den geichen. Bei jedem Atemzug. Alle vier Schritte. Immer wieder…

 

 

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